Leviathan

Von der Allmacht des Staates zur persönlichen Krise. Andrey Zvyagintsevs souveräne Erzählung wird durch jeden ihrer Umwege noch reicher.

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Die Justiz kennt in Leviathan (Leviafan) keine Gnade. Normalerweise verläuft ein Gerichtsprozess nach dem gleichen Schema: Staatsanwaltschaft und Verteidigung tragen ihre Argumente vor, woraufhin die Rechtsprechung folgt. Nicht so bei Kolya (Aleksey Serebryakov), der sich den Unmut des Bürgermeisters (großartig widerlich: Roman Madyanov) in einem trügerisch idyllischen Dorf an der Barentssee zugezogen hat. Das Haus, in dem Kolya mit seinem Sohn und seiner Freundin Lilya (Elena Lyadova) wohnt, liegt auf einem heiß begehrten Grundstück, auf dem die Gemeinde bauen möchte. Und weil sich der temperamentvolle Automechaniker nicht vertreiben lassen will, holt er sich seinen jungen Armeefreund Dimitri (Vladimir Vdovichenkov) aus Moskau, um für sein Zuhause zu kämpfen. Doch in einem von Korruption durchsetzten Geflecht aus Staat, Politik und Kirche kann auch ein ambitionierter Nachwuchsanwalt nichts ausrichten. Das Einzige, was Regisseur Andrey Zvyagintsev dann von der Verhandlung zeigt, ist eine Richterin, die das Scheitern Kolyas noch einmal in detaillierter Beamtensprache mitleidlos herunterrattert.

Epische Milieuschilderung

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Obwohl Leviathan ökonomischer erzählt ist als Zvyagintsevs letzter Film Elena, handelt es sich dabei um sehr viel mehr als eine klassische David-gegen-Goliath-Geschichte. Und das, obwohl der Regisseur mit einem enorm dichten und energetischen Schlagabtausch zwischen Dimitri und dem Bürgermeister beweist, dass er die Tugenden des Hollywoodkinos durchaus drauf hätte. Doch meist konzentriert er sich auf eine epische Milieuschilderung, die immer wieder ihr Zentrum verschiebt. Gleich am Anfang widmet sich der Film ungewöhnlich lange Kolyas Familie und Dimitri, ohne dass er verraten würde, worum es in dem Gerichtsprozess eigentlich geht. Aus den Unterhaltungen der Figuren, ihren Gesten und Blicken bekommt man ein Gefühl dafür, wer sie eigentlich sind und vor allem, wie sie zueinander stehen: die Männer, die am liebsten unter sich sind und sich mit Wodka gläserweise Übermut ansaufen, und die Frauen, die bei diesem Getorkel und Geprahle schnell an den Rand gedrängt werden.

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Häufig verharren Filme an der Seite ihrer Protagonisten. Leviathan zeigt dagegen, wie weitschweifig und zugleich konzentriert eine Geschichte erzählt werden kann. Mehrmals rückt die Kamera von Kolya ab, um sich anderen Figuren und ihren persönlichen Krisen zu widmen. Dem von der Pubertät gemarterten Sohn etwa, der sich mit seinen Freunden in einer Kirchenruine zum heimlichen Saufgelage trifft, oder Lilya, die sich in eine Affäre mit Dimitri flüchtet. Oft sind es auch nur sehr kurze Einstellungen, denen große Bedeutung zukommt. Einmal bleibt die Kamera an einem Armaturenbrett eines Autos hängen, auf dem sich neben Aufklebern von Ikonen barbusige Pin-up-Girls befinden. Zvyagintsev scheint die Doppelmoral in seiner Heimat krank zu machen, die mafiösen Politiker – über dem Schreibtisch des Bürgermeisters prangt ein Putin-Porträt – und der enorme Einfluss der Kirche. Überhaupt diese Heuchelei, bei den Gläubigen oder der Kirche selbst. Ein orthodoxer Priester, der auch persönlicher Berater des Bürgermeisters ist, beschließt den Film mit einer Predigt, die an Verlogenheit kaum zu überbieten ist. Von seinen Schäfchen fordert er, nach der Wahrheit zu leben, während er seinem Politikerspezi das Lügen nahelegt. Die Religion selbst dient jedoch auch als Hilfsmittel, um die Welt zu verstehen und den schweren Zeiten einen Sinn zu verleihen. Nachdem immer mehr Leid über Kolya hereinbricht, bezeichnet ihn ein anderer Priester als modernen Hiob.

Die Gegenwart wird Geschichte

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Seinen Titel hat Leviathan von Thomas Hobbes’ staatstheoretischer Schrift, in der die gleichnamige biblische Kreatur für die Allmacht des Staates gegenüber der Hilflosigkeit des Individuums steht. Aber auch das mythologische Geschöpf selbst hinterlässt im Film seine Spuren, mit einem riesigen, an den Strand gespülten Skelett eines Wals oder mit einem lebendigen Exemplar, das an prominenter Stelle im Film aus dem Wasser taucht. Nicht nur das Mythische bewahrt Leviathan trotz seines Pessimismus immer wieder davor, in sozialrealistische Schwarzmalerei abzudriften. Er ist durchdrungen von einer eleganten Schönheit, die sich in raffiniert komponierten Cinemascope-Bildern, der spröden, archaischen Landschaft, gleitenden Plansequenzen und einem reduzierten Streicherscore von Philip Glass niederschlägt. Leviathan ist kein Film, der nur als pessimistische Bestandsaufnahme des heutigen Russland funktioniert, sondern auch eine ausgesprochen souveräne Erzählung, die durch jeden ihrer Umwege noch reicher wird.

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Die Wirklichkeit ist dabei fester Bestandteil der filmischen Welt. Während die Schiffwracks, die am Ufer begraben liegen, etwa an eine morbid romantische Vergangenheit erinnern, bringt uns Lilyas Arbeit in einer Fischfabrik wieder in die ernüchternde Gegenwart zurück. Das Gewesene taugt in Leviathan ohnehin nur dazu, um verramscht zu werden, so wie die Porträts von Nixon, Gorbatschow und Co., die für Kolya und seine Kumpels als Zielscheiben für eine Schießübung herhalten müssen. Für die aktuellen Politiker, sagt einer der Suffköpfe, fehle es noch an historischer Distanz. Aber die Jetzt-Zeit wird schneller Geschichte, als man glauben möchte. Deutlich wird das in einer brachialen Szene, in der das umstrittene Haus dem Erdboden gleichgemacht wird. Der bedrohliche Kran, der die Fundamente einer Familie plattmacht, wirkt dabei wie das alttestamentarische Ungeheuer, nach dem Zvyagintsev seinen Film benannt hat.

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Kommentare


Manfred Bruckner

Großartig ist meines Erachtens auch die Einbindung in die Naturbildsequenzen am Anfang und am Ende.


ule

Old School Poltik Film mit Tarkowsky Ästhetik er 80er Jahre (offensichlicht lassen sich damit wieder Leute begeistern, die die Originale gar nicht kennen) Ich mag dem Film nicht viel abgewinnen, gerade auch weil er so holzhammermäßig Russland als korruptes Schweineregime inszeniert, als riesengroße Depression anhand einer durchgängig alkoholisierten kafkaesken Ungerechtigkeitsmaschinerie. Ja, so stellt sich der westliche Demokrat die russische Politmafia vor, grunsätzlich betrunken und abgrundtief verschlagen. Mit Verlaub , damit lassen sich ausschließlich Klischees bedienen. Das ist alles sehr eindimensional, und auch wenig interessant, gerade vor cineastischen Hintergrund. Der Film kann durchgängig als Propagandafilmrolle gegen Putins Regime interpretiert werden und wird wohl auch daher mit den vielen -westlichen- Preisen, politisch instrumentalisiert , überhäuft. Im Grunde ein plumper Film. Wäre ich Russe und Putin Kritiker, würde ich mich dennoch über den Film aufregen.


Steffen M.

Zustimmung zu ule: Ein Schmerzensmann, eine unmotiviert urplötzlich ohne Schlüpfer auftauchende Ehefrau mit ständig mürrischen Sahra-Wagenknecht-Gesicht sowie ein grundböser, natürlich dazu noch fetter und hässlicher Bürgermeister als Vertreter der Politik (dessen bemerkenswerte schauspielerische Leistung niemand hervorhebt)- das ist das Personal des überlangen Streifens, der es der grundbösen Kirche und dem Teufel Putin mal so richtig gibt. Palme und Golden Globe waren die Folge, natürlich wegen der künstlerischen Qualität und nicht aus politischen Gründen (wer's glaubt).

Außerdem ist mir nicht klar, warum bis auf wenige Ausnahmen alle Kritiken von einem Ort an der Barentssee schreiben. Wenn ich mich richtig erinnere, tragen alle vorkommenden Autokennzeichen die nicht regional zuordenbare 94.


Michael

Ich versteh die Aufregung nicht ganz. Ist es problematisch, ein totalitäres Land als totalitär darzustellen? Und warum? Weil es dem Mainstream enstpricht? (Wobei ich in Deutschland ehrlich gesagt nicht soviel von russlandkritischen Filmen aus Russland mitbekomme.) Und ist es nicht auch ein wenig paternalistisch, wenn Ausländer einem Regisseur, der einen Film über sein Land gedreht hat, vorwerfen, er würde sich bei westlichen Russland-Kritikern anbiedern?

Wichtiger als solche Fragen ist für mich ohnehin, ob „Leviathan“ als Film etwas taugt - und das tut er. Welcher politischen Agenda er sich dabei bedient, ist mindestens zweitrangig. Wer nach solchen Kriterien Filme bewertet, verpasst etwas – zum Beispiel viele großartige Filme, die politisch fragwürdig sind. Und natürlich kann man sich darüber aufregen, dass Preise aus den falschen Gründen vergeben werden. Solange es aber einen Film trifft, der sich eben nicht nur über sein Thema definiert (wie „Leviathan“ oder zuletzt „Taxi“ von Jafar Panahi) ist mir das ziemlich egal.

Und was die Information mit der Barentssee angeht: Das stand im Presseheft.


ule

Niemand regt sich auf Michael ;-) Der Film "taugt" z.B. aus meiner Perspektive ganz und gar nicht, sonst hätte ich ja nichts kritisches geschrieben. Der Film ist in seiner kompletten Dramaturgie einfacher hervorsehbar als GZSZ und bedient politische, nicht cineastische Klischees. Gerade die "politische Agenda" ist hier nicht "zweitrangig" wie Du schreibst, sonder diese wird erstrangig hervorgehoben, nahezu ausschließlich auf die Fahne geschrieben (manchmal fragte ich mich, wo ist der Film ?) Und da Du auf "Taxi" zu sprechen kommst. Das ist ein Film(chen), das eben nicht sein Land pauschal dämonisiert und diskreditiert mit fetten, hässlichen Fratzen aus der Hölle, die alles verschlingen, was sich bewegt und anderer Meinung ist. Nein, Taxi ist ja eher pfiffig inszeniert. Kein wirklich toller Film, aber eine nette politische -nicht cineastische- Fingerübung. Das kann ich so stehen lassen, auch weil es sich nicht so aufdringlich zum großen Meisterwerk aufplustert wie Leviathan es tut, der m.E ein handwerklich exzellenter Film (mit viel cineastischer Patina) ist, aber eben auch naives System-Bashing betreibt. Das hat stellenweise das Niveau von Blockupy - Verlautbarungen: "Die Welt ist einfach schlecht, weil die Mächtigen -ach herrjeh- sind allesamt korrupte Schweine". Auch gegen letzteres hab ich gar nichts einzuwenden, wenn es argumentativ ausgearbeitet wird, aber aus Leviathan ein "Meisterwerk" abzuleiten, wie viele Institutionen dies tun, liegt mir sehr fern und das sollte erlaubt sein , ohne gleich wieder einem "Paternalismusvorwurf" ausgesetzt zu werden (wie soll man denn überhaupt politische Filme aus anderen Ländern kritisieren ?) . Wie auch immer, die Welt ist sehr komplex und gerade darum nerven mich die zum Teil einfachst konstruierten Zusammenhänge in Leviathan.


max

so viel anders ist es aber auch nicht in D oder Ö. man kann auch von RUS abstrahieren






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