Lemming

In Lemming gerät das Leben eines jungen Ehepaars schrittweise aus den Fugen. Dominik Molls neuer Film ist im Gegensatz zu Harry meint es gut mit dir (Harry, un ami qui vous veut du bien, 2000) ernster und düsterer, vermag jedoch die großen Erwartungen nicht zu erfüllen.

Lemming

Das Leben könnte für Alain (Laurent Lucas) und Bénédicte Getty (Charlotte Gainsbourg) nicht besser sein. Seit drei Jahren glücklich verheiratet, sind sie vor kurzem in ein nobles Vorortquartier im Süden Frankreichs gezogen. Während Bénédicte sich um die Einrichtung des Hauses kümmert, arbeitet Alain als Ingenieur. Der Schein trügt jedoch und Lemming suggeriert bereits in den ersten Minuten, dass man diesem perfekten Erscheinungsbild nicht trauen darf. Als Alain eines Abends auf dem Nachhauseweg sieht, wie der Nachbar seinen Sohn auf der Strasse ohrfeigt, ist er peinlich berührt und schaut gleichzeitig neugierig hin. Kurz darauf verstopft ein Lemming, der eigentlich nur im nördlichen Teil Skandinaviens lebt, das Abflussrohr in der Küche und der Film lässt keinen Zweifel daran, dass von nun an das ruhige Leben (vorerst) vorbei ist. Das Essen mit Alains Chef Richard Pollock (André Dussolier) und seiner Frau Alice (Charlotte Rampling) am gleichen Abend wird zum Desaster und nachdem sich Alice ein paar Tage später im Gästezimmer der Gettys erschießt, scheint sich Bénédicte auf unerklärliche Weise in die Verstorbene zu verwandeln.

Lemming

Auf den ersten Blick erscheint Lemming ein Film voller Hitchcock-Zitate zu sein. Die Lemminge erinnern an die Krähen aus Die Vögel (The Birds, 1963) und an das Konzept des MacGuffins, also an ein Objekt welches wichtig erscheint, im Endeffekt jedoch nur die Handlung vorantreibt und keine weitere Bedeutung hat. Die Verwandlung der beiden Frauen knüpft an das Doppelgänger-Motiv aus Vertigo – Aus dem Reich der Toten (Vertigo, 1958) an. Diese oberflächlichen Vergleiche greifen jedoch zu kurz. Bei Hitchcock sind die Vögel eine reale Gefahr und die Verwirrspiele in Vertigo werden schlussendlich aufgeklärt. Anders in Lemming: Dominik Moll entschied sich für das Übernatürliche und logische Erklärungen werden so gut wie keine geliefert.

Lemming

In der ersten Hälfte gehorcht Lemming jedoch noch ganz den Regeln des Alltags - die übersinnlichen Elemente kommen erst im späteren Verlauf der Handlung zum Tragen. Zu Beginn spielt Moll mit dem weitverbreiteten Glauben, dass Lemminge kollektiven Selbstmord begehen. Tatsächlich jedoch treten ungefähr alle dreißig Jahre Massenmigrationen auf und die Tiere sterben auf ihrem Weg in die Tundra oder ins offene Meer aus Erschöpfung. Zusammen mit seinem Co-Autor Gilles Marchand greift Dominik Moll diese Idee auf und überträgt sie auf die beiden Frauenfiguren. Nach zwanzig Jahren Ehe und permanenten Streitereien mit ihrem Mann bringt sich Alice nicht aus Verzweiflung oder Wut um, sondern aus Erschöpfung. Bénédicte begeht im Film zwar keinen Selbstmord, doch kurz vor ihrer Verwandlung schwimmt sie immer weiter in einen See hinaus, bis sie fast verschwunden ist. Lemming erzeugt so vom Anfang an eine beunruhigende Stimmung und der Lemming zu Beginn des Films samt der Assoziationen welche man mit diesem Tier verbindet, erweisen sich als ausgesprochen wirksam.

Lemming

Den Filmen von David Lynch und David Cronenberg nicht unähnlich, wird in Lemming die wahrgenommene Realität in Frage gestellt und man kann sich nicht mehr sicher sein, was denn nun genau geschehen ist. Anders als die beiden Davids schafft es Dominik Moll jedoch nicht eine geschlossene und in sich stimmige Geschichte zu erzählen. Mit der Verwandlung von Bénédicte driftet der Film immer mehr zu einem Albtraum-ähnlichen Zustand ab und übersinnliche Elemente bestimmen die Handlung. Paradoxerweise nimmt genau in diesen Momenten die Spannung massiv ab. Alles scheint möglich zu sein und damit ist man auch auf alles vorbereitet. Seien dies nun die vielen Lemminge die plötzlich in der Küche auftauchen oder der Autounfall von Alain, für Überraschung sorgen diese Momente nicht. Die Handlung erweckt so einen beliebigen Eindruck und damit schwindet auch das Interesse an den Figuren. Nach der vielversprechenden ersten Hälfte ist dies besonders schade, schuf Moll mit den Lemmingen doch einen originellen Story-Aufhänger. Am Ende, wenn man sich durch die ganzen Verwirrspiele gekämpft hat, kehrt der Film zum Status quo des Anfangs zurück und man fragt sich unweigerlich, was der ganze Spuk eigentlich sollte.

 

Kommentare


Jakob Köttl

Hannes Brühwiler du verfügst über keinerlei Filmgeschmack.


jack wolfman

die atmo hat mir gefallen, nixdestotrotz






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