Leroy

Wie einst Shaft durch die Straßen New Yorks, wandelt der schwarze Teenager Leroy durch Berlin und kämpft um die Liebe zur blonden Eva. Mit Verve und doppelbödigem Humor inszeniert Armin Völckers seinen ersten Spielfilm.

Leroy

Groovende Soulmusik, ein Vorspann so bunt und fröhlich, als sei er aus den siebziger Jahren – irgendwo zwischen der Fernsehserie Drei Mädchen und drei Jungen (The Brady Bunch, 1969-1974) und Shaft (1971). Auf letzteren verweist auch der Titelschriftzug: Leroy. Ein Wort. Ein Name. Und dieser in funkigem gelb-braun. Teenager Leroy (Alain Morel) ist ein Außenseiter in seiner Umgebung, zumindest ein bisschen. Er ist schwarz, hört nicht so gerne Hip Hop, spielt Cello und hatte noch nie eine Freundin.

Leroys Vater, gespielt vom Fassbinder-Veteranen Günther Kaufmann, ist Erfinder und testet jeden Morgen die Radioaktivität und sonstige mögliche Verseuchungen in Leroys Zimmer. Seine Mutter (Eva Manschott) ist eine streitbare Linke, die die Marotten ihres Mannes mit ebenso stoischer wie augenzwinkernder Ruhe erduldet. Leroys bester Freund heißt Dimi (Constantin von Jascheroff) und ist stolzer Halbgrieche. Im Großen und Ganzen verläuft das Leben des 16-Jährigen relativ ruhig – bis die blonde Eva (Anna Hausburg) in sein Leben tritt und die beiden sich ineinander verlieben. Evas Familie, die den bezeichnenden Nachnamen „Braune“ trägt, ist nämlich rechtsextrem: Ihre fünf Brüder sind Neonazis, die Wellensittiche heißen „Rommel“ und „Kaltenbrunner“. Wenn Eva und Leroy zusammen bleiben wollen, müssen sie sich irgendwie mit ihrer Familie arrangieren. Das gestaltet sich allerdings schwierig, weil die Skinhead-Brüder fortwährend den schwarzen Freund der Schwester verprügeln wollen.

Leroy

 Dass Leroy keine schwere, melodramatische Tragödie geworden ist, sondern eine unbeschwert inszenierte, originelle Komödie, ist vor allem Regisseur Armin Völckers zu verdanken, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist. Die Dialoge sind ironisch, doppelbödig und angenehm frech. Hier darf der erfahrene Dimi lakonisch zum unerfahrenen Leroy sagen: „Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Nur die gut informierten haben Sex.“ Und Frau Braune darf naiv ihrem Mann zuflöten: „Das glaubt man gar nicht, dass Leroy ein Schwarzer ist.“ Während Leroys Mutter auf der anderen Seite der Leinwand – Völckers teilt hier das Bild mittels Splitscreen-Verfahren in zwei Hälften – kopfschüttelnd über die nette Eva sagt, man könne gar nicht glauben, dass sie aus so einer Familie stamme.

Dem komplexen Thema Fremdenhass nähert sich der Regisseur denn auch nicht mit der moralischen Keule oder einer Gut-Böse Dramatik. Er nimmt seine Figuren ernst, selbst Evas braune Brüder. Und doch macht er sich auch über sie lustig, über sinnentleerte Parolen, den unbedingten Wunsch zu einer Gruppe zu gehören. Deutlich macht Völckers letzteres auch an seinen Nebenfiguren, etwa wenn der Halbgrieche Dimi, der so gerne ein ganzer Grieche wäre, unter unglaublichen Schmerzen seine zahlreichen Brusthaare entfernt. Und zwar mit griechischen Enthaarungspflastern – selbstverständlich auch für Halbgriechen geeignet. Glücklich wird Dimi, der gut informierte, dann auch tatsächlich mit einer echten Griechin. Der gesteht er seine Halbexistenz, und sie nimmt das ungerührt zur Kenntnis. Eigentlich, so die Botschaft, ist das doch egal, Hauptsache wir verstehen uns.

Leroy

 Die Bildsprache von Leroy orientiert sich an den Blaxploitation-Filmen, jenen amerikanischen Kinowerken aus den siebziger Jahren, in denen zum ersten Mal Schwarze die Hauptrollen spielten – allen voran Richard Roundtree als der besagte Shaft, der mit einer kaum zu erreichenden Coolness seine Fälle löste. In Armin Völckers Film finden sich gleich am Anfang genretypische Freezeframes, als Leroy seine Eltern und Dimi vorstellt. Auch die bereits erwähnten Splitscreens stehen in dieser Tradition. Im Jahr 1997 setzte Quentin Tarantino der Blaxploitation-Königin Pam Grier mit Jackie Brown ein filmisches Denkmal. Wie Tarantino nutzt auch Völckers ein wesentliches Merkmal dieser Filme: die Soulmusik, die die Coolness der Hauptcharaktere musikalisch untermalte. Aber er passt sie der heutigen Zeit an: Die Liste Deutscher Soul- und Hip-Hop-Größen, die sich an dem Projekt beteiligten, reicht von Jan Delay und Seed bis Clueso. Afrob hat gleich eine Nebenrolle bekommen. Die musikalischen Beiträge orientieren sich größtenteils am Sound von Issac Hayes oder Marvin Gaye, schaffen es aber dennoch, ihren eigenen Klang zu entwickeln.

Dem gebürtigen Brasilianer Armin Völckers ist mit Leroy ein unterhaltsamer, dynamischer Film gelungen, der sich spielerisch über die Grenzen der „political correctness“ hinwegsetzt und Gräben überwindet.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.