Lemon Tree

Nicht einfach, die Nachbarin eines israelischen Ministers zu sein. Lemon Tree erzählt eindrücklich die süßsaure Geschichte einer palästinensischen Frau, deren Zitronenhain plötzlich zum Politikum wird.

Lemon Tree

Gelb leuchten die Zitronen an dürren, vertrockneten Zweigen. Dass tote Bäume Früchte tragen, stimmt hoffnungsvoll – oder kündigt den Anfang vom Ende an. Wie man dieses botanisch unsinnige Anfangsbild auslegt, hängt ganz von der Perspektive des Betrachters ab: Lemon Tree eröffnet mit einem Deutungsproblem und auch im Folgenden geht es häufig um Ansichtssachen. Die Mittvierzigerin Salma Zidane (Hiam Abbass) bewirtschaftet an der so genannten grünen Linie im Westjordanland einen Zitronenhain, den sie von ihrem Vater geerbt hat. Als Israels Verteidigungsminister Navon (Doron Tavory) auf der anderen Seite der Demarkationslinie ein Haus bezieht, geraten ihre Bäume in Gefahr. Um freie Sicht auf das Grenzgebiet zu haben und so die Ministerfamilie vor möglichen Angreifern aus dem Westjordanland besser schützen zu können, soll Salmas Zitronenhain abgeholzt werden. Salma ficht diese Entscheidung mithilfe des jungen Anwalts Ziad (Ali Suliman) vor Gericht an und beginnt einen langen, nahezu aussichtslosen Kampf gegen die israelische Rechtsprechung. Ihre neue Nachbarin Mira (Rona Lipaz-Michael), die Ehefrau des Verteidigungsministers, gerät indes durch ihr wachsendes Mitgefühl für Salma in eine moralische Zwickmühle.

Lemon Tree

„Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen?“, fragt Goethe in seinem berühmten Mignon-Lied. Auch in Lemon Tree kennzeichnen „Gold-Orangen“ den Ort der Sehnsucht – sowohl im geografischen als auch im übertragenen Sinn. Der Zitronenhain stellt für die verwitwete Palästinenserin Salma nicht nur den Lebensunterhalt, sondern das Gefühl von Heimat und Identität sicher. Diese gilt es um jeden Preis zu bewahren, ganz egal wie hoch das Entschädigungsangebot der Israelis ausfällt. Zugleich sind die Bäume auch von Miras Terrasse aus gesehen ein grün-gelber Lichtblick im Krisengebiet, das durch den fortschreitenden Mauerbau noch mehr als zuvor in zwei Welten gespalten wird. Solange die Bäume stehen ist zumindest ein skeptisches Nebeneinanderher von Salma und den Navons denkbar. Im Falle einer Rodung würde der Eingriff eine wohl unheilbare Wunde schlagen.

Obwohl sich der israelische Regisseur Eran Riklis mit Lemon Tree einen David-gegen-Goliath-Konflikt zum Thema nimmt, der durch die Fokussierung auf die so gut wie mittellose Salma und ihre Gefühle deutlich Sympathien verteilt, offenbart das Problem im Verlauf des Films allerdings mehrere Facetten. Denn dass sich die diffusen Gefahren für Minister Navon und seine Frau blitzschnell in ein tatsächliches Sicherheitsrisiko verwandeln können, wird ebenso gezeigt wie die mangelnde Solidarisierung der palästinensischen Gemeinde mit Salmas Aufbegehren. Riklis geht es vielmehr darum – ähnlich wie zuvor in Die syrische Braut (The Syrian Bride, 2004) –, die widrigen und grotesken Lebensbedingungen der Menschen an den Fronten des Nahost-Konflikts offen zu legen. Am Beispiel des Zitronenhain-Dilemmas entwirrt Lemon Tree die verzwickten Differenzen zwischen Israelis und Palästinensern und macht den Zwiespalt zwischen festgefahrenen Haltungen und selbstbestimmten Entscheidungen in seiner ganzen konkreten Abstraktheit auf beiden Seiten sichtbar.

Lemon Tree

Riklis gelingt dies mit kleinen Ereignissen und Gesten, etwa mit Salmas Limonade, die allen Parteien mundet, ihrem Kopftuch, das mal fest sitzen muss und mal locker liegen kann, dem zuvorkommenden Wachposten namens „Quickie“ oder mit teils wohlwollenden, teils argwöhnischen Blicken, die Salma mit Mira durch die Maschen des Grenzzauns wechselt. Die beiden Frauen sind letztlich die einzigen Wanderer zwischen den verfeindeten Welten, die den Mut aufbringen, sich gegen vorgestanzte Handlungsmuster aufzulehnen. Beide, allein gelassen von ihren Familien, leiden an der Einsamkeit ihrer Rolle: Die eine ist Rebellin wider Willen – hinreißend von Hiam Abbass dargestellt, die ihren stummen Schmerz in einer einzelnen Träne und ihren Lebenshunger in zärtlichen Begegnungen mit dem jungen Rechtsanwalt kund tut. Die andere, die Mitläuferin, quält das Gewissen und ihre lähmende Ministerfrauenstarre.

So bleibt das Land, wo die Zitronen blühen, in Lemon Tree ein unerreichter Sehnsuchtsort. Politische Fesseln und eine hohe, betonkalte Mauer verstellen die Sicht, auf das, was kommen könnte. Doch wenigstens führt Riklis die schwelende Pein des Nahost-Konflikts mit dieser kleinen, parabelhaften Erzählung auf großartig vielschichtige Weise vor. Auch wenn es nicht so scheint, irgendwo zwischen dem modernen Kubus des Obersten Gerichts in Jerusalem, dem bescheidenen Anwaltsbüro im Flüchtlingslager Jalazon bei Ramallah, zwischen der durchdesignten Ministervilla und Selmas schlichtem Haus, begegnen sich die Menschen.

Kommentare


Martin Z.

Regisseur Eran Riklis hat für seine Landsleute im Nahen Osten ein Lehrstück gemacht. Dabei kommen sowohl die Israelis als auch die Palästinenser zu Wort. Die Machtpolitik von Israel steht im Gegensatz zur althergebrachten Ordnung einer traditionell gewachsenen Agrarstruktur. Wunderbar eindrucksvoll verkörpert in der wohl bekanntesten Schauspielerin des Nordafrikanischen Raumes Hiam Abbass. Sie demonstriert sowohl tiefe Trauer und stille Wut, aber auch Angst vor der eignen Courage und gelegentliches Aufblitzen von Hoffnung. Man sieht, obwohl natürlich die Staatsmacht obsiegt, dass es letztlich, wenn es so weitergeht, keinen wirklichen Gewinner geben kann. Eine Mauer ist keine Lösung, obwohl sie Israel in der Realität ja wirklich gebaut hat. Beide Seiten werden von ihr in Mitleidenschaft gezogen: sowohl diejenigen, die sich durch sie schützen, als auch die, vor denen sie Schutz bieten soll. Bemerkenswert ist, dass es wiederum die Frauen sind, die gefühlssicher für eine Verständigung eintreten.
Eine gutgemachte politische Vision ohne Übertreibung und dicht an einer möglichen Realität.






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