Legend

Das Ganze ist weniger als seine Elemente: Tom Hardy spielt zwei Gangster-Brüder in einem Film, der die Londoner Mafia-Welt der 1960er Jahre weniger zum Leben erweckt als ihre hübsch geschmückte Leiche ausstellt.

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Tom Hardy kann sich nicht nur selbst verprügeln, er kann sich dann auch noch wehren. Wir sehen dabei gern zu, wenn auch weniger dem vermeintlichen Showdown zwischen zwei äußerst unterschiedlichen Zwillingsbrüdern, sondern eher diesem Film, wie er alle Register zieht, um eine Prügelei zwischen zwei Figuren zu inszenieren, die vom gleichen Darsteller verkörpert werden. Viele Schnitte, clevere Perspektivwechsel, ein paar Stand-ins und sicher auch was mit Computer. Diese Distanz zum eigentlichen Geschehen, sie wird Legend nie so ganz los – was kein Problem wäre, würde der Film sie wenigstens selbst anerkennen.

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Der Genuss ist also ein eher mittelbarer, bezieht sich auf Hardys tatsächlich eindrucksvolles Spiel, ansonsten auf einzelne Momente, Dialogzeilen, Bilder. Wie etwa der leicht psychopathische Ronnie die zwecks zukünftigen Kooperationen aus den USA eingereisten Mafiosi durch den offenen Umgang mit seiner Homosexualität verblüfft: Die schönsten Frauen? Ich hätt lieber Jungs. Oder diese an Goodfellas (1990) gemahnende Plansequenz, in der wir den jüngeren Bruder Reggie und die von ihm umworbene Frances (Emily Browning) auf ihr erstes gemeinsames Date begleiten: Sie setzen sich an einen Tisch in Reggies eigener Bar, dann wird der designierte Pate in den Nebenraum gerufen, und wir folgen ihm, wie er einem zahlungsunwilligen Kunden die Nase bricht, bevor er sich zurück an den eigenen Tisch setzt und die Sequenz mit einem ersten Kuss beendet. Das ist nicht nur handwerklich äußerst gelungen, sondern bringt auch jene zwei Welten auf eine Ebene, dessen schwierige Vereinbarkeit noch fast jedem Gangsterboss Probleme bereitet hat. Hier kann nicht mal mehr der Schnitt Berufliches und Privates trennen.

Suche nach dem Mief

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Das Frustrierende ist dann vor allem, dass sich Legend den eigenen Oberflächenreizen kaum hingeben kann, weil er doch ganz gern den authentischen Mief der Londoner Straßen mitnehmen würde. Die Bestandteile, aus denen er gebaut ist, interessieren ihn nie als Eigenwerte, sondern ausschließlich als zu verknüpfende Elemente eines großen Ganzen. Weil wir uns eben doch für diese Schicksale interessieren sollen, für die Psyche des Paten, für die unglaubliche Story, für die private Seite der berüchtigten Gangster. Um sich aber ganz unmittelbar einlassen zu können auf die wahre Geschichte der zwei Kray-Brüder, die in den 1960er Jahren London unsicher machten, ist der Film zu undreckig, zu professionell abgekurbelt. Als wäre man sich zu sicher gewesen: Tom Hardys Starkörper, Drehbuch-Star Brian Helgeland (L.A. Confidential, 1997, Mystic River, 2003) als Regisseur, und dann dieser wie fürs Kino gemachte based-on-a-real-story-Stoff.

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Und was aus diesem nun in Helgelands Drehbuch wird, ist mitunter geradezu ärgerlich: Frances etwa ist eine Figur aus dem Mafiafilm-Lehrbuch – fragil, verliebt, wird gewarnt, schlägt alle Warnungen in den Wind, fängt an zu leiden, nimmt ihrem mittlerweile Angeheirateten das Versprechen ab, dass er aufhören wird. Er hört nicht auf. Mit diesem Klischee geht Helgeland nun nicht offensiv um, sondern befördert es zur allwissenden Erzählerin – Frances darf per Voice-over die Figuren einführen, Handlungslöcher stopfen und ab und an ihren eigenen Senf dazugeben. Das lenkt allerdings nur äußerst unzureichend von der Tatsache ab, dass auch ihre Figur uns Zuschauern eine Nähe vorheuchelt, die der Film zu keiner Zeit spürbar macht. Weder ihre Liebe noch ihre Enttäuschung lernen wir wirklich kennen, sie greift halt irgendwann in den Tablettenschrank. Auch das Drehbuch kommt bei Weitem nicht an Helgelands Erfolge heran.

Speichellose Angelegenheit

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So erinnert Helgelands Film weniger an die grandiosen Scorsese-Übersteuerungen als an solide Erzählarbeit, wie man sie, in meist deutlich konzentrierterer und aufregender Form, aus unzähligen TV-Serien kennt. Ganz am Schluss wird Frances’ Mutter ihren ungewollten Schwiegersohn anspucken, aber Reggie sitzt im Auto, hinter Glas. Der Speichel rutscht die Scheibe runter, während Reggie ausdruckslos nach vorn starrt. Es geht hier natürlich um die Unnahbarkeit des Gangsters oder, psychologisch gedreht: um seine kühle Distanz. Aber ein wenig funktioniert so der ganze Film: Die Lebenssäfte prallen ab an einem Hochglanzlook, in dem die Londoner Pubs der 1960er Jahre so perfekt reinszeniert erscheinen, dass sie nicht mehr nach den Sixties aussehen, in denen tollwütige Kontrollverluste auf den Punkt genau getimt sind, die Faustschläge immer direkt in die Fresse gehen, jede Dialogzeile ihren festen Platz hat. Es fehlt der filmische Speichel.

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