Die Ökonomie der Liebe

Ein Paar ist kein Paar. Marie und Boris führen eine Beziehung, die keine mehr ist, und begreifen, dass es schon lange nicht mehr darum gehen kann, Probleme lösen zu wollen.

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Manchmal kommt man ganz nah an das grüne Eisentor, das den kleinen Garten von der Straße trennt. Es ist eine Schwelle, die man zwar übertreten kann, aber hinter der man im Nichts zu verschwinden scheint. Die Kamera bleibt (mit einer gottseidank nicht ganz konsequenten Konsequenz) stets hinter dieser Türe, im Garten und in dem Apartment, dem dieser eignet, und das heißt: in einer geräumigen Küche, einem Wohnzimmer, einem Kinderzimmer, einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmer, allesamt auf einer Etage, lebenswert eingerichtet und mit einer hübschen Terrasse. Auf diesem beschaulichen und zugleich nicht mit aller Härte auf klaustrophobische Enge hin inszenierten Raum drängt sich eine Familie, die eigentlich gar keine mehr ist: zwei neunjährige Mädchen und ihre Eltern, die kein Paar mehr sind, oder es zumindest nicht mehr sein wollen. Marie und Boris haben sich getrennt und leben trotzdem noch zusammen, fürs Auseinanderziehen fehlt es an Geld. Sie schläft im Schlafzimmer, er im Arbeitszimmer nebenan – in der Hundehütte, wie er sagt.

Nicht-Familie

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Ein bisschen erinnert dieser Film an Luis Buñuels Der Würgeengel (El ángel exterminador, 1962), in dem es einer betuchten Partygesellschaft aus unerfindlichen Gründen nicht gelingt, den Raum zu verlassen, in dem sie sich aufhalten. Einzig Buñuels surrealistischer Wahnwitz weicht bei Lafosse einem völlig alltagsbezogenen Pragmatismus, was, einmal filmgeworden, wiederum nicht viel weniger surrealistisch erscheint. Marie stellt das Essen auf den Tisch, die Kinder springen umher, Boris mahnt sie an, sie setzen sich und essen mit Papa; Mama geht derweil zu einer Freundin. In dieser Nicht-Familie bewegt sich alles asynchron. Sie kocht, er isst, sie bringt ins Bett, er liest vor. Auf dieser analytischen Ebene – auf der Ebene der Raumaufteilung, der unterschiedlichen Zugänge und Zugänglichkeiten, auf der Ebene der Frage, wer wann wo Zutrittsrechte hat, wem welches Kühlschrankfach gehört – ist L'économie du couple sehr viel interessanter als auf einer, sagen wir, psychoanalytischen. Wenn sich die Nicht-Familie in einer der schönsten Szenen kurzerhand doch wieder zur Familie sortiert, wenn die Kinder mit dem Papa tanzen, die Mama dazukommt und dann alle gemeinsam tanzen, sich an den Händen halten, dann ist in dieser Szene nichts von einem drögen Wir-lieben-uns-ja-doch-noch-Kitsch zu spüren – dann gerät diese Familie lediglich in eine Synchronie, zu der es ja zwangsläufig irgendwann kommen muss, wenn man es gemeinsam aushalten will, weil man es muss.

Das Drama der sinnlosen Frage

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Einmal sitzt Marie abends mit Freunden auf der Terrasse, die Kinder sind im Bett. Boris kommt dazu, es sind auch seine Freunde. Selbst in dieser Szene, in der Lafosse die Situation noch am ehesten in Richtung Eskalation schiebt, in der die eine auf ihren Freiraum beharrt und sich der andere ausgeschlossen fühlt, in der es auch peinlich wird, in der Boris ein Stück Käse isst, wissend, dass Marie das auf die Palme bringen wird, gelingt es Lafosse, die Frage, auf wessen Seite man sich schlagen müsste, nicht nur zu vermeiden, sondern sie geradewegs als sinnlos zu entblößen. Dass sich in dieser Situation nicht mehr Partei ergreifen lässt, ist das eigentliche Drama dieses Films. Die Freunde können es nicht, die Kinder sowieso nicht, selbst Maries Mutter kann es nicht – und mehr Personal steht dem Film ohnehin nicht zur Verfügung. Der Konflikt der beiden lässt sich nicht verrücken, nicht wirklich eskalieren, nicht lösen – man kann sich nur in diesem Konflikt bewegen. An dieser Stelle schlägt der Buñuel-Moment zurück. Auch in seinem Film war die Frage „Warum gehen sie nicht einfach durch die Tür?“ ganz einfach eine sinnlose Frage.

Am Reden bleibendes Reden

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Man teilt, was man nicht teilt, es verbindet das, was nicht verbindet. L'économie du couple – die beiden Mädchen sind auch noch Zwillinge – ist nicht einfach die moderne, vielleicht pessimistischere Aktualisierung von Hanni und Nanni, es ist tatsächlich die surrealistische Fassung dieser Standarderzählung. Übers Geld, der Titel des Films hebt schließlich genau darauf ab, reden Marie und Boris ununterbrochen. Ums Geld geht es aber freilich gar nicht wirklich. Es geht viel mehr um einen Anlass für das Reden selbst. Sie rechnet ihre Rechnung vor, er seine – immer wieder. Beide rechnen sie richtig. Im Geldgespräch findet das Reden die Methode, am Reden zu bleiben. Und in diesem am Reden gebliebenen Reden – ohne dass es etwas lösen würde, ohne dass es etwas lösen könnte – bleibt das aufgeteilt Teilende, das unverbunden Verbinde lebendig. Die Frage, ob, oder besser: wie sehr, wie häufig, wie beständig sich Marie und Boris doch noch lieben, wird so in die Frage überführt, wie tot die Gesichter werden, wenn das Reden aufhört. Hier geht es – wie noch in Hanni und Nanni – schon lange nicht mehr um die Synchronie von Liebe und Beziehung. Hier geht es ans Eingemachte: um Leben und Tod.

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