Der Aufsteiger

Der Verkehr, das bin ich.

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Eine solche Szene darf nicht fehlen in einem Film über den Alltag in der Spitzenpolitik: Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) wird mitten in der Nacht geweckt. Ein Schulbus ist bei Eis und Glätte in einem nordfranzösischen Wald von der Bahn abgekommen, mindestens zehn Jugendliche haben den Unfall nicht überlebt. Klarer Fall: Saint-Jean (dessen Vorname im Film kaum genannt wird) muss vor Ort sein. Gemeinsam mit seiner Presseagentin Pauline (Zabou Breitman) kommt er noch mitten in der Nacht am Unfallort an, während die Fernsehkanäle schon erste Sondersendungen bringen. Vor Ort trifft er auf den Einsatzleiter, und während überall Notarztteams durcheinander laufen und Suchtrupps nach den noch Vermissten Ausschau halten, hat die kühle Pauline nichts anderes zu bemerken, als dass Politiker und Einsatzleiter vor Übertragungsbeginn doch besser noch die Krawatten tauschen.

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Der Unfall ist aber nicht Saint-Jeans einziges Problem: Haushaltsminister Peralta gibt in einem Interview durch, dass eine Privatisierung der französischen Bahnhöfe nicht mehr ausgeschlossen werden kann –wo doch gerade Saint-Jean als Garant dafür eingetreten war, dass es nach den Häfen keine weiteren Privatisierungen mehr geben würde. Im Laufe des Films muss Saint-Jean aber erkennen, dass der Premierminister in dieser Frage nicht mehr hinter ihm steht – und selbst sein treuester Gefährte Gilles (mit einem Nebenrollen-César ausgezeichnet: Michel Blanc) wird mittlerweile unter Druck gesetzt, Saint-Jean umzustimmen.

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Intrigen als Thema, Zynismus als Motiv – das ist uns aus Filmen über den Politikbetrieb sehr vertraut. Ob als ernste Sozialkritik, spannendes Dialogdrama oder bissige Satire verkauft, Politiker-Filme zeigen uns meist eine hermetisch von außen abgetrennte Welt der Hinterzimmer, in denen Entscheidungen getroffen werden. Und selbst wenn daraus die typische Heldengeschichte des letzten Idealisten wird, geschieht das meist vor dem Hintergrund der unpersönlichen Maschinerie Politik, die von arroganten und zynischen Subjekten in Gang gehalten wird. Die „Welt da draußen“ wird entweder ausgeschlossen oder in wenigen Sequenzen abgehandelt, die somit nur schwerlich am Klischee vorbei können. Doch die Welt der Hinterzimmer ist in Der Aufsteiger nur eine von mehreren Ebenen. Regisseur Pierre Schöller (Versailles, 2008) gelingt es, einen (freilich fiktiven) Spitzenpolitiker zu porträtieren und diesen nicht nur in seinem Beruf zu verankern.

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Das funktioniert, weil Schöller seinen Film thematisch nicht auf die Intrige rund um die Bahnhofsprivatisierungen reduziert, sondern die Arbeitsroutine Saint-Jeans mit in den Blick nimmt. Anders als bei Eric Packer in Cosmopolis (2012) prallt die Außenwelt nicht am Fenster seiner Limousine ab. Und das passt gut zur Hauptfigur, die Gourmet (vor allem bekannt aus den Filmen der Brüder Dardenne) überzeugend und differenziert darstellt. Saint-Jean ist einer, der es besser machen will, der es ernst meint mit der Politik für die Menschen. Verzweifelt versucht er in einer Sequenz einen Kontakt mit diesen Menschen herzustellen, als er sich nach der Arbeit zu seinem Chauffeur Kuypers (Sylvain Deblé) nach Hause einladen lässt und eine zunächst spaßige Diskussion mit dessen Frau beginnt. Doch als hinter deren höflicher Fassade eine radikale Wut auf die Politik zum Vorschein kommt und Saint-Jean zum ersten Mal nicht nur die aktuelle Arbeit seines Ministeriums, sondern die bloße Existenz seines Amtes, seines ganzen Milieus, rechtfertigen muss, flüchtet sich der Aufsteiger schließlich doch in den Zynismus. Selbstherrlich lässt er keinen der scharfzüngigen Kommentare an sich heran, und sein verzweifelter Versuch angewandter Bürgernähe endet im Suff – Kuypers muss ihn am nächsten Morgen die Stufen zu seinem Haus heraufschleifen.

Der vielleicht spannendste Bruch Schöllers mit anderen Politfilmen aber ist die zentrale Stellung des Körpers in seinem Film, und damit die Ablehnung der dem Genre scheinbar inhärenten Körperlosigkeit. Schon in der eingangs erwähnten Szene ist das Grauen des Unfalls nicht bloß Kontextwissen der Zuschauer, sondern wird explizit gemacht. Wir sehen nicht nur verschwommene Krankenwagensirenen im Hintergrund, sondern tote Körper. Es wird gekotzt, geschwitzt und gestorben in diesem Film, und das schließlich auf so brachiale Weise, dass man sich für kurze Momente in die Geborgenheit der Ministerbüros zurücksehnt.

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Der Aufsteiger ist längst nicht frei von Schwächen. Manche der unzähligen Ideen des Films sind plump und etwas arg konstruiert, und gerade im letzten Teil wird der eine oder die andere am Privatisierungs-Plot das Interesse verlieren. Doch mag die Story an ein paar Stellen vorhersehbar sein, inszenatorisch ist Schöllers Film eine angenehme Überraschung. Ein eigentlich klassisch angelegtes Politiker-Porträt tritt einmal nicht nur als dialoglastiger Thesenfilm auf, sondern auch und vor allem als temporeicher und körperlicher Thriller. Was stark nach Hinterzimmer riecht, entpuppt sich als ziemlich leidenschaftliches Kino.

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