Leones

Mit sechs Worten eine ganze Geschichte erzählen. An dieser Hemingway’schen Technik versuchen sich die Hauptfiguren dieses ungewöhnlichen Debütfilms, der sich ebenfalls in sechs Worten zusammenfassen lässt: Die junge Frau und das Meer.

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Fünf junge attraktive Menschen unternehmen gemeinsam einen Ausflug ins Hinterland und verlaufen sich dort. Der Wald ist düster und undurchdringlich, immer wieder erreichen sie Stellen, die sie schon kennen – sie bewegen sich im Kreis. Langsam wird es dunkel, doch dann erreichen sie eine einsame Holzhütte. Wenn solche Plot-Elemente auch noch von einem tiefen Grummeln auf der Tonspur begleitet werden, weiß man: Das ist klassisches Horror-Territorium, Planquadrat: Teenie-Slasher.

Fünf junge attraktive Menschen unternehmen gemeinsam einen Ausflug ins Hinterland und verlaufen sich dort. Die Kamera schaut ihnen geduldig beim Gehen zu, verbildlicht über die Konstellation der Personen im Raum das soziale Gefüge innerhalb der Gruppe, ansonsten passiert nicht viel. Unterschwellige Konflikte treten an die Oberfläche, das Erwachsenwerden gelingt nur durch die schmerzhafte Akzeptanz der Einsicht, dass das, was in Kindheit und Jugend zusammen passte, sich langsam entzweit. Wenn solche Plot-Elemente auch noch von einer bewussten Vermeidung psychologischer Erklärungsmuster begleitet werden, weiß man: Das ist klassisches Arthouse-Territorium, Planquadrat: Coming-of-age-Drama.

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Wenn diese zwei filmischen Archetypen jedoch kombiniert werden, weiß man nicht mehr so genau, wo man ist. Plötzlich ist es der Zuschauer, der sich verläuft, weil die 28-jährige argentinische Regisseurin Jazmín López ihn immer wieder geschickt in die Irre führt. Leones (2012), der auf dem diesjährigen Festival in Venedig seine Weltpremiere hatte, ist ein Film, dem nicht alles gelingt, der aber schon deshalb sehenswert ist, weil er vieles versucht – vor allem das Vermischen verschiedener Genre-Konventionen, um damit aus starren Kategorisierungen auszubrechen.

Was Leones auszeichnet, ist vor allem seine Sinnlichkeit. Nebengeräusche werden extrem verstärkt, den Sound bestimmt eine hypersensible Akustik. Doch es ist die Bildgestaltung von Matías Mesa, die den Film zu einem immersiven Erlebnis macht. Die Kamera ist nahezu pausenlos in Bewegung. Meist folgt sie den Figuren sanft gleitend und schaut ihnen von hinten über die Schulter, mal umkreist sie die Protagonisten, dann wieder schweift sie ab und fährt durch den Wald, er-fährt ihn.

Häufig konzentriert sich der Kamerablick ganz auf die Jugendlichen, ist ganz nah an ihnen dran und blendet die Umwelt nahezu aus – dann aber vollführt er in derselben Einstellung das Gegenteil, rückt den Bildkader von den Menschen weg und zeigt nur noch die Natur, vermittelt das Gefühl jenes Waldes.

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Wie eine sechste Figur ist die Kamera Teil der Gruppe, bewegt sich mit ihr, lässt sich von ins Bild tretenden Charakteren überholen und reagiert auf die Aktionen der fünf Freunde. Dieses Verhalten wirkt spontan und ungeplant – das Gegenteil ist der Fall: Über große Strecken arbeitet der Film mit langen, aber leichtfüßig wirkenden Plansequenzen.

Dabei gelingt Leones auch seine technisch beeindruckendste Passage: Nach einem Teil der Wanderung lässt die Kamera die Figuren ins Off treten und beginnt dann einen langsamen, gleichmäßigen 360-Grad-Schwenk im Zeitraffer-Modus. Ohne sichtbaren Schnitt wechselt der Film anschließend zurück zur Echtzeit, wenn die Protagonisten wieder auftauchen, und führt die minutenlang unterbrochene Handlung elegant, weil ansatzlos fort. Imposant und sinnlich sind auch einige besonders starke Motive – so zum Beispiel ein Blumenfeld voller violetter Lupinen oder eine Unterwasser-Szene, bei der wir sekundenlang ein fast abstraktes Bild aus lauter Luftblasen meditativ betrachten und dann wieder Körper ins Wasser eintauchen und strampeln sehen.

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Allerdings geht diese Sinnlichkeit teilweise auf Kosten der erzählerischen Elemente. Die Charaktere bleiben unterentwickelt, verharren im Stadium bloßer Typen. Deshalb sind lange Zeit nicht nur die Namen der Fünf unklar, sondern auch ihre Verhältnisse zueinander. Selbst wer gerade redet, lässt sich nicht immer eindeutig bestimmen.

Zudem wirken die vielfältigen ästhetischen Mittel des Films teilweise wie reine Gimmicks – wie nicht eingebettete Stilisierungen. Dies trifft speziell auf einige Flackereffekte und Zeitlupenaufnahmen zu. Manchmal gefällt sich Regisseurin Jazmín López auch zu sehr in ihrer elliptischen Erzählweise, die Verrätselungen und ausbleibende Erklärungen als inhaltliche Tiefe behauptet.

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Wenn Leones dann zäsurartig vom leicht surreal inszenierten Wald zu einem wüstenartigen Strand wechselt, kommt das Ende nicht nur recht abrupt und klischeehaft daher, sondern stellt auch unvermittelt eine einzelne Person in den Vordergrund, die zuvor nicht als Hauptfigur etabliert wurde. „Die junge Frau und das Meer“ ließe sich dieses Finale bezeichnen. Ihre scheinbare Angst vor dem Verloren-Sein im Wald erweist sich als existenzielle Furcht vor dem Verloren-Sein im Leben. Aufgeladen mit bedeutungsschwangerer, religiöser Musik ,verschiebt der Film so in den letzten Sekunden seinen Fokus urplötzlich vom Stilistischen auf das Erzählerische. Und damit von seiner Stärke auf seine Schwäche.

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