Les deux amis

Was wir von unseren Freunden lernen, zu was sie uns inspirieren, ob wir mit ihnen besser zurechtkommen als allein und wann wir uns von ihnen trennen müssen. Louis Garrel macht sich auf die Jagd nach existenziellen Situationen und will einen entwerteten Begriff wieder zu fassen bekommen.

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„Nichts ist gewöhnlicher als das Wort, nichts ist seltener als das Ding.“ Eine Fabel von La Fontaine zitiert Regisseur und Hauptdarsteller Louis Garrel, als das Drama auf seinen Höhepunkt zusteuert: Abel (Garrel) und Vincent (Vincent Macaigne) teilen sich ein bisschen widerwillig ein kleines Hotelzimmer und kommen noch einmal darauf zurück, wie das war und ist mit ihrer Freundschaft. Bei La Fontaine geht es um Sokrates, dessen Freunde sein neues Haus kritisieren. Es sei ihm nicht angemessen, es sei viel zu klein. Seine gelassene Antwort: Ich wünschte, ich hätte so viele Freunde, wie das Haus empfangen kann. Abel und Vincent teilen sich ein Bett, bleiben aber nicht lang liegen. Zwischen ihnen stimmt etwas nicht mehr, und der Grund ist gar nicht mal unbedingt die Frau, Mona (Golshifteh Farahani), die sie nach einer durchzechten Nacht in das in die Jahre gekommene Etablissement geführt hat. In dem Augenblick aber scheint für Vincent alles daran zu hängen, dass Abel sie nicht haben darf, erst recht nicht, wenn er sie nicht selbst kriegt.

Das Drehbuch zu Les deux amis hat Garrel zusammen mit Christophe Honoré (u.a. Chanson der Liebe, 2007, Die Liebenden, 2011) geschrieben. Wie in Honorés Filmen knallt auch hier unablässig ein Feuerwerk emotionaler Dialoge. Nichts, worüber die Protagonisten nicht sprechen könnten, und wenn sie einmal etwas nicht zur Sprache bringen, dann unterhalten sie sich noch über das Nicht-Sprechen. Als die zwei mit der Frau am Schluss gemeinsam ins Hotel kommen, findet Garrel in seiner ohnehin klugen Inszenierung auch zu einer gesteigerten räumlichen Dynamik, die verdichtet, was zuvor eher nebeneinander und hintereinander stand. Die Körper der Schauspieler beziehen sich immer mehr aufeinander, und Garrel rückt nah an sie heran inmitten der heruntergekommenen Interieurs. Die Montage findet zu einer Sprache der Erregung, die Kamera schaut amüsiert auf den hochkochenden Zwist zwischen den Männern, folgt ihnen ausschnitthaft, ohne sie für allzu voll zu nehmen, nimmt parallel dazu die Trauer und Ernüchterung der Frau in den Blick, die über das Gewähren von Zutritt in ihr Hotelzimmer über Schicksale zu verfügen scheint. Die unkoordinierten Bewegungen widersprechen und verpassen sich, verraten etwas über das Leben, das die Blicke und Dialoge nicht greifen konnten. Der Ort des kurzen Aufenthalts als Prisma der Existenzen.

Die Durchdringung des Hotels kommt etwas überraschend und bringt zur Kulmination, zum Eklat und zur Klärung, was sich vorher zwar immer bewegte, ohne aber je die Intensität zu erreichen, die in den Worten heraufbeschworen wurde. Les deux amis lässt von Anfang an die Protagonisten in größter Eile und tiefster Betroffenheit aufeinander los, rennen, flüchten, suchen. Jedenfalls behauptet das die manifeste Ebene des Films. Die vielen Orte der Begegnungen wie der Pariser Bahnhof Gare du Nord, eine Kirche, ein Krankenhauszimmer und ein leeres Bistro sorgen erst dafür, dass sich die Beziehungen materialisieren. Selbst der riesige Umschlagplatz Gare du Nord wirkt in Garrels Inszenierung aber statisch, auch dann noch, wenn die höchste Aufregung, der lauteste Streit angezettelt ist. Emotionen werden  artikuliert, doch die Grundlage, das Erlebnis, wird nur als Ergebnis präsentiert.

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Als die lange Nacht bereits auf ihren Höhepunkt zusteuert, da sitzen Abel und Vincent nebeneinander in einem Nachtclub, in einem seltenen Augenblick der Intimität, die manchmal nur Menschenmengen bieten können. Sie schauen Mona zu, die mit einer Fremden tanzt. „Sie sind schön“, meint Vincent, und ergänzt: „doch das sind nur Körper“. Vincent ist in der sehr klaren Rollenverteilung derjenige, den die Frau nicht begehrt; Abel ist der Casanova, der fast nichts für seinen Erfolg tun muss. Abel sagt: „Schönheit macht alles komplizierter.“ Er weiß, wovon er spricht, denn er ist derjenige, der alles komplizierter macht für seinen Freund. Weil das Trio, das erst im Verlauf des Films zum Trio wird, die Beziehung der Männer gefährdet, lässt sich die Geschichte auch als ein Streit um eine Frau verstehen. Doch Garrel will etwas Grundsätzlicheres erzählen: davon, wie sich heterosexuelle Männer lieben können, was sie füreinander bedeuten – diese besondere Form der Übereinkunft, von der eine zweite, die titelgebende Fabel von La Fontaine erzählt.

Im Französischen gibt es gleich drei Wörter für platonische, nicht-berufliche Verhältnisse: „Connaissance“ heißt Bekanntschaft, „copain“ ist der Kumpel, eine oft locker zu verstehende, eher situative Beziehung, und dann gibt es die „amis“, das sind Freunde, die bleiben, die Bindung ist tiefer und übersteht auch mal eine größere Entfernung oder Veränderung im Leben. Vincent möchte den Status von seiner Beziehung zu Vincent verändern, von der höchsten auf die niedrigste Stufe. Les deux amis inszeniert das als den selbstverständlichen Schritt, der auf eine lange Zeit der unausgeglichenen Balance zwischen den beiden folgt; zeigt aber auch, dass man sich seine Freunde nur zu wählen glaubt. „Schon lange entdecke ich nichts Neues mehr durch dich“, wirft der eine dem anderen vor. Was als Anklage beginnt, klingt mehr und mehr wie eine Sehnsucht, die zu erfüllen nicht aussichtslos ist.

Trailer zu „Les deux amis“


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