Capital

Costa-Gavras hält nicht viel vom Finanzkapitalismus und wirft ein wenig zu viel in einen Topf.

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In bedrohlich roten Lettern zieht sich der Titel über die ganze Leinwand: Das Kapital; im Grunde ein recht spröder Begriff, eher ein Buchtitel, wie jeder weiß; ein Wort, das vieles meint und bedeutet, vom privaten Vermögen bis hin zur gesamten modernen Welt. Costa-Gavras zitiert den Titel freilich ganz bewusst, seiner semantischen Breite und auch seiner historischen und theoretischen Implikationen gewahr. Le Capital ist, noch bevor er sich zum Finanzthriller verschachteln will, zuallererst ein Thesenpapier über den Kapitalismus und als solches in vielerlei Hinsicht kein sonderlich erschreckendes. Denn der Kapitalismus ist hier keine heimsuchende Kraft, er ist schlicht und einfach da, als eine Welt aus Banken und Hedgefonds, Regierungen, Beziehungen und Börsenkursen. Pompöse Sitzungssäle, teure Anzüge, exklusives Essen und Monitore an allen Ecken konturieren das geistlose Gesicht des Finanzkapitalismus auf eine Art und Weise, wie jedermann es kennt. Dass das, was sich in diesem Inventar abspielt, in aller Regel absolut emotionslos vonstattengeht, dass es niemals an das exzessive Gewitter eines The Wolf of Wall Street (2013) [LINK] erinnert, ließe sich aus gutem Grund als Inszenierungsschwäche deuten, denn tatsächlich scheint es Le Capital in vielen seiner Momente auf genau dieses Gewitter anzulegen, andererseits aber steht vielleicht genau dieser uncoole Gestus dem trockenen Begriff des Kapitals am nächsten.

Habgierig, skrupellos und vor allem uncool

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Zum Golfschlag kann Jack Marmande (Daniel Mesguich) gerade noch ansetzen, bevor er mit einem Herzinfarkt zu Boden geht. Marc Tourneuil (Gad Elmaleh) grinst in die Kamera, für ihn beginnt damit sein Leben an der Spitze einer großen französischen Bank. Eigentlich soll er nur verheizt werden, bis ein ergebener Nachfolger gefunden wird, doch Tourneuil (er erinnert, vermutlich nicht zufällig, stark an Nicolas Sarkozy) macht schnell deutlich, dass er sich von dieser Position nicht mehr vertreiben lässt. Er veranlasst neue Gehälter, entlässt hohe Tiere von der Basis und verstrickt sich in unsaubere Deals mit einer Hedgefonds-Gesellschaft aus Miami. Tourneuil ist ein Prototyp des Bankers (zumindest in der Logik dieses zynischen Films): habgierig, skrupellos und vor allem uncool. An einer Stelle wird er von einem Sicherheitsmann in London aufgefordert, dort Platz zu nehmen, wo gewöhnlich nur das einfache Volk auf einen Termin warten muss. Die meisten seiner Leinwandkollegen wissen außerdem, was sie ausspielen können, wenn sie ein internationales Topmodel ins Bett kriegen wollen; Tourneuil aber glotzt die Frau seiner Wahl nur ergeben an, fliegt ihr hinterher nach Tokio und New York und wird am Ende schmählich abserviert auf der Damentoilette eines Flughafens.

Nehmt es den Armen und gebt es den Reichen!

Le capital 01

Costa-Gavras’ Vision vom Finanzkapitalismus – auch darauf deutet bereits der Titel des Films – schert sich wenig um die kluge Metapher oder Allegorie. Es gilt, das Phänomen als solches auszupacken, so wie es ist: als eine Serie von Meetings, seien sie zu Tisch oder über den Bildschirm. Allein deshalb ist Le Capital im Kern unspannend, zumindest nach den Maßgaben des Thrillergenres. Aber auch ein interessanter Realismus, der eben gerade die konkrete Bedrohung einer privaten Situation zugunsten einer diffusen und unhandlichen Systematik von Geldbewegungen und globalen Interessenverschiebungen ausspart, lässt sich nicht so recht ausmachen: Zu sehr ergeht sich Costa-Gavras dafür im Trash. Die Finanzphilosophie der Bankergemeinde, die den modernen Robin Hood hervorbringen will, einen, der den Armen das Geld nimmt, um es den Reichen zu geben, findet im Film kaum argumentative Substanz. Das ist insofern ein Problem, als Le Capital, so ironisch und bissig er sich auch gibt, das, was er zeigt, dann doch als antikapitalistisches Argument verstanden wissen will. Die Perspektive des Finanzhais, sein Begriff vom Geld und von der Welt sind in ethischer Hinsicht problematisch – zuweilen scheint sich Le Capital in dieser Erkenntnis zu erschöpfen. Wenn Tourneuil mit seinem Onkel am Mittagstisch zu streiten beginnt, darüber, ob es in der Finanzökonomie noch eine Moral gebe, wenn dann das Telefon klingelt und das Gespräch unterbricht, ja, den Onkel zensiert, ist klar: Der Kapitalismus stellt die Frage der Moral stumm. Das aber kann auch ohne Costa-Gavras bereits vermutet werden.

Spielen, bis alles kollabiert

Le capital 09

Es sind am Ende nur die Allgemeinplätze des Antikapitalismus, die in Le Capital aneinandergereiht werden und die sich zu der kolportagehaften Montage eines zornigen Moralphilosophen verbinden. Mit der Erkenntnis, dass das finanzkapitalistische System auf einer Horde wildgewordener Kinder aufbaut, die ihr Spiel spielen, bis alles kollabiert, entlässt uns der Film auf eine ebenso krachende wie unzweideutige Art und Weise. Diese Kinder – und an dieser Stelle wird Le Capital dann doch noch metaphorisch – sehen wir in der Gruppe sitzend, jedes auf sein Smartphone starrend, wir hören die Sounds zahlloser Handygames und sehen den zufriedenen Blick Tourneuils, der nicht nur seine Nichten und Neffen glücklich macht, sondern dem System die nächsten Anwärter schenkt. In solchen Momenten stellt sich doch die Frage, ob sich das alles derart einfach verhält, und wenn nicht, ob uns Le Capital dann wenigstens als Trash-Komödie überzeugen kann.

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