Letters from Iwo Jima

Wie Flags of our Fathers, so bettet Clint Eastwood auch Letters from Iwo Jima in eine Rahmenhandlung. Hier steht allerdings tatsächlich die Schlacht auf der Insel im Vordergrund. Die Protagonisten sind diesmal Japaner, die Perspektive bleibt allerdings eine analytisch-universelle. Und sie ist geschult am mythologischen Ursprungsphantasma des amerikanischen Kinos.

Letters from Iwo Jima

Die amerikanische Geschichte ist eine der technischen Entwicklung ihrer Waffen. Nicht umsonst trägt der berühmteste Western des kreativen Zweigestirns Anthony Mann und James Stewart den Namen Winchester ’73 (1950): dieses frühe automatisch nachladende und in schneller Folge viel Munition abfeuernde Gewehr war ein wichtiger Schritt zum maschinellen Töten – im außermilitärischen Bereich. Adorno hat von der Überforderung des menschlichen Individuums in Anbetracht der maschinellen Materialschlacht des Ersten Weltkrieges gesprochen. Der amerikanische Film ist seit jeher beseelt von diesem Phänomen.

Vor allem im Western spielt die Wahl der Waffen eine entscheidende Rolle. Die technische Fortentwicklung macht das Duell Mann gegen Mann obsolet, was eines Tages auf das ganze Genre zutrifft. Genau davon spricht Sam Peckinpah immer wieder in melancholischem und elegischem Ton, wenn The Wild Bunch (1969) den Western qua Maschinengewehr und mexikanischer Armee in den Kriegsfilm überführt, das Automobil dort und noch ostentativer in Abgerechnet wird zum Schluß (The Ballad of Cable Hogue, 1970) als Vorbote einer furchtbaren technisierten Zukunft erscheint. Edward Zwick, derzeit mit Blood Diamond in den Kinos, verhandelte bereits in The Last Samurai (2003) Adornos Reflexion. Schon dort wurde dem Waffen- und schießwütigen Amerika eine ehrenvolle Gruppe wahrer Kämpfer entgegengestellt: die Samurai. Auch sie enden in Maschinengewehrsalven.

Letters from Iwo Jima

Nun sehen sich die Japaner, zum Teil immer noch mit Säbel und Einschussgewehr ausgerüstet, erneut dem amerikanischen Feind gegenüber. Wieder ist es das entscheidende Duell, diesmal nicht am Ende des neunzehnten, sondern in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Und wieder dient das Automobil als Beispiel für die Überlegenheit der Westkräfte. Mit einem vielfachen an Personal, in einer Armada von Kriegsschiffen und Landungsbooten, fallen sie auf Iwo Jima ein, dem letzten Refugium Japans.

Ken Watanabe ist der offensichtlichste Link zwischen The Last Samurai und Letters from Iwo Jima. Der japanische Schauspieler verkörpert General Kuribayashi, den militärischen Befehlshaber der Pazifikinsel. Ihn baut Eastwood als zentrale Figur auf, neben seiner persönlichen stehen noch die Geschichten der einfachen Soldaten Saigo und Shimizu im Vordergrund. Die beiden sind insofern universelle Figuren, als dass sie sich am wenigsten an den japanischen Traditionen orientieren, sondern vor allem eines im Sinn haben: Überleben. Denn ein Großteil ihrer Mitstreiter sieht dies anders: eine Niederlage ist gleichbedeutend mit Ehrverlust, einzig der Selbstmord bleibt. Diesem rigiden Denken stellen sich die jungen Saigo und Shimizu entgegen. Dabei avancieren sie in der Logik des Films zu beispielhaften Vertretern von Zivilcourage – Ungehorsam als gelebter Humanismus. Kuribayashi hingegen ist ein Mittler. In den Höhlen Iwo Jimas versucht er die Amerikaner so lange wie möglich mit moderner Kriegsführung zurückzuschlagen – ohne Aussicht auf Sieg und im festen Bewusstsein, dem Vaterland nur per Tod dienen zu können. Dabei erinnert sich der Militär immer wieder an seine eigene Zeit in den USA, wo er als Soldat, Diplomat und Mensch anerkannt, ja, ein Freund war. An seiner Seite steht ein weiterer „Globalist“, Baron Nishi, seines Zeichens Reitolympiasieger von 1932. Die Spiele fanden in Los Angeles statt, Mary Pickford und Douglas Fairbanks zählen zu seinen Bewunderern. Gemeinsam stoßen Nishi und Kuribayashi lieber mit Johnny Walker denn mit Sake an.

Letters from Iwo Jima

Letters from Iwo Jima ist ganz als Spiegelung angelegt. Am offensichtlichsten ist dies im Rückbezug auf Flags of our Fathers (2006), wo Eastwood den Kampf um die Insel aus amerikanischer Perspektive erzählte. Doch der Regieveteran lässt sich in dieser Konstruktion auf keinerlei Spielerei ein. Die Darsteller des ersten Teils tauchen hier nicht einmal am Rande auf, das Hissen der Flagge ist diesmal kein direktes Thema und die Aufnahme bekannter Motive verläuft subtil, nicht als direkter Gegenschuss. Vielmehr entwirft Eastwood innerhalb des japanischen Teils immer wieder Szenarien, die einander reflektieren. Die Behandlung Gefangener und Verletzter ist so ein Diskurs, aber auch andere Details, wie die titelgebenden Briefe, werfen in immer neuen Perspektiven wechselndes Licht. Das Zitieren der Worte einer amerikanischen Mutter durch Baron Nibishi ist einer dieser Momente. Wenig später ist von der universalen Sprache der Mütter die Rede.

Letters from Iwo Jima

Flags of our Fathers als Einzelfilm war eine Kontemplation über die Konstruktion von Mythen und ein doch sehr deutlicher Appell gegen Krieg. Dessen Sinnlosigkeit, die Fadenscheinigkeit und moralische Unzulässigkeit der Begriffe Sieger und Verlierer, war von Anfang an bestimmender Duktus des Films, auch auf Dialogebene. Der technische Diskurs in Letters from Iwo Jima erweitert die Mythenreflektion in einer epischen Rede. Beim Luftangriff der Amerikaner stirbt als allererstes das Pferd Nishis. Tiefe blutende Krater klaffen in diesem Frontsymbol der Frontier. Und genau der hier mitgedachte Mythos der Frontier verweist auf die bis heute geltende Logik amerikanischer Politik: das Verteidigen der eigenen Grenze, die immer auch als ideologische Grenze zwischen Freiheit und Barbarei gedacht wird, notfalls als Präventivschlag in der Fremde. All das, um die Familien zu schützen. Aber genau dort schlagen Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima in die Kerbe, wenn vor monochromen, einer schmalen und düsteren Palette entsprungenen Farben, die universale Sprache der Mütter propagiert wird. Ihre Söhne werden nicht gerettet, sie sterben. Auf beiden Seiten. Was bleibt, ist die archaische Rede der Mythologie.

Kommentare


Grettli

ein wahres Meisterwerk! Eastwood schafft es einen Film zu zeigen der abseits von gut und böse stattfindet. Es wird kein mir bekanntes Klischee bedient, Kriegsverbrechen werden schließlich von beiden Seiten begangen und Watanabe legt eine schauspielerische Leistung an den Tag das man einfach nur von der Persona des Generals gefesselt ist. Er hätte den Osca verdient!






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