Les Démons – Die Dämonen

My French Film Festival 2017: Dämonen im Kopf eines Kindes und ein Dämon in der Stadt. Der kanadische Regisseur Philippe Lesage verquickt in seinem Debüt zwei Filme und überzeugt vor allem dann, wenn er Verwirrung stiftet.

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Eine frankophone Vorstadt irgendwo in Kanada, Schauplatz des Alltags von Félix (Édouard Tremblay-Grenier), der ungefähr zehn sein muss und Angst hat vor allem. Irgendetwas passiert. Vielleicht passiert auch nichts, vielleicht sind es nur Sorgen, Vorahnungen, Gerüchte, Fehlschlüsse, eine Aneinanderreihung bedeutungsloser Vorfälle, die auf den fruchtbaren Boden einer regen Fantasie fallen und zu einem konstanten Unbehagen anschwellen. In Dämonen (Les démons, 2015) lesen wir die Welt auf dem Gesicht von Félix ab; der kleine Junge ist der Filter, den der Film zwischen uns und seine Begebenheiten schiebt. Wir sehen nicht die Welt, in der Félix lebt; wir sehen, wie sie auf ihn einprasselt und einwirkt, von ihm aufgenommen wird, verarbeitet, verzehrt und verzerrt. Dabei verstehen wir weder vollends, was in der Wirklichkeit vor sich geht, noch sind wir vollends imstande, das verschlossene Gesicht zu deuten.

Unsere Perspektive auf seine Perspektive

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Verträumt, geknickt, besorgt, angsterfüllt, so wirkt dieses den Film dominierende Gesicht, das genauso wenig zu uns spricht wie zu seinem Umfeld. Wir sehen, was Félix sieht, spähen mit ihm, sind auf dieselbe Weise eingeschränkt in unserer Wahrnehmung. Nichts ist vollständig: Es gibt Gesprächsfetzen und erhaschte Bewegungen, die inspizierten Überbleibsel eines Abends, von dem man ausgeschlossen war. Doch ein Film aus Félix’ Augen ist noch kein Film aus seinem Kopf. Dämonen spielt mit der Ungewissheit; Ungewissheit der Dinge, die geschehen, und Ungewissheit des Verständnisses, das Félix von ihnen hat. Versteht der Junge, dass sein Vater eine Affäre mit der Mutter seines Klassenkameraden Mathieu hat? Was geht in ihm vor, als er ebendiesen Spielkameraden bittet, sich zu entkleiden und aufs Bett zu legen? Der Zuschauer stößt an die Grenzen der Perspektive von Félix; am Ende bleibt nur die eigene auf die, unzulängliche, des Jungen.

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Dämonen ist größtenteils ein Film des Nicht-Ereignisses und ist sehr gut darin; wie sein Held fantasiert er aus dem Nichts und spielt mit der beunruhigenden Anzahl von Möglichkeiten. Einen seltsamen Bruch gibt es, als wider Erwarten eine der bislang völlig aus der Luft gegriffenen Ängste von Félix tatsächlich vom Film eingelöst wird. Ein Bruch mit der für den Film charakteristischen Ungewissheit, diesem Schwebezustand, in dem man mit seinem eigenen Unbehagen bangt, aber auch ein Bruch mit der Perspektive: Erstmalig löst sich Dämonen von Félix’ Blick und versucht sich in einem mauen Pädophilie-Thriller, der sich bemüht das Klischee vom dämonischen Täter vom Leib hält, darin aber sehr einfältig wirkt. Interessant wird es lediglich zum Schluss, als die „Dämonen“ fast aufeinandertreffen: Félix, der sich vor einer Entführung fürchtet, entdeckt auf einer Schatzsuche im Wald eine aus dem Boden ragende Mülltüte, die vermutlich den leblosen Körper eines entführten Jungen enthält; er zieht neugierig an der Tüte, aber, so will es der Film, es ist zu anstrengend, und er geht. Dem angstgeplagten Jungen bleibt ein Trauma erspart.

Der Beobachter im Mittelpunkt

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Dämonen rückt den Rand in die Mitte und belässt ihn dabei doch in seiner Randposition: Félix ist der Mittelpunkt des Films, auf ihn richtet sich aber selten die Aufmerksamkeit seines Umfeldes. Er steht als Beobachter im Mittelpunkt, nicht als Treibkraft des Geschehens. Unaufhaltsam, unbeeinflussbar folgen die Dinge um ihn herum ihrem Lauf, und er scheint darin gefangen, wenngleich nicht unbedingt auf eine beengende Weise. Dabei geht es um mehr als das Mitschwimmen, das mit dem Kind-Dasein einhergeht und das der Film sehr gut zeigt, mögen die zahlreichen Autoritätspersonen ihre Autorität auch sehr human ausüben. Konsequent verweigert der Film Félix, im Zentrum von irgendetwas zu stehen. Wenn ein Geburtstag gefeiert wird, ist es der seines Bruders; wenn ein Referat gehalten wird, sind andere Klassenkameraden dran; wenn gestritten wird, hat er die Zuschauerrolle.

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In den wenigen Szenen, in denen Félix eigenmächtig handelt, geht es interessanterweise fast immer um das Ausloten und Überschreiten von Grenzen. Philippe Lesage sät etwas gender trouble und stiftet Verwirrung; auch hier hütet sich Dämonen vor Eindeutigkeit und trifft Félix’ Innenleben damit wahrscheinlich am ehesten. Und als der so verletzlich wirkende Junge mehrmals als Peiniger gezeigt wird – Opfer ist der kleinere Klassenkamerad Alexandre –, ist die Gewalt eindeutig, die Motivation ist es aber deutlich weniger, und es bleibt etwas Zaghaftes in Félix’ Handeln, das Spannungsverhältnis zwischen der Lust an der Erniedrigung anderer und der Angst, es zu weit zu treiben. Kindheit ist in Dämonen nicht der unschuldige Raum, dessen zartes Gleichgewicht die niederträchtigen Motive der Erwachsenen zu gefährden drohen. Der Film zeigt eine der Kindheit eigene Grausamkeit, und es wäre waghalsig zu behaupten – zumindest hier –, sie sei bloßes Reproduzieren von dem, was Erwachsene tun. In Dämonen sind Kinder nicht die besseren Menschen; vielleicht sind sie die ängstlicheren.

Hier kann man sich den Film bei My French Film Festival ansehen: www.myfrenchfilmfestival.com/en/movie

Trailer zu „Les Démons – Die Dämonen“


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