Lenz

Lenz ist ein Ungestümer, ein Mensch, der in Extremen fühlt, lebt und liebt, und der beständig der Borderline des Wahnsinns zu entkommen sucht, indem er sie im Zickzacklauf überspringt.

Lenz

Ein Stürmer und Dränger war der „echte“ Lenz: Jacob Michael Reinhold Lenz (1751-1792). Wegen seines unangepassten Verhaltens verlor er nach anfänglicher Unterstützung die Anerkennung des Fördererfreundes Goethe, was ihn mental zerrüttete. Des unglücklichen Dramatikers nahm sich Georg Büchner später im Novellenfragment Lenz (1839) an, das mit dem Satz „Den 20. ging Lenz durchs Gebirg“ beginnt und den psychischen Niedergang beschreibt. Das Ungestüme, Wirre und Ungebändigte und die Naturbilder sind die Eckpfeiler eines Textes, in dem sich mehr und mehr auch der Autor spiegelt, der seinen Lenz so wunderbar mit den Worten charakterisiert: „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“

Der Schweizer Regisseur Thomas Imbach entlehnt diese Eckpfeiler, versetzt die Figur jedoch in die Gegenwart und verleiht ihr auch autobiographische Züge. Sein Lenz ist folgerichtig Filmemacher und auf der Suche nach dem eigenen Film und Glück; sein Gebirge sind nicht die Vogesen, sondern die Walliser Alpen. Der Film spielt im exzessiv gezeigten Angesicht des nebelumwallten Matterhorns, im geschlossenen Touristenidyll Zermatt. Zugleich thematisiert der Regisseur ein Problem unserer Zeit: die Jobmobilität zuungunsten der klassischen Kleinfamilie. Sein Lenz (Milan Peschel) stammt aus Berlin, die Exfrau Natalie (Barbara Maurer) und ihr gemeinsamer Sohn Noah (Noah Gsell) wohnen in Zürich. Dass sie ihn verlassen hat, so meint zumindest Lenz, sei weniger mangelnder Liebe zuzuschreiben als darin begründet, dass sie in Berlin keinen Fuß auf den Boden bekommen habe und er seinerseits nicht in der Schweiz leben könne.

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Der Realitätseindruck der Patchworkfamilie wird durch den Gebrauch der jeweiligen Dialekte noch verstärkt. Mit dem Volksbühnenschauspieler Milan Peschel hat Imbach einen sehr authentischen Berliner für seinen Lenz ausgewählt. Seine Partnerin Barbara Maurer kommt aus dem Wallis und ebenfalls vom Theater. Thomas Imbach fängt das „Familienidyll“ ein, das sich an den Wochenenden vorübergehend in den Bergen entspinnt, die wilden, ungehemmten Spiele mit dem begeisterten Jungen, die langsam wieder gewonnene Nähe zur Mutter.

Doch der Schmerz schwingt unterschwellig mit, die vorhergehende und die nächste, bevorstehende Trennung sind immer schon inbegriffen. In aller Ausgelassenheit weht ein Hauch von Gewalt, von übersteigerter Wahrnehmung, von einer überreizten Psyche. Dieser zunächst visuelle Eindruck wird von der beunruhigenden Tongestaltung des Films unterstützt. In die Handlung sind traditionelle Lieder und abstruse Chansons auf Schweizerdeutsch ebenso wie Pophits der Siebziger eingeflochten. Sie geben die Stimmungen der Figuren wieder, künden von Liebe, singen aber auch bedrohlich von dem gewaltsamen Tod, dem erliegt, wer sich der „Kunscht“ verschreibt. An sich harmlos und bodenständig klingende Naturgeräusche wie das Läuten von Kuhglocken oder das Rauschen des Windes vermitteln, elektronisch verfremdet, die verzerrte Wahrnehmung eines überdimensioniert empfindenden Menschen.

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Wie schon in seinen Dokumentarfilmen Well done (1994) oder Ghetto (1997) experimentiert Imbach auch technisch mit dem Wechselspiel zwischen Nähe und Ferne, indem er sich einer Mischung aus Homevideosequenzen von großer Intimität einerseits und distanzierterer 35mm-Filmaufnahmen andererseits bedient. Dadurch entsteht für den Betrachter eine Unsicherheit, wo die Grenzen zwischen Fiktion, Dokumentation und Selbstreflexion verlaufen.

Lenz erprobt sich bisweilen auch im Leben der anderen von Zermatt, versucht mal, nur Tourist zu sein zwischen schwarzbebrillten Sonnenanbetern oder Partywilligen im Countryclub – und entlarvt dabei die eigentliche Künstlichkeit des Realen. Er tollt freudig im blauen Bademantel durch den Schnee und lädt unbedarfte Touristen in seine Hütte und mithin in den Film ein. Die Dänen fragt er dabei nicht zufällig nach Lars von Trier, im Gespräch mit einem Engländer fällt der Name Kusturica.

Lenz

Der Protagonist scheint dabei mehr und mehr zum Regisseur des gelebten Films Lenz zu werden. Wie in Woody Allens Stardust Memories (1980) oder in Happy birthday, Mr. Mograbi (1999) des israelischen Autorenfilmers Avi Mograbi gibt es selbstreflexive Momente, in denen Lenz „sein“ „Work-in-Progress“ kommentiert. So erörtert er den Film mit der Co-Produzentin und rechtfertigt, warum er „diese Scheiße da oben“ und nicht „wieder Filme“ macht, warum er mehr und mehr seine „eigene“ Geschichte erzählt statt diejenige einer Vorlage. Wie der historische Lenz und Büchner als Autoren schreiben sich auch Thomas Imbach und Milan Peschel in die Filmfigur Lenz mit hinein. Das Resultat ist ein komplex gestaltetes, zugleich dramatisches wie ironisch gebrochenes Werk über eine Figur, die der „Langeweile“ eines möglichen Selbstmords den Wahnsinn im blauen Bademantel entgegensetzt. So lebte er hin, heißt es bei Büchner. Irrsinniger als der Tod ist die Kontinuität dieses Lebens. So lebte er hin. Auch hier.

 

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