Lauf der Dinge

Das deutsche Selbstfindungsdrama war ursprünglich als Doku-Soap geplant, nun soll es ein „dokumentarischer Spielfilm“ sein. In diesem platzt nicht nur die Vorstellung einer Handvoll Jugendlicher von Ibiza als sorgenfreie Spaßinsel wie eine Seifenblase.

Lauf der Dinge

Es beginnt mit Alpträumen: Elisa (Zoë Weiland) wankt auf offener See in einer wild schaukelnden gelben Plastikwanne, die einem Badebottich für Kinder ähnelt. Sie verliert den Halt, fällt ins Meer und ertrinkt. Florian (Sebastian Achilles) steht in einem Kornfeld, wird von einem südländisch aussehenden Mann ausgelacht und ist von der Hüfte abwärts nackt. Beide sind auf der Baleareninsel, um etwas zu beweisen. Elisa, dass sie sich ohne ihre vom Vater gesperrte Kreditkarte über Wasser halten kann. Florian, der mit seinem Kumpel Daniel (Tom Lass) angereist ist, dass er seine sexuellen Probleme mit Frauen in einer ungezwungenen Umgebung, fernab vom deutschen Heimatdorf, in den Griff bekommt. Elisa trifft auf den Drogendealer Marcel (Jens Eulenberger) und den Schmarotzer Richie (Manuel Cortez), der davon träumt, seinen Lebensunterhalt mit Strandpartys zu bestreiten und in der Tochter aus reichem Haus eine Geldquelle zum Anzapfen sieht. Florian macht die gleichermaßen folgenschwere Bekanntschaft mit einem schwulen Buchhändler.

Autor und Regisseur Rolf S. Wolkenstein „reizte der Gedanke, ein paar junge Menschen unterschiedlicher Herkunft ins Paradies zu schicken – an einen Ort, der Geborgenheit und Glück verspricht. Im Gepäck aber haben sie ihre Ängste, Fragen und Sehnsüchte mitgebracht. Auf der Insel werden sie umspült von einem Meer an Möglichkeiten und sind doch orientierungslos“. Für manchen Protagonisten führt diese trügerische Optionsvielfalt in eine steile persönliche Abwärtsspirale. Und die fällt befremdlich kompromisslos und düster aus, in einem Film, der eigentlich als Doku-Soap angelegt war und auch nach einer Überarbeitung fürs Kino noch mehr Versatzstücke einer Seifenoper aufweist, als höchstwahrscheinlich gewollt.

Denn nachdem die Finanzierung für eine Fernseh-Seifen-Doku nicht zustande kam, will Lauf der Dinge jetzt laut Produzenten ein „dokumentarischer Spielfilm“ sein. Soll hier wohl schlicht bedeuten, fiktive Charaktere in möglichst realitätsnahen Situationen zu platzieren und die Kamera draufzuhalten. Dass ausgerechnet die Party- und Aussteigerinsel Ibiza als Schauplatz gewählt wurde, auf der man als Letztes eine Konfrontation mit der Wirklichkeit einplant, hätte in dieser Koppelung einen ergiebigen Kontrast bilden können, das Vorhaben scheitert aber an der unausgegorenen bis unprofessionellen Umsetzung. Gefilmt wurde im MiniDV-Format. Das ist zwar kostengünstig und kann im besten Fall eine besondere Nähe zu den Figuren entstehen lassen, kommt in der Art, wie sie Wolkenstein in seinem Kinodebüt einsetzt, allerdings selten über die ästhetische Originalität und Spannung eines Urlaubsvideos hinaus.

Lauf der Dinge

Das Hauptproblem des Dramas liegt jedoch in seinen eindimensional angelegten Protagonisten, die dann auch dem Standardpersonal einer TV-Seifenoper entsprechen: Der heutzutage obligatorische Schwule, der mit seinem Coming-Out hadert. Der Frauenaufreißer und Herumtreiber, der zudem noch südländisch aussieht. Die verzogene, wohlhabende Göre, die das „wahre Leben“ zu spüren bekommt und eine jüngere Schwester hat, mit der sie sich nicht versteht, weil sie so ganz anders ist und darüber hinaus noch Papas Liebling. Die trägt Perlenkette und die Haare in einem strengen Dutt - bevor sie vom Strand-Casanova entjungfert wird, danach trägt sie sie offen. Viel mehr als diese Informationen erhält man als Zuschauer nicht. Eine Anteilnahme an den hier thematisierten schwerwiegenden Selbstfindungsproblemen junger Menschen, die der Film speziell für eine jugendliche Zielgruppe anstrebt, oder gar ein Wiedererkennen in diesen, ist so kaum möglich, und die zunehmende Drastik einiger später Szenen endet in emotionaler Gleichgültigkeit.

Der enorme Boom an Doku-Soaps auf sämtlichen Fernsehkanälen, in denen vorgeblich gewöhnliche Menschen in mal mehr, mal weniger ungewöhnlichen Situationen abgefilmt werden, lässt sich wohl einerseits mit der großen Identifikationsmöglichkeit für den „gewöhnlichen“ Zuschauer erklären, der darin vermutlich eine Bedeutungsaufwertung des eigenen, meist kameralosen Alltags sieht. Für einen anderen, vielleicht kritischeren Betrachter mag dagegen der Reiz und Spaß darin liegen, das scheinbar Dokumentarische als Inszenierung zu entlarven und Zeuge zu werden, wie der vermeintliche Durchschnittsbürger als Laiendarsteller sein Leben vorspielt, und wie überzeugend und „echt“ ihm dies gelingt.

Lauf der Dinge besitzt unbeabsichtigt Anteile von letzterem. Man sieht Darstellern, die bis auf Sebastian Achilles eher wie Amateure als wie Profis agieren, dabei zu, wie sie wenig glaubwürdig versuchen, Wirklichkeit nachzuahmen und ihre holzschnittartigen Charaktere zum Leben zu erwecken. Nur leider ist diese Entlarvung in einem Kinofilm, der sich selbst ernst nimmt und anders als die meisten Doku-Soaps mehr als unterhalten will, ermüdend und peinlich, nicht reizvoll und spaßig.

 

Kommentare


Chr. SATZ

Ein Film mit lebensphilosphischem Tief-gang -
ein Film, der es eigentlich ernüchternd, schaurig, klar - auf den Punkt bringt ...
Jede ENTSCHEIDUNG
Jedes TUN - jeder SCHRITT
selbst jede UNTERLASSUNG
setzt I H N in Gang -
den LAUF DER DINGE ...!






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