Le silence de Lorna – Lornas Schweigen

Im neuen Film Jean-Pierre und Luc Dardennes wechseln Geldscheine im Minutentakt den Besitzer. Trotzdem geht nicht alles in Le silence de Lorna in Ökonomie auf.

Le silence de Lorna – Lornas Schweigen

Lorna sitzt im Zimmer. Sie hat sich selbst eingeschlossen. Von draußen dringt zuerst Claudys (Jérémie Renier) Stimme in das Zimmer ein, dann Musik, ihr Isolationsversuch ist zwecklos. Claudy ist Junkie und möchte von der Droge loskommen. Am nächsten morgen bittet er Lorna, ihn einzuschließen, wenn sie weggeht, damit er nicht nach draußen kann zu den Kumpels und Dealern. Sie möchte nicht, er würde sie sonst, wenn er seine Meinung ändert, per Telefon auf der Arbeit terrorisieren. Ihn einzusperren hieße, sich selbst an ihn zu binden. Im Grunde bittet Claudy Lorna darum, sie einschließen zu dürfen.

Dass die beiden verheiratet sind, weiß das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst recht weiß es nicht, dass es sich um eine Scheinehe handelt und dass Lornas Geschäftspartner Claudys Tod wollen. Weil sie diesen wollen und weil Lorna das weiß, möchte sie Wände zwischen Claudy und sich bringen, möglichst undurchdringbare. Aber immer wieder wird sie zu Claudy gedrängt, nicht nur von ihm selbst, sondern von ihrer gesamten Umwelt. Sogar Körperkontakt wird ihr aufgedrängt. Als sie dann einmal ganz unbedrängt neben ihm stehen und ihn anschauen kann, weil er im Krankenhausbett liegt und schläft, ist das vielleicht schon ein erster Wendepunkt in diesem sorgfältig konstruierten Film.

Le silence de Lorna – Lornas Schweigen

Der eigentliche Wendepunkt wird erst später kommen. Lorna wird nicht nur sich oder nur ihn einschließen, sondern beide, sich und ihn gemeinsam im gleichen Raum, dann wird sie beiden die Kleider ausziehen. Zuerst sich selbst, dann ihm. Und dann wird die selbst den Körperkontakt suchen. Kurz darauf, ziemlich genau nach der Hälfte der Laufzeit, wird dann ein neuer, überraschender Wendepunkt eintreten, eingeleitet durch einen denkbar harten Schnitt, der seine Radikalität der sparsamen Informationspolitik des Films verdankt. Danach ist nichts mehr, wie es war.

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne bleiben in ihrem fünften Spielfilm dem Setting der Vorgänger treu. Wieder geht es um Menschen am unteren sozialen Ende der belgischen Gesellschaft. In Le silence de Lorna – Lornas Schweigen (Le silence de Lorna) stehen Immigranten im Mittelpunkt, Osteuropäer und Italiener. Es geht um belgische Pässe und vor allem um Geld. Die beiden, ansonsten sehr unterschiedlichen, Hälften des Films werden verbunden durch einen braunen Briefumschlag voller Banknoten.

Le silence de Lorna – Lornas Schweigen

Oft wechseln diese Banknoten ihren Besitzer, ihre Zirkulation durchdringt den Film, bestimmt ihn aber nicht vollständig. Gerade in der zweiten Hälfte emanzipiert sich die Handlung von der Bewegung des Geldes, folgt nicht mehr dessen, sondern ganz eigenen und nicht immer leicht nachzuvollziehenden Gesetzen. Manchmal sind diese Gesetze so schwer nachzuvollziehen, dass man dem Film vorwerfen könnte – manch einer hat dies auch getan nach der Premiere in Cannes –, er laufe aus dem Ruder. Vielleicht tut er das auch, aber nur insoweit, wie seine Protagonistin beschließt, sich nicht mehr dem sozialen und vor allem ökonomischen Druck zu beugen. Der Film begibt sich gemeinsam mit Lorna auf Abwege, ins Abenteuer. Nur Lorna bringt den Mut auf, sich den Gesetzen des Geldes zu widersetzen. Dafür muss sie einen hohen Preis bezahlen und erst ganz am Ende wird sie – eventuell – dafür belohnt.

Mit Le silence de Lorna kehren die Dardenne-Brüder zu alter Stärke zurück. Wo ihr letzter Film L’enfant (2005) sich seinen beiden Hauptfiguren mit einer unangenehmen Mischung aus Indifferenz und Herablassung näherte, weshalb die moralische Pointe pure Behauptung blieb, entwickeln die Belgier hier ihre Figuren, insbesondere Lorna, von Arta Dobroshi kongenial verkörpert, mit derselben Konsequenz und Stichhaltigkeit wie in ihrem Meisterwerk Rosetta (1999). Nur, weil sich der Film in der ersten Hälfte die Mühe macht, Lorna in vielfacher Weise – architektonisch, finanziell, sozial – einzuschließen, funktionieren die öffnenden Gesten am Filmende. Es sei allerdings dahin gestellt, ob es wirklich nötig gewesen wäre, Lorna Selbstgespräche führen zu lassen.

Le silence de Lorna – Lornas Schweigen

Stilistisch verfährt Le silence de Lorna klassischer als seine Vorgänger: weniger Handkamera, dafür längere, oft statische Einstellungen. Mehr Abstand hält die Kamera von den Figuren, fast zwangsläufig ergeben sich dann um sie herum mehr Geschichten. Le silence de Lorna ist der Film der Dardennes, in dem am meisten passiert. Klassisches Erzählkino nach amerikanischem Vorbild wird dennoch nicht daraus.

Die wichtigste filmästhetische Referenz der Dardennes ist und bleibt nicht Hollywood, obwohl der Film noir so manches mal um die Ecke schaut in Le silence de Lorna, sondern der italienische Neorealismus, in dessen besten Filmen jeder Handlung eine moralische Dimension eingeschrieben ist, die der bloßen Funktionalität für den Plot vorgelagert ist. Zu Beginn, bevor der Film alle Karten auf den Tisch legt, erinnert manches an Luchino Viscontis Ossessione (1943), den Urahn des Neorealismus, der Christian Petzolds neuem Film Jerichow als Ausgangspunkt dient. Auch Ossessione ist ein Film über eine eingeschlossene Frau und die Möglichkeiten zur Freiheit.

Am Ende des Films hat Lorna die Freiheit gewonnen, die Tür hinter sich zu schließen ohne deshalb eingeschlossen zu sein.

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Kommentare


Martin Z.

Es dauert etwas, bis man die Situation dieser Lorna begriffen hat. Das scheint wohl beabsichtigt, denn die Details werden in den Dialogen erst nach und nach eingebracht. Lorna hat einen Mann für die Liebe, einen fürs Geschäft und einen für die Erlangung der belgischen Staatsbürgerschaft. Alle drei können nur agieren, weil ihnen Lornas Schweigen die Möglichkeit dazu bietet. Sie bleibt äußerst wortkarg und verfolgt unbeirrt ihren Weg. Wie eine Spinne sitzt sie im Zentrum ihres Aktionsnetzes und behandelt ihre drei ’Männer’ wie Marionetten. Verfolgt dabei das Gesetz von Actio und Reactio. Das gelingt, bis es Komplikationen gibt. Sie erkennt, dass es zwei von ihren Männern nur ums Geld geht, der Dritte, den sie liebenswürdig ausnutzt, bleibt auf der Strecke. Das unerwartete Ende überrascht und bietet Anlass für weiterführende Diskussionen. Es bleibt gewollt offen, denn der weitere Verlauf der Geschichte ist eine andere Geschichte. Nachdenkenswert, kantig und unangenehm, aber durchaus real.






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