L’esquive

Wenn man 15 Jahre alt ist und verliebt, dann passiert nicht unbedingt viel, aber es wird umso mehr geredet. Der französische Regisseur Abdellatif Kechiche inszeniert in L’esquive ein heftiges Wortgewitter, das Krimo ungewollt auslöst, nur weil ihm Lydia gefällt. Nichts Besonderes, könnte man denken, aber so sprachgewaltig und eindringlich dargestellt, dass dieser Film bei der Verleihung des französischen Filmpreises gleich vier Césars gewonnen hat.

L’esquive

Hier wird auf den Kopf der Mutter geschworen, da auf das Grab der Großmutter, dort auf den Koran. Ein Wortgeschwader jagt das nächste, schärfste Vokabelartillerie schießt aus den Mündern der Jugendlichen. Die Sprache explodiert, die Wörter multiplizieren sich, die Interpunktionen verschwinden. Der Sound ist rhythmisch und aggressiv. Mit der geballten Wucht ihres Teenagerdaseins treffen sie in den Zwischenräumen der mit Sozialbauten zugepflasterten Pariser Vorstadt aufeinander, um sich lautstark zu manifestieren.

Die Aufregung ist groß in L’esquive, dem neuen Film des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche: Der wortkarge Krimo (Osman Elkharraz) hat sich unsterblich in seine selbstbewusste Klassenkameradin Lydia (Sara Forestier) verliebt, die gerade leidenschaftlich die Verwechslungskomödie Das Spiel von Liebe und Zufall (Le Jeu de l’amour et du hasard, 1730) des französischen Dramatikers Marivaux einübt. Also versucht er sich als Bühnenpartner in ihr Leben einzuschleichen, doch bei der ersten Probe im kunterbunten Harlekinskostüm fühlt Krimo sich neben der ausdrucksstarken Lydia völlig überfordert und steht vor den spöttischen Augen der Klasse nicht wirklich seinen Mann.
Ob die zwei nun zusammenkommen werden oder nicht, diese Frage ausführlich in endlosen Streitgesprächen zu diskutieren entwickelt sich zur Hauptbeschäftigung der Clique um die beiden, die genervt ist von Lydias ständigen Ausweichmanövern – französisch „esquives“.

L’esquive

Kechiche inszeniert mit L’esquive zu aller erst ein Sprachkunstwerk, das den Slang der Pariser Vorstädte, dem sogenannten verlan, huldigt. In den achtziger Jahren als identitätsstiftende Protestsprache entwickelt, hat sich die Kunst des Wörterverdrehens und Neuerfindens unter französischen Jugendlichen durchgesetzt. Insbesondere die rapartigen Wortduelle zwischen Lydia und ihrer impulsiven Freundin Frida (Sabrina Ouazani) zeugen davon, wie melodisch verlan trotz des wahren Feuerwerks an vulgären Ausdrücken eigentlich ist. Kechiches Protagonisten dokumentieren eindringlich und durchweg authentisch diesen äußerst kreativen Umgang mit Sprache.

Die Kamera hat Mühe dem Sprachgewitter zu folgen: Vornehmlich in Großaufnahme registriert sie akribisch die Artikulationen der Jugendlichen, schwenkt hin und her zwischen den einzelnen Sprechern und wird somit zum Spielball ihrer Wortgefechte. Gleichzeitig verschwindet die triste Vorstadt, eine nördliche Pariser banlieue, völlig aus dem Blickfeld, was zählt sind die Sprache, Gestik und Mimik. Marivaux’ Spiel von Liebe und Zufall als mise-en-abîme und sprachlicher Kontrapunkt bildet die Folie für diesen Film, der sich vor allem aus theaterhaften Performances zusammensetzt.
Kechiche verlässt sich dabei völlig auf seine buntgemischte Gruppe von wunderbaren Darstellern, zum Großteil Laien, die außer ihrem Slang und der Vielfalt an unterschiedlichen Hautfarben mit den banlieue-Stereotypen herzlich wenig am Hut haben. Und das ist eine kleine Sensation. Der Pariser Norden hat schon oft im Kino eine Hauptrolle gespielt und stets das Schicksal der Protagonisten entscheidend negativ beeinflusst. Viele Filme aus den achtzigern und neunziger Jahren, die sich mit der banlieue auseinandersetzen, beispielsweise Der Tee im Harem des Archimedes (Le thé au harem d’Archimède, 1985) von Mehdi Charef oder Hass (La Haine, 1995) von Mathieu Kassovitz, beschreiben die Vorstadt vor allem als soziales Abseits. Natürlich hat das seine Berechtigung, aber Kechiche versetzt dieser Gruppe von Filmen mit der sympathischen Harmlosigkeit des Plots eine Nuance, die einen vom Klischee abweichenden Blick erlaubt. Bemerkenswert ist auch, dass die unterschiedlichen Hautfarben überhaupt keine Rolle spielen, die in anderen Werken über die banlieue zumindest für die Erwachsenen immer von gewisser Bedeutung war.

L’esquive

Vielleicht deutet Kechiche mit L’esquive auch seine eigene, künstlerische Entwicklung an. Selbst als Kind aus Tunesien eingewandert, stellte er als junger Schauspieler für das Kino auch den kleinkriminellen, maghrebinischen Jugendlichen dar, bevor er mit Voltaire ist schuld (La faute à Voltaire, 2000) seinen ersten eigenen Film drehte. Darin ging es um die problematische politische Situation von Immigranten in Frankreich, ein expliziter Bezug auf die Einwandererthematik, der mit L’esquive aus seinem Werk verschwindet.
L’esquive ist deshalb zwar ein leiser, aber keineswegs ein stiller Film. Neben den Verlautbarungen der Jugendlichen äußert er mit einfachen, wirkungsvollen Mitteln und einer kleinen Geschichte, dass das, was Krimo und Lydia trennt oder vereint keine Frage der Hautfarbe beziehungsweise des sozialen Standes ist, sondern vielmehr der Erwartungen der anderen, die ihre Beziehung öffentlich zerreden und Ergebnisse erzwingen, anstatt die beiden einfach in Ruhe zu lassen.
Übertönt hat L’esquive bei der Verleihung des französischen Filmpreises vergangenes Wochenende schließlich auch den Rummel um den singenden Internatschor im Publikumsliebling Die Kinder des Monsieur Mathieu (Les Choristes) von Christophe Barratier. Entgegen aller Erwartungen stach L’esquive, wohlgemerkt ein völlig unabhängig entstandender Film, den aufwändig produzierten Favoriten im Rennen um den besten Film, den besten Regisseur und das beste Drehbuch aus. Der César für die beste Nachwuchsschauspielerin ging an Sara Forestier für ihre Darbietung der Lydia.

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