Le Havre

Märchenwelt mit illegalem Immigranten.

Le-Havre03

In einem Film, in dem kein einziger Computer zu sehen sein wird, bringt ein Softwarefehler die Geschehnisse erst ins Rollen. Ein Schiffscontainer, von Afrika auf dem Weg nach London, landet fälschlicherweise auf den Docks von Le Havre. Ein logistisches Missgeschick, nichts weiter. Eine Lappalie. Wäre die Fracht nur nicht lebendig.

Keine Woche vergeht dieser Tage ohne Bilder von Dramen vor den Küsten Europas. Der Migrationszug aus Afrika drängt mit Gewalt in die Festung EU, die Zahlen steigen unablässig; Hunderte, Tausende: gekentert, ertrunken, eingepfercht in Lagern. Doch als der Container in Le Havre geöffnet wird, sieht alles ganz anders aus als in den Nachrichten.

Wie da das Licht aus dem grauen nordfranzösischen Herbst in die Schwärze fällt und statt dem erwartbaren Bild des Chaos eine Gruppe ruhig beieinander sitzender Afrikaner erkennen lässt, die gefasst auf das Polizeikommando warten, da denkt man eher an Wohnzimmeratmosphäre als an Flüchtlingsmartyrium. Aber man ist ja auch nicht in einem Film der Dardennes, sondern in einem von Kaurismäki. In einer Reihe schöner, liebevoller Großaufnahmen gibt er denjenigen, die in den Nachrichten als bloße Zahlen erscheinen, das zurück, was allzu oft mit Verweis auf die Menschenrechte, Artikel 1, leichthin für gegeben gesetzt wird: Würde. Ohne Scheu darf man dieses große Wort hier aussprechen, weil Kaurismäki es überall und ganz speziell im Kleinsten aufdeckt. Blicke wechseln zwischen den Polizisten, den Rotkreuzlern und den Afrikanern. Und betrachtet aus der Dunkelheit sind es die Europäer, die erbärmlich wirken und wie unter Zwang. Die Lähmung reicht aus, dass ein Junge (Blondin Miguel) losrennen und flüchten kann: Schnell ist er verschwunden, niemand läuft ihm nach.

Le-Havre04

Le Havre stemmt sich mit aller Kraft gegen die Nachrichtenbilder. Wenn Kaurismäki ein so brandaktuelles Thema wie Migration in seine gedeckten Welten dringen lässt, dann zu seinen Konditionen. Einmal werden kurz Fernsehberichte zur Räumung des Flüchtlingslagers Le Jungle in Calais gegen die in Claires Bar versammelten Gesichter von Marcel Marx (André Wilms) und Chang (Quoc-Dung Nguyen) geschnitten. Dort Gewackel, Unschärfen, „Unmittelbarkeit“, hier dieses einmalige, fast skulpturale Licht, die Blümchentapeten, der Flipperautomat, die Blumenvasen. Es gibt nicht viele Gegenstände in den Lebensräumen der Protagonisten von Le Havre, aber jeden einzelnen setzen Kaurismäki und sein langjähriger Kameramann Timo Salminen mit einer Hingabe und Präzision in Szene, dass alle Hauptdarsteller werden in dem Entwurf einer kleinen Märchenwelt.

In dieser findet der entflohene Junge Zuflucht, und sie alle, die Schuhputzer, der Gemischtwarenhändler, die Rockband und die Bäckerin, kümmern sich um ihn und tun alles, damit er es zu seiner Mutter auf die andere Seite des Ärmelkanals schafft. Wie immer bei Kaurismäki ist hier niemand reich, im Gegenteil, aber anders als oft ist die Stimmung gut: Man mag und hilft sich.

Maximal effizientes Filmerzählen und materielle Armut bilden bei Le Havre das perfekte Paar. In den Schränken hängen genau die zwei Kostüme, die im Film getragen werden, in den Häusern gibt es nur die Gegenstände, mit denen man hantiert. Der Rest ist Licht und Farbe. Auch wer Kaurismäkis Welt noch nie betreten hat, kapiert ihre Regeln sofort. Es ist selbstverständlich, dass Telefone hier Kabel haben, dass nirgendwo Computer stehen und man Musik mit Radio und Schallplatte hört.

Le-Havre02

Natürlich wissen wir, oder glauben wir, uns vorstellen zu können, dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht: dass wochenlang getragene Kleider grau zerfleddern und stinken, dass man nach ewiger Reise auf dem Meer am Ende seiner Kräfte ist, dass so eine Geschichte ohnehin nie würde stattfinden können. Und wir sind informiert über die großen Zusammenhänge, die Dilemmata der Globalisierung. Aber um solcherlei Denkanstrengungen schert sich Le Havre einen Dreck.

In der hermetischen Welt des Stadtviertels, in dem jeder jeden kennt und der Zuschauer bald alle, in diesen aus der Tagesaktualität enthobenen Räumen, geht es Kaurismäki nicht um Wirklichkeit, sondern, noch ein großes Wort, um so etwas wie Wahrhaftigkeit. Und das Kino verwechselt gern das eine mit dem anderen. Le Havre findet mit den Möglichkeiten des Films die anderen Bilder zu Themen wie Armut, Fremdheit und Courage, die Bilder, die uns sonst nirgendwo begegnen. Aber das ist vielleicht viel zu hochtrabend. Bei Kaurismäki ist alles ganz einfach: Hier sind diese Menschen, das ist die Situation, und Folgendes geschieht. Das sind die Karten, die das Leben ausgeteilt hat. Jetzt heißt es spielen.

Trailer zu „Le Havre“


Trailer ansehen (4)

Kommentare


Mi

Danke für die angemessene und treffende Kritik. Der Trick mit der Abwesenheit von Computern und moderner Technik ist mir - in dieser Domäne zuhause - gar nicht aufgefallen. Unmittelbar berührt hat mich vielmehr die Abbildung dieser Selbstverständlichkeit, mit der die Personen handeln. Auch wenn der Film ein Märchen erzählt: die Menschen, die hier beschrieben werden, gibt es - in größerer Zahl als sich das viele, dem Zynismus und/oder Formalismus verpflichtet fühlende, Geisteswissenschaftler vorstellen können.


Lotte

Ach wie schön…eine kleine Märchenwelt in der franz.Hafenprovinz. In der alles noch in Ordnung wirkt und alles Kontrastreich in „gut“, „böse“ und „der Böse, der zum Guten wird“ gegliedert wird. Und dennoch wirkt dieses Märchen nicht künstlich sondern real und erfüllt die kleinen inneren Bedürfnisse, nach wahrer und unerschütterlicher Hilfsbereitschaft, Gemeinschaft und Optimismus…und das rund zu einer Thematik, die gar nicht so märchenhaft ist, sondern schonungslose Realität- Flüchtlingsschicksale. Aki Kaurismäki inszeniert diese Geschichte mit großem Herz, Gefühl und mit viel feinfühligen Sinn für die so unscheinbaren zwischenmenschlichen „Kleinigkeiten“… „Kleinigkeiten“ die hier ganz GROß werden. Augenscheinlich minimalistischen Kino, aber beim Zuschauen witzig und großartig.


Martin Z.

Ein an sich ernstes Thema (’Migrationshilfe’) wird ruhig und stilsicher inszeniert, fast mit leichter Hand. Kaurismäki versucht sich hier der Mentalität der Franzosen anzupassen. Dabei präsentiert er wie immer eine Reihe von skurrilen Typen, die dem Zuschauer ein Schmunzeln abverlangen, ohne direkt komisch zu sein. Sie wirken einfach in ihrer menschlichen Gesamtheit und fordern in ihrem Anders-Sein Anteilnahme ein. Natürlich sind seine beiden Lieblingsschauspieler André Wilms und Kati Outinen mit von der Partie. Diese sogenannten ’kleinen Leute’ wachsen alle in der Situation, in die sie hineingeraten, über sich hinaus, egal ob Schuhputzer, Kommissar, Bäckerin oder Tante-Emma-Laden Besitzer. Gegen Ende wird der märchenhafte Charakter des Films betont und das ist auch gut so. Deshalb nimmt man dem sonst eher herb-distanzierten bzw. etwas schrägen Kaurismäki diese ungewohnte Wärme auch durchaus ab. Auch wenn man das Ende schon bald ahnt, gibt es dazwischen noch Rockmusik, die die Stimmung hebt, und manch wundersame Wendung tut ein Übriges für das Wohlergehen.
Ein gelungener Gegenpol zu der Mainstream-Flut, die sonst so über uns hinwegschwappt.


H. Weigel

Die skurrile Märchenwelt Kaurismäkis ("Es war einmal ...") lässt natürlich auch erahnen, was wäre, wenn nicht alle so human wären. Wir kämen in Sangatte an, im Dschungel von Liorets "Welcome", in der Realität.
Gerade das Märchen lässt diese erahnen!






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.