Let Me In

„Do you know where your children are?” Das US-Remake des schwedischen Horrordramas So finster die Nacht (2008) platziert ein einsames Vampirmädchen in den Kalten Krieg der Reagan-Ära.

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Es schneit fast ununterbrochen in Matt Reeves Let Me In. Das tut es auch in Tomas Alfredsons Vorlage So finster die Nacht (Låt den rätte komma in). In beiden Filmen dient der Schnee als Sinnbild einer sozialen Kälte, die die Protagonisten umgibt, doch während bei Alfredson lediglich ein Zauberwürfel darauf hinweist, dass die Handlung in den 1980er Jahren spielen könnte, verortet Reeves sein Remake ganz konkret in den März des Jahres 1983. Es ist der Monat, in dem Ronald Reagan vor einer christlichen Vereinigung seine berüchtigte Rede über das „evil empire“ der Sowjetunion hielt und damit den Kalten Krieg noch einmal anheizte oder vielmehr unterkühlte. 

In der hektischen Eingangssequenz, die an Reeves Monsterspektakel Cloverfield (2008) erinnert und in einem Krankenhaus endet, läuft im Hintergrund Reagans Ansprache im Fernsehen. Er spricht davon, dass es „Böses“ in der Welt gebe, Amerika aber „gut“ sei. Das Böse sei da draußen, und währenddessen blickt eine Krankenschwester durch eine Glastür nach draußen, wo ein durch Verätzungen entstellter „böser“ Mann tot im Schnee liegt, nachdem er aus dem Fenster gesprungen ist und zuvor von einem Polizisten gefragt wurde, ob er „Satanist“ sei. Doch spätestens seit Das Grauen kommt um Zehn (When a Stranger Calls, 1979) weiß der Horrorzuschauer, dass sich das Böse nicht immer vor der Tür befindet, sondern manchmal im eigenen Haus ist. Für den jungen Einzelgänger Owen (Kodi Smit-McPhee, The Road, 2009) sind die Bösen nicht seine neue Vampirnachbarin Abby (Chloë Grace Moretz) und ihr mysteriöser Gehilfe (Richard Jenkins), der für sie Blut besorgt, sondern seine Klassenkameraden, die ihn mobben und misshandeln.

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Das Dunkle und Unheimliche entdeckt Owen auch in sich selbst. Er wächst ohne Freunde und Vater auf und wohnt mit seiner Mutter in einem tristen Apartmentkomplex in Los Alamos, New Mexico. In dessen Innenhof trifft er auf Abby, die ihrerseits keine Mutter hat und ihren Gehilfen lediglich als Vater ausgibt. Reeves begründet die Verlegung des Schauplatzes nach Los Alamos damit, dass dort Ratio und Glaube aufeinander treffen. Durch die Forschungseinrichtung der US-Regierung ist es eine Ortschaft mit zahlreichen ansässigen Wissenschaftlern und gleichzeitig die mit der höchsten Anzahl von Kirchen pro Einwohner in den USA. Dagegen lebt die Hauptfigur in John Ajvide Lindqvists Romanvorlage in einer Stadt mit keiner einzigen Kirche. Die religiösen Elemente, die Reeves seiner Neuverfilmung hinzugefügt hat, sind die auffälligsten Abweichungen von der Originalvorlage und spiegeln das Klima der frühen 1980er Jahre in den USA wieder: Reagan war eng mit dem christlichen Fundamentalismus verbunden, die religiöse Rechte gewann zunehmend an Einfluss, und während der sogenannten „satanic panic years“ glaubte eine Reihe von US-Amerikanern an eine landesweite Verschwörung von Satanisten, die angeblich ihre Kinder verhexen würden.

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In Let Me In betet Owens Mutter vorm Dinner und hört religiöse Radioprogramme. An ihrem Schlafzimmerspiegel hängt ein Bild von Jesus, der Owen einmal dabei zu beobachten scheint, wie er Geld aus dem Portemonnaie seiner Mutter stiehlt. Wiederholt erklingt ein Soundtrack, der aus Das Omen (The Omen, 1976) stammen könnte. Fast die gesamte Handlung ist von Musik untermalt, die gefühlvolle Situationen mitunter recht aufdringlich betont, oder von einem bedrohlichen Wummern, das die Spannungsmomente unterstreichen soll. Obwohl Reeves viele Szenen aus Alfredsons Genre-Mix kaum verändert übernommen hat, ist seine Version insgesamt eindeutiger. Die Dialoge sind erklärender, einige Gewaltszenen expliziter, und die Hauptfigur erscheint im Gegensatz zum langhaarigen, platinblonden Schweden Oskar weniger androgyn. Bereits in der Exposition setzt der Autor und Regisseur den Schwerpunkt stärker auf Action statt auf Atmosphäre, die bei Alfredson zum Beispiel in einer Mordszene im Schnee mit weißem Pudel als Zeugen oder durch eine an Die Vögel (The Birds, 1963) erinnernde Katzenattacke Schauriges und Skurriles vereint. Besonders der Showdown im Schwimmbad, der in So finster die Nacht gerade durch die Reduzierung des Tons so eindringlich wirkt, verliert in Reeves Umsetzung durch zuviel Geschrei an Wirkung.

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Let Me In ist trotz seiner überzeugenden Jungdarsteller als Außenseiterdrama und Coming-of-Age-Geschichte weniger berührend als sein Vorgänger und bietet dafür mehr klassische Horrorunterhaltung. Nach Cloverfield demonstriert Reeves erneut seine Vorliebe für ungewöhnliche Kameraperspektiven, die aber vor allem dem größtmöglichen Effekt dienen statt immer einen narrativen Sinn zu ergeben. Ein trübes gelbliches Licht dominiert die Bilder, und die Kamera lauert wie ein unsichtbarer Angreifer häufig im Rücken oder Nacken der Figuren. Dass die kleine Vampirin hier anders als bei Alfredson keine schwarzen Haare und dunklen Augenschatten trägt, sondern wie ein nettes und gesundes all-american girl aussieht, kann man allerdings als schönen Seitenhieb auf Reagans Vorstellung von Gut und Böse verstehen.

Trailer zu „Let Me In“


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Kommentare


Richard

Zitat: (...) doch während bei Alfredson lediglich ein Zauberwürfel darauf hinweist, dass die Handlung in den 1980er Jahren spielen könnte (...)

In "So finster die Nacht deutet auch eine Meldung in einer Nachrichtensendung im Radio darauf hin, dass es sich um das Jahr 1981 oder 1982 handeln müsste: es wird verkündet dass Leonid Breschnew schwer erkrankt sei (Breschnew, der damalige "Kreml-Chef" starb im November 1982).


Frédéric Jaeger

Danke für den Hinweis! Was für ein Gedächnis ...






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