L’enfant
Mit ausgezeichneten Darstellern, einer bewegenden Geschichte über das Auseinanderbrechen einer Beziehung und minimalem technischen Equipment vervollkommnen die Dardenne-Brüder ihren puristischen Stil.

Beim Lesen der Abspanntitel von L’enfant sticht einem sofort die große Anzahl an verschiedenen Babydarstellern für die Rolle des im Titel angekündigten Kindes ins Auge. Gerade dieses Baby bleibt den Großteil des Filmes ohnehin im Verborgenen, beeinflusst aber dennoch massiv die Handlungen der Protagonisten, wenn auch nur indirekt. Dieser Vorgehensweise bedienten sich Jean-Pierre und Luc Dardenne bereits in ihrem letzen Film Der Sohn (Le Fils, 2002), in dem gezeigt wurde, wie auch ein bereits Verstorbener präsent bleibt und die Handlungen von Nahestehenden beeinflussen kann. In ihrem neuen Werk handelt es sich dabei um Sonia und Bruno, ein mittelloses junges Elternpaar, deren Wege sich schon bald trennen werden.
Nach dem Dilemma der Preisverleihung bei den Filmfestspielen in Cannes im letzten Jahr, wo die Jury ein Zeichen gegen die amerikanische Regierung setzen wollte und die goldene Palme an Michael Moore verlieh, ließ man sich in diesem Jahr nicht davon leiten, ein politisches Statement abgeben zu müssen. Mit L’enfant wurde ein Film prämiert, der trotz formalem Purismus einem größeren Publikum zumutbar ist und sich somit auch als verdienter Gewinner bewährt.

Was die Filme der Dardennes auszeichnet, ist ein zutiefst humanistischer Blick auf ihre Figuren. Dadurch wird der Zuschauer gezwungen, sich mit ihnen zu identifizieren und mit ihnen zu fühlen, selbst wenn sie moralisch fragwürdig handeln. Das gilt in L’enfant insbesondere für Bruno, der sich nie richtig auf seinen neugeborenen Sohn einlässt und stattdessen lieber mithilfe einer Gruppe Minderjähriger geklaute Ware auf der Straße verscherbelt. Dieser Drang, ständig Geld zu machen um dem Leben in Armut zu entfliehen, geht für einen kurzen Augenblick mit ihm durch und er tut das Unfassbare und verkauft sein eigenes Kind.
Mit ihren letzten beiden Filmen Rosetta (1999) und Der Sohn entwickelten die Dardennes einen ganz auf ihre Figuren zugeschnittenen Stil, bei dem die Kameraarbeit und der Einsatz von Montage auf das Nötigste begrenzt sind und auf begleitende Musik sogar vollständig verzichtet wird. Die Folge davon ist ein konzentriertes Fokussieren der Protagonisten und ein Ausblenden aller unwichtigen Details. Die Handkamera ist dabei immer ganz nah dran am Menschen und lässt die Umgebung in der Unschärfe des Hintergrunds verschwinden.

Wurden zu Beginn des Films noch beide Elternteile in die Handlung mit einbezogen, verschiebt sich der Fokus, als es zum Bruch zwischen ihnen kommt. Obwohl Bruno den Verkauf rückgängig macht und dadurch die nicht gerade zimperlichen Kinderhändler gegen sich aufbringt, verspürt Sonia nur noch Verachtung für ihn. Hat man das Paar gerade noch in wunderschön improvisierten Szenen beim Rumalbern auf einem Rastplatz beobachten können, folgt die Kamera nun Bruno alleine bei seinem Abstieg: Wie er vergeblich versucht sich mit Sonia zu versöhnen, das Geld für die Kinderhändler zu beschaffen und keinen Platz zum Schlafen hat. Bei der illegalen Beschaffung des Geldes, entwickelt er nebenbei sogar so etwas wie väterliche Gefühle für seinen halbwüchsigen Diebeskollegen.
Die beiden Hauptdarsteller Jérémie Renier und Déborah François verkörpern eindrucksvoll das junge subproletarische Pärchen. Man zweifelt bei ihnen keinen Augenblick an der Authentizität der Darstellung, was zum Teil auch an dem dokumentarischen Stil der Dardennes liegt. Doch so unverbraucht die beiden Darsteller auch wirken, nur bei François handelt es sich um ein Leinwanddebüt. Renier hat schon tragende Rollen in den von deutschen Kinos leider weitgehend ignorierten Filmen Le Pornographe (2001) sowie in François Ozons Les Amants Criminels (1998) gespielt.
Den Stil der Dardennes könnte man wohl am ehesten als eine Mischung aus sozialem Realismus und Humanismus bezeichnen. Das große Kunststück des Films ist es, gewissermaßen von der Läuterung Brunos zu erzählen, dabei aber sämtlichen Versuchungen zu widerstehen, moralisch zu urteilen. Überhaupt ist die große Stärke des Films sein Wechselspiel aus Emotion und Distanz. Hier dient die Identifikation mit den Figuren nicht reinem Mitgefühl, sondern macht deren Handlungen und Beweggründe begreifbar. Dabei rutscht L’enfant eben nicht ins Sentimentale ab, weil die Emotionen zwar gezeigt werden, den Film aber nicht überwältigen.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 03.11.2005
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Film-Angaben
Titel: L’enfant
Deutscher Alternativtitel: Das Kind
Belgien, Frankreich 2005
Laufzeit: 95 Minuten
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Produktion: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Denis Freyd
Darsteller: Jérémie Renier, Déborah François, Fabrizio Rongione, Olivier Gourmet, Jérémie Segard
Kinostart: 17.11.2005
DVD-Angaben
Titel: L’Enfant – Das Kind
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,66:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 91 Minuten
Extras: Featurette „Die Bilderfabrik der Brüder Dardenne“; Interview mit Jean-Pierre und Luc Dardenne; Fotogalerie; Kino-Presseheft (DVD-Rom); Trailer
Verleih ab: 23.05.2006
Verkauf ab: 23.06.2006
Copyright L’enfant
Fotos: © Kinowelt
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