Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Eine Kindheit im linken Paralleluniversum Westdeutschlands: Die zum Dokumentarfilm verarbeiteten Erinnerungen von Richard David Precht zeichnen das versöhnliche Bild einer Welt, in der Coca-Cola und Raumschiff Enterprise aus ideologischen Gründen verboten waren.

Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Im Jubiläumsjahr ist so ziemlich alles über 1968 und die Folgen gesagt worden. Nur noch nicht von jedem. Zum Beispiel noch nicht von einem Kind. Aus dieser Sicht, oder vielmehr aus der Sicht dessen, der damals Kind war, spielen die alten Schlachten, die im allgemeinen 68er-Bashing noch heute geschlagen werden, keine Rolle. Stattdessen dreht das Kind die bekannten Ingredienzen durch den Fleischwolf der eigenen Fantasie – und heraus kommt eine leicht zu verdauende Masse kaum wiedererkennbarer Details. Der vollbarttragende Karl Marx aus dem Bücherschrank des Vaters wird dann zum Tiervater Brehm. Und wer Eltern hat, die Anfang der siebziger Jahre mit der DKP sympathisieren, für den ist, von Solingen aus betrachtet, die DDR keine Diktatur, sondern ein paradiesischer Zoo, der aussieht wie der in der Tat recht paradiesische Tierpark in Ostberlin.

Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Die Erzählstimme, die diese Erinnerungen aneinanderreiht, ist die eines erwachsenen Mannes, der sich aber in kindlichen Tonfall zwängt. Erwachsene klingen so, wenn sie Kindern etwas Kompliziertes erklären wollen, es ist der Duktus aus Richard David Prechts autobiographischem Buch Lenin kam nur bis Lüdenscheid (2005), der Vorlage für den Film von André Schäfer. Diese Erzählstimme ist recht amüsant, wenn sie davon spricht, dass Coca-Cola und Raumschiff Enterprise als Auswüchse des Kapitalismus zu Hause verboten waren. Aber zum einen ist sie für die gesamten 88 Minuten dann doch zu künstlich. Und zum anderen passt sie nicht zu den restlichen Teilen des Films, in denen Precht Beteiligte von damals – Geschwister, den Vater, den Lehrer – interviewt.

Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Die Erzählhaltung pendelt so ständig hin und her, und die Auseinandersetzung mit der Zeit und dem Familienleben von damals kommt zu kurz. Nur selten merkt man, dass so manches in der Rückschau lustiger klingt, als es in Wirklichkeit wohl gewesen ist. Als Precht seine Schwester trifft und beide über die Eltern reden, wird deutlich, dass die Kinder es zu Hause gerne ordentlicher und sauberer gehabt hätten. Und Fan von Dynamo Kiew zu sein, war für einen Heranwachsenden in Nordrhein-Westfalen sicher auch nicht einfach.

Dass die Mutter nicht zu Wort kommt – sie wollte sich nicht vor der Kamera äußern, wird erklärt – verstimmt und verwundert, vor allem weil man sie in alten Filmaufnahmen als eloquente und hübsche junge Frau erlebt. Gibt es in dieser so unterhaltsam präsentierten Familiengeschichte offene Wunden? Und wenn ja, haben sie etwas mit dem politischen Engagement zu tun? Das muss keineswegs so sein, aber die Frage stellt man sich dennoch – und sie wird nicht beantwortet. So ist Lenin kam nur bis Lüdenscheid ein kurzweiliger, aber auch oberflächlicher Film geworden.

Lenin kam nur bis Lüdenscheid

Die ideologische Verbohrtheit, die damals in Teilen der linken Szene herrschte – darunter ganz sicher auch die DKP –, wird zur folgenlosen Anekdote. Natürlich wäre es wiederum ideologisch, wollte man aus den Erinnerungen an dieses im Grunde harmlose Paralleluniversum Schlüsse auf die angeblichen Sünden der 68er in Sachen Erziehung ziehen. Wenn überhaupt, dann sind die Erzählungen nur so zu deuten, dass die Indoktrination im DKP-Sommerlager in Lüdenscheid an den Kindern mehr oder weniger spurlos vorüberging. Mit Tiervater Brehm lässt sich nunmal keine Revolution machen, und der einstige Kreisvorsitzende der Partei macht heute im Interview einen überaus entspannten und sympathischen Eindruck. Und ob Coca-Cola nun verboten war, weil die Amerikaner Vietnam bombardierten oder – wie in vielen anderen Familien damals – weil es angeblich nicht gut für den Magen war, spielt für einen Siebenjährigen auch keine große Rolle. Aber gerade weil die Zeit heute so fremd erscheint, hätte man gern mehr vom Alltag dieser Familie erfahren, die im Kampf für eine bessere Welt nicht nur zu albernen Mitteln griff, sondern zum Beispiel auch mitten in der Provinz zwei vietnamesische Adoptivkinder aufnahm. Das war damals eine so revolutionäre Tat, dass der WDR zwei Mal mit einem Filmteam anrückte.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.