Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse

Nachdem aus Kerry nichts wurde, gibt es den „Neuen Carrey“. Im Gegensatz zum Politiker John konnte sich das amerikanische Publikum mit dem Ausnahmekomiker Jim in seinem jüngsten Film anfreunden, dort spielte der Film annähernd 120 Millionen Dollar ein. Zugegeben, Carrey hat auch ein leichteres Spiel, es geht in Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse nicht um kontrovers diskutierte Themen, sondern lediglich um die Frage: „Was braucht ein Kind nicht, um glücklich zu sein?“.

Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse

Es gibt Filme mit Jim Carrey, die funktionieren, weil Jim Carrey mitspielt und es gibt Filme mit Jim Carrey, die funktionieren, obwohl Jim Carrey mitspielt. Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse (Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events), der jüngste Film von Brad Silberling, dem Regisseur von Casper (1995), Stadt der Engel (City of Angels, 1998) und Moonlight Mile (2002), fällt weder unter die eine, noch unter die andere Kategorie. Die Geschichte um das tragische Schicksal dreier Geschwister, die bei einem Brand ihr Zuhause und ihre Eltern verlieren, entwickelt sich anfangs nur scheinbar zu einem Carrey-Vehikel, als dieser in Gestalt des bösen Onkels, Graf Olaf, in Erscheinung tritt. Silberlings bisher souveränste Regiearbeit gibt dem gewohnt energiegeladenen Komiker reichlich Gelegenheit in grotesken Verkleidungen den Vollwaisen nach Leben und Erbe zu trachten. Der Schwerpunkt des Films liegt jedoch auf den Teenagern Klaus (Liam Aiken) und Violet Baudelaire (Emily Browning), die Geschwister der kleinen Sunny. Carreys Leinwandabstinenz im Mittelteil des Films lässt der Geschichte und den Kindern, wie auch den übrigen Figuren den nötigen Raum sich zu entwickeln. Was schnell ein Etikettenschwindel hätte werden können, weiß das einfallsreiche Drehbuch, basierend auf der im englischen Sprachraum bekannten Kinderromanreihe, für sich zu nutzen. Denn die Marke „Carrey“ stellt eine Bereicherung dar, ohne dass der Film auf sie angewiesen wäre.

Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse

Allein das traurige Schicksal der Baudelaire-Kinder bildet thematisch eine sehr düstere Grundlage für einen Kinderfilm. Darüber hinaus kleidet Silberling den Film in ein Gothik-Horror-Gewand, wie es schon bei den Filmen Addams Family (1991), oder Harry Potter und der Gefangene von Askanban (Harry Potter and the Prisoner of Azkaban, 2004) der Fall war, die ebenfalls ein jüngeres Publikum ansprechen sollten. So schaurig diese Filme auch sein mögen, Silberlings Film unterscheidet sich von jenen durch die ungewohnt drastische Darstellung der Kinder als Opfer. In Lemony Snicket sind Kinder Erwachsenen mehr ausgeliefert, als dass sie von ihnen behütet werden. Die Baudelaire-Kinder sind Opfer von Willkür, Achtlosigkeit und vom Egoismus ihrer wechselnden Vormünder, die nicht selten mit der Aufgabe ihrer Erziehung überfordert sind. Erstaunlicherweise geht der Film sogar so weit, dass er die Ausübung körperlicher Gewalt an den Kindern (explizit) und sexuellen Missbrauch (implizit) durch die Figur des sinisteren Grafen Olaf thematisiert. So ist Olafs Umgang mit den Kindern nicht nur äußerst grob, seine Machtausübung über Violet erhält dazu eine sexuelle Komponente. Durch einen Trick versucht Olaf am Ende des Films eine Heirat mit Violet in die Wege zu leiten. Der Zweck dieser Ehe, letztlich doch noch an das Erbe zu gelangen, rückt unversehens in den Hintergrund, als Olaf mit sexuellen Anspielungen gegenüber Violet aufwartet, die selbst von einem jüngeren Publikum nicht unbemerkt bleiben dürften. Graf Olaf nimmt Violet mit der erzwungenen Heirat das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, was die Grundlage von Missbrauch ist. Eine Gefahr, der sich Violet bewusst zu sein scheint. Sie reagiert nicht nur angewidert auf Olafs Avancen, deutlich ist ihrem Gesicht das Grauen vor einem „Zusammenleben“ mit Olaf abzulesen. Bietet der Film also eine viel zu düstere Thematik für ein Kinderpublikum? Eigentlich schon, aber der Film macht auch Mut, denn er zeichnet den Emanzipationsprozess der Kinder als Ausweg aus deren Misere. Die Baudelaire-Kinder lernen, dass es für sie gesünder ist, den eigenen Verstand zu gebrauchen und Erziehungspersonen zu hinterfragen, als den Anweisungen der Erwachsenen blind Folge zu leisten. Durch Zusammenhalt und aus eigener Kraft gelingt es den Kindern die gefährlichen Situationen zu meistern, in die sie im Verlauf des Films immer wieder geraten.

Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse

Dass sich Kinder gegen eine ungerechte Obrigkeit behaupten ist ein Grundmuster von Kinderfilmen, nur müssen die Schützlinge in Lemony Snicket ein äußerst grausames Martyrium erleiden, bis am Ende ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen kann, in einem wohlbehütetem Zuhause unbeschwert leben zu können. Lemony Snickets Thematisierung eines Leidensweges, als Negativbeispiel für den Umgang Erwachsener mit Kindern, unterscheidet den Film qualitativ von vielen übrigen Kinderfilmen und ist gleichermaßen das Kernproblem des Films. Denn für einen Großteil seines Zielpublikums geht der Film zu weit. Zumindest für die Jüngsten ist die Darstellung des Schicksals der Baudelaires eine zu große Zumutung. Allen Übrigen bietet Lemony Snicket Unterhaltung mit Anspruch, Spannung und Ironie. Wie es sich für einen guten Kinderfilm gehört, richtet sich der Film letztlich auch an die Großen im Publikum. Denn er macht deutlich, dass das Glück von Kindern vom verantwortungsvollen Handeln ihrer erwachsenen Bezugspersonen abhängt.

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