Land der Wunder

Freiheit macht Arbeit. Alice Rohrwacher fabuliert über ein erstarrtes Aussteigerleben.

Le Meraviglie 01

Die alte Frau schüttelt den Kopf. Nein, sie möchte jetzt nicht singen. Generalprobe hin oder her. „Land der Wunder“ nennt sich die Fernsehsendung, für die hier geprobt wird. Eine Art Castingshow, die entlegene Gegenden Italiens bereist und dort nach möglichst alten Traditionen sucht, die heute noch möglichst unverfälscht praktiziert werden. Ein Wettkampf der Ursprünglichkeit, gefilmt auf einer unbewohnten, dem Festland vorgelagerten Insel. Ur-Wald. Die Moderatorin (Monica Belucci in einer Gastrolle) trägt ein aufwändiges Kleid. Die alte Frau lässt sich von ihr trotzdem nicht zum Singen überreden. Man kennt die Szene, ihre Funktion scheint klar, die Rollen verteilt. Hier die ehrliche, weise und widerständige alte Frau vom Land, dort die oberflächliche TV-Frau aus der Stadt, die Profit schlagen will aus den guten, alten Traditionen. Doch aus Gelsominas Perspektive sieht alles ein bisschen anders aus.

Momentaufnahme eines Sommers

Le Meraviglie 02

Das Gesicht von Maria Alexandra Lungu trägt diesen Film, ganz mühelos, selbst wenn es dabei angewiesen ist auf eine Kamera, die sich diesem Gesicht immer wieder aufs Neue nähert, behutsam, ohne Bewunderung, aber mit viel Zärtlichkeit. Gelsomina mag vielleicht zwölf sein, eigentlich ist das egal. Land der Wunder (Le meraviglie) ist kein Film der Tatsachen, sondern der Relationen und Abstände. Gelsomina ist älter als ihre drei Schwestern, und mangels des vom Vater schmerzlich vermissten männlichen Nachkommen ist sie es, die das Sagen hat in diesem Paradies der Natürlichkeit. Ihr Vater Wolfgang (Sam Louwyck) war selbst ein Fremder in diesem Land, in dem er sich mit seiner Frau Angelica (Alba Rohrwacher) eine neue Existenz aufgebaut hat. Ausgestiegen. Abgeschieden. Das ursprüngliche Leben. Dort, wo einst die etruskische Kultur blühte. Romantik der Autarkie. Die Details der Vergangenheit bleiben unklar. Rohrwachers Film ist ganz Momentaufnahme eines Sommers.

Die Angst des Vaters vor dem Außen

Le Meraviglie 03

Aus dem souveränen kindlichen Blick ist die Unsicherheit des Vaters sofort spürbar. Wenn er wütend wird, kippt seine Stimme öfter mal ins Deutsche. Der Sprachmix von Land der Wunder ist aber nicht bloßer Marker von Stimmungen, sondern dem Film immanente Verfremdungsstrategie. Genau wie die rätselhafte Figur der Cocò (Sabine Timoteo), die zur Familie gehört und irgendwie doch nicht. Rein ist hier nur der Schein. Wütend wird Wolfgang immer häufiger. Wenn im Umkreis seines Hauses gejagt wird, zum Beispiel. Oder wenn jemand ihn darum bittet, seine kleinen Töchter mögen beim Planschen im Meer doch nicht ganz so viel Lärm machen. Die älteste Tochter beobachtet die Szene aus der Ferne, sie will gar nicht ins Wasser. Aus Gelsominas Perspektive sieht langsam alles ein bisschen anders aus. Ihr Vater wird allmählich zum Zampano. „Wenn er nicht da ist, können wir atmen“, sagt die sich von ihrem Mann langsam entfremdende Angelica einmal, ein merkwürdig deutlicher Satz in einem Film der Stimmungen. Deutlich ist auch: Wolfgang kommt nicht klar mit dem Außen, schon mit der Idee des Außen nicht. Es muss abgewehrt oder integriert werden. Wenn die Familie einen Jungen aufnimmt, der straffällig geworden ist und resozialisiert werden soll, ist er Feuer und Flamme. Als Gelsomina aber heimlich die oben erwähnte TV-Show zu sich einlädt, um ihre Familie für den Wettbewerb anzumelden, da wird ihm Angst und Bange.

Le Meraviglie 04

Hélène Louvarts Kamera etabliert nie, sie schwebt durch den Raum und befreit ihn aus seiner Enge, stiftet Bewegung im Angekommenen. Wie sehr sich auch anböte, dem Gefängnis der zeitlosen, traditionellen Gemeinschaften mit stillen, langen Einstellungen beizukommen, mit dem Betrachten sich wiederholender Handlungen und Gesten, niemals lässt Rohrwacher es zu, dass dieser Ort von der Kamera eingesperrt wird. Es lebt sich nicht gut im Gefängnis, aber es lebt sich. Wie in einem Bienenstock, vielleicht. Ständig wird gearbeitet, ruhelos, auch wenn man sich eigentlich nicht von der Stelle bewegt. Doch auch durch diese Stelle kann man hindurchschweben, den Blicken, Sätzen und Wünschen nachspüren. Es sind Räume, in denen die wahnsinnigsten Kontraste lauern, zwischen Licht und Schatten, zwischen Autorität und Flucht, zwischen Pflicht und Schwerelosigkeit. Dazwischen Relationen und Abstände, die vermessen werden können.

Fliehende Bienen

Le Meraviglie 05

Dass Land der Wunder diese bildliche Freiheit atmet, das bedeutet nicht, dass wir keinen Einblick bekämen in das, was man den Alltag dieser besonderen Familie nennen könnte. Sie züchten Bienen und verkaufen Honig, alles natürlich ganz natürlich. Die Szenen in den Bienenstöcken sind faszinierend. Abertausende von Bienen schwirren vor der Kamera herum, der Honig fließt und wird abgefüllt. Gleich zu Anfang nimmt einer der Schwärme Reißaus, nistet sich in einem Baum ein. Gelsomina muss die Tiere zurückholen, sie wieder einfangen, wie sie fast überhaupt den gesamten Arbeitsprozess leitet. Sie erfüllt ihre Aufgabe, doch will sie bald selbst Reißaus nehmen. Bald beschwert sich ein Nachbar, warum diese Fernsehfuzzis auf den Spuren der Etrusker wandeln wollen und nicht einfach auf den Spuren der Mailänder. Eher aus Spaß fragt er, wer mit ihm mal nach Mailand mitkommt. Niemand will. Nur Gelsomina gesteht ein schüchternes Ja. Dieses Fluchtbegehren muss Rohrwacher gar nicht ausbuchstabieren oder symbolisch überhöhen (der kleine „Florida“-Sticker an der Wand in ihrem Zimmer ist eine der wenigen unnötigen Deutlichkeiten des Films). Es spricht aus allem, was Louvarts Kamera aufnimmt, und daraus, wie sie es aufnimmt. Gelsomina will nicht abhauen, aber sie sucht nach neuen Abständen und Relationen.

Natürlichkeit im Rampenlicht

Le Meraviglie 06

Überhaupt bilden die Begeisterung und Vitalität der vier Kinder so etwas wie das Gegenprinzip zum abgeschiedenen Aussteigerleben. Beschützt werden wollen und müssen sie nicht. Nicht kindliche Reinheit, sondern kindliche Neugier, und Rohrwacher gelingt es diese einzufangen, ganz ohne Ausbeutung bloßer Niedlichkeit. Vor allem von der Fernseh-Moderatorin Milly Catena sind die Kinder verzückt. Für Gelsomina wird sie so etwas wie eine gute Fee. Das Mädchen weigert sich nicht zu singen, sie nutzt das kurz aufflackernde Rampenlicht für einen kleinen Auftritt. Der wird nicht gern gesehen von den Juroren. Tradition ist was anderes. Und auch der stolze Wolfgang, der sich aus Verzweiflung angesichts der finanziellen Lage arrangiert hat mit der Teilnahme am Wettbewerb, versagt schließlich. Als er über sein ursprüngliches Leben berichten soll, fällt ihm nichts ein, als immer wieder diese eine Vokabel zu stammeln: Natürlich. Der Fetisch des Authentischen als Tautologie. Wie gut, dass aus Gelsominas Perspektive mittlerweile alles ein wenig anders aussieht.

Trailer zu „Land der Wunder“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.