Lebanon

Der Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig inszeniert Krieg als komplizenhaftes Panzerkammerspiel.

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Die Kamera ist die Waffe, und wir sitzen am Abzug. Der israelische Regisseur Samuel Maoz verfolgt mit seinem autobiografischen Kriegsfilm ein ehrgeiziges Ziel: „Krieg darstellen wie er ist, ohne den ganzen „bullshit“ am Rande.“ Hierfür sperrt er uns für gut 90 Minuten in einen Panzer ein und zeigt uns das Geschehen mit Ausnahme der ersten und der letzten Szene ausschließlich aus der Perspektive von vier jungen, unerfahrenen Soldaten. Allein durch ihr Sichtgerät können wir die unsichere Umgebung wahrnehmen, und durch ihr Zielfernrohr sollen wir „den Opfern direkt in die Augen blicken“, so Maoz.

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Der Bordschütze Shmulik (Yoav Donat) ist in Lebanon nicht nur unsere wichtigste Bezugsfigur, sondern außerdem das Alter Ego des Regisseurs, der wie sein Landsmann Ari Folman in Israels Libanonfeldzug von 1982 diente, traumatisiert daraus zurückkehrte und mit seinem Spielfilmdebüt persönliche Erinnerungen verarbeitet hat. Während Folman in seinem Animationsfilm Waltz with Bashir (2008) jedoch das Surreale von Kriegserfahrungen, die Ungewissheit von Erinnerungen und gerade die Widersprüche verschiedener Perspektiven betont, möchte uns Maoz mit der bewusst eingeschränkten und einseitigen Sicht seines Panzerkammerspiels in eine realitätsnahe Kriegssituation hineinversetzen. Trotz seines grundsätzlich fragwürdigen „möglichst echt und kein bullshit“-Vorhabens präsentiert er aber mindestens so subjektive, selektierte und stilisierte Bilder wie Waltz und blendet mit seinem begrenzten Sichtfeld noch stärker als der Vorgänger den politischen Kontext des Israel-Libanon-Konfliktes aus.

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Die fehlende Übersicht und Orientierung der Soldaten ist hier natürlich Absicht, ihr Einsatz entwickelt sich genretypisch zu einer sinnlosen Himmelfahrtsmission. Sie sollen sich durch ein feindliches, aber angeblich sicheres Gebiet schlagen, um ein Hotel namens St. Tropez zu erreichen. Als die Mannschaft unerwartet von syrischen Kämpfern attackiert wird und in der Gefahrenzone festsitzt, spitzen sich die Konflikte zwischen den vier Männern auf dem engen Raum immer mehr zu, und der Panzer wird buchstäblich zum Sarg, als darin ein gefallener israelischer Soldat transportiert werden muss. Während Kathryn Bigelow in Tödliches Kommando (The Hurt Locker, 2008) ein US-amerikanisches Bombenräumkommando in Bagdad wiederholt ins offene (Schuss-)Feld schickt und somit eine Atmosphäre von Unsicherheit und Angreifbarkeit kreiert, bemüht sich Maoz dagegen um eine klaustrophobische Stimmung, die an Wolfgang Petersens Das Boot (1981) angelehnt ist, nutzt die Besonderheit des Settings aber mehr für ästhetische Spielereien denn für eine erzählerische Verdichtung der Handlung.

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Das strenge, statische Konzept von Lebanon führt früh absehbar in eine didaktische Einbahnstraße. Wir lernen, dass Krieg laut, stinkend und ungemütlich ist und dass er im Gegensatz zum Spruch im Inneren des Panzers „Man is steel, the tank is only iron“ aus Männern keine Helden macht. Eher könnte man Maoz vorwerfen, dass er seine Protagonisten zu sehr als Opfer eines Ausnahmezustandes zeichnet, in dem sie wie die libanesische Zivilbevölkerung schlichtweg ums Überleben kämpfen müssen und ihnen kaum Entscheidungsfreiheit zugesprochen wird. Der Regisseur und Drehbuchautor zeigt sich mit dem Leid vor und hinter dem Zielfernrohr gleichermaßen solidarisch und drückt sich damit um eine klare Haltung. Sein Film erzählt ein ebenso universelles wie unspezifisches Drama, das genauso gut im Irak wie im Libanon spielen könnte.

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Die Austauschbarkeit des Schauplatzes wäre weniger problematisch, wenn einzelne Szenen mit individuellen statt überwiegend altbekannten Kriegsimpressionen überzeugen würden und Maoz’ Bildsprache origineller und subtiler wäre, als es hier der Fall ist: ein Feld von Sonnenblumen, durch die ein Panzer rollt, die Träne im Auge eines sterbenden Esels oder eine libanesische Mutter, die ihre bei einer Explosion getötete Familie beklagt und deren Qual noch entblößter wirkt, als ein Soldat ihr das brennende Kleid vom attraktiven Leib reißt – Lebanon schlägt fast durchgängig eine einzige Note an: Krieg ist für alle Beteiligten zerstörerisch. Und seine Botschaft tönt so laut wie die immerhin beeindruckenden, enervierenden Geräuscheffekte des Panzers. Viel mehr als eine effektreiche Panzerfahrt bietet die filmische Traumaverarbeitung des Regisseurs auch wegen seiner zu eindimensionalen Charaktere nicht. Maoz versetzt uns zwar räumlich in die Lage der Männer, nicht aber emotional.

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Kommentare


craax

Wenn Birte Lüdeking-... >> Maoz versetzt uns zwar räumlich in die Lage der Männer, nicht aber emotional<<... sich nicht emotional genug an die Hand genommen fühlt, sollte sie lieber ein üblich vorfrikassiert-Verdautes an >Anti<-Kriegsfilm zu sich nehmen : wie wär's z.B. mit >Windtalkers<, oder noch besser >Soldat James Ryan<? - da kann sie genau reproduzieren, was von ihr erwartet wird, zu erwarten.

Wer statt dessen einen der wenigen "echten", "wirklichen" Antikriegsfilme - ohne Anführungszeichen- meint aushalten zu können (ohne sich selber stellen statt an die Hand genommen zu sein / geht es nicht ab), der kann versuchen, sich >Lebanon< zu nähern : aber Vorsicht : es geht, wenn es gut geht, nicht ohne emotionale Schrammen ab. Die vielleicht nie wieder heilen. Denn diesr Film gestattet eigentlich nicht : wieder zu vergessen,- und weiterzuleben wie bisher. Können Sie's : haben Sie ihn nicht wirklich erlebt - nur angegafft. Dann beschränken Sie sich lieber auf verdaulichere Ware: solche, die es ist, und das, was Birte Lüdeking erwartet,- und nicht mehr als das diese Weise verdient zu bekommen.






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