L’Avion – das Zauberflugzeug
Das Letzte, was Charly von seinem tödlich verunglückten Vater geschenkt bekommen hat, ist ein langweiliges Modellflugzeug. Doch das erwacht zum Leben und entwickelt magische Kräfte. Cédric Kahn überrascht mit einer rührenden Kinderfantasie.

Nichts sehnlicher als ein Fahrrad wünscht sich der achtjährige Charly (Roméo Botzaris) zu Weihnachten. Doch sein Vater Pierre (Vincent Lindon), Pilot bei der französischen Luftwaffe, verpasst nicht nur das gemeinsame Weihnachtsfest, sondern bringt noch dazu ein langweiliges weißes Modellflugzeug als Geschenk mit nach Hause. Charlys Enttäuschung ist groß. Kurz darauf muss der Vater von Berufs wegen wieder aufbrechen – und kehrt nicht mehr zurück. Mama Cathérine (Isabelle Carré) ist von der Trauer um ihren tödlich verunglückten Mann vollkommen absorbiert und mit ihrer Mutterrolle überfordert. Auf sich allein gestellt, wird Charly mit Hilfe des Flugzeugs ein großes Abenteuer bestehen, um den Tod seines Vaters zu verarbeiten.
Denn erstaunt stellt er fest, dass das verschmähte Spielzeug magische Kräfte besitzt. Es kann fliegen, kommunizieren und sogar fühlen. Kahn inszeniert den Anfang seiner Geschichte sehr konkret und realistisch. Dann hält mit dem mysteriösen Flugzeug plötzlich das Fantastische Einzug in den Film. Nach einem Moment der Irritation gibt man sich ganz dem Glauben des Kindes hin und akzeptiert, dass hier ein modernes Märchen erzählt wird. Zusammen mit Ismaël Ferroukhi, der zuletzt mit seinem Regiedebüt Die große Reise (Le Grand Voyage, 2004) in Deutschland zu sehen war, hat Kahn für L’Avion – das Zauberflugzeug (L’Avion) sehr frei die Geschichte des Comics Charly von Magda-Lapière adaptiert. Dem charismatischen Roméo Botzaris gelingt es, den Zuschauer zu verzaubern und die fantastische Geschichte glaubwürdig zu machen.

Ganz wie im Märchen schafft Kahn ein idealisiertes Universum mit archetypischen Objekt- und Figurenzuschreibungen: der blonde, unschuldige Junge, sein idyllisches Elternhaus, der Bösewicht in schwarzer Kleidung und schwarzem Auto. Isabelle Carré, in ihrer bisherigen Filmkarriere meist als blühende Versuchung älterer Männer zu sehen, ist hier zum ersten Mal für eine Rolle als Mutter gecastet worden. Aber auch ihre Cathérine, die sich mit ihrem Sohn geradezu wie eine ältere Schwester zankt, bleibt im Grunde genommen ein junges Mädchen. Es ist eine Welt ohne Erwachsene, in der die Kinder ihre Abenteuer allein bestehen müssen.
Visuell schöpft Cédric Kahn aus dem Bilderfundus seiner – unser aller – Kindheit. Wenn Charly und seine kleine Freundin Mercedes (Alicia Djémai) in weißen Schlafhemden wie zwei Lichtgestalten durch den finsteren Wald irren, fühlt man sich unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel erinnert. Eine Totale zitiert unzweideutig die Einstellung aus Spielbergs E.T. – Der Außerirdische (E.T., 1982), in der das Alien mit einem Kinderfahrrad gen Mond fliegt. In der vorletzten Szene befindet sich der schmächtige weißblonde Charly am Sandstrand, als ein Stern am Himmel aufgeht. Die Assoziation zum Kleinen Prinzen, den Saint-Exupérys Erzähler in der Wüste trifft und der zum Schluss auf seinen Planeten zurückkehren darf, ist offensichtlich. Kahns Verweise auf eine vielfältige Märchentradition wirken wie eine entschiedene Selbstbehauptung in der aktuellen Kinolandschaft, in der das Märchengenre nicht gerade Hochkonjunktur hat.

Ein Großteil des Films spielt in der Nacht. Cédric Kahn hat auf ein kaum mehr verwendetes stilistisches Mittel des klassischen Kinos zurückgegriffen: die sogenannte amerikanische Nacht. Hier werden nächtliche Szenen bei hellem Tageslicht mit einem speziellen Kamerafilter gedreht, was den Bildern eine ureigene bläuliche Patina gibt. Das wirkt weniger realistisch als die „echte“ – ausgeleuchtete – Nacht im Kino, gibt der Szenerie gar etwas Märchenhaftes. Die magische Stimmung des Films wird nicht zuletzt auch durch die romantische Musik von Gabriel Yared intensiviert, der auch die emotionsgeladenen Soundtracks zu Der Englische Patient (The English Patient, 1996) und zuletzt Das Leben der Anderen (2005) komponierte.
Cédric Kahn hat vor L’Avion – das Zauberflugzeug den auf historischen Tatsachen basierenden Krimi Roberto Succo (2001, ohne deutschen Kinostart) gedreht. Mit Meine Heldin (L’Ennui, 1998) und dem Ehedrama Feux rouges (2004, ohne deutschen Kinostart) sind Romanadaptationen von Moravia und Simenon entstanden. Nach diesen düsteren, von destruktiven Obsessionen angetriebenen Melodramen hätte man von ihm alles andere erwartet als eine Kinderfantasie. Und doch hält auch L’Avion Momente der verstörenden Beunruhigung bereit: wenn das Flugzeug, von seinem kleinen Besitzer getrennt, plötzlich zur zerstörerischen Furie wird, oder wenn Charly des nachts als fast bedrohliche Silhouette an der Bettkante der Mutter steht. Das bleiben jedoch nur kleine Risse auf einer ansonsten märchenhaft verklärten Oberfläche. So originell und sensibel wurden die Themen Tod und Abschiednehmen für Kinder schon lange nicht mehr erzählt.
Filmkritik von Almut Steinlein
Veröffentlicht am 25.04.2007
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Film-Angaben
Titel: L’Avion – das Zauberflugzeug
Originaltitel: L’Avion
Frankreich, Deutschland 2005
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Cédric Kahn
Drehbuch: Cédric Kahn, Ismaël Ferroukhi
Produktion: Marc Missonnier, Olivier Delbosc, Dirk Beinhold
Darsteller: Roméo Botzaris, Alicia Djémai, Isabelle Carré, Vincent Lindon, Nicolas Briançon
Kinostart: 03.05.2007
Copyright L’Avion – das Zauberflugzeug
Fotos: © Farbfilm
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