The Workshop

Stalken statt Talken: Laurent Cantet wagt sich nicht in aktuelle Debatten, sondern in die Moleküle der französischen Gesellschaft und fragt, ob es da überhaupt noch was zu integrieren gibt, und wenn ja, was und wo hinein.

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Dass sich das Politische niemals aus Fiktionen heraushalten lässt, bemerken Olivia (Marina Foïs) und ihre Schüler schnell. Einen Schreibworkshop auf dem Lande leitet die in Frankreich angesehene Schriftstellerin, mit sieben Jugendlichen, die in kollektiver Arbeit und auf Augenhöhe mit der Expertin einen Krimi schreiben sollen, der in ihrem Heimatort La Ciotat im Süden Frankreichs spielt. Eine Frau, mitten aus dem „liberalen Establishment“, könnte man sagen, trifft auf ein Panorama des post-migrantischen Europas, mitsamt seinen aufgeladenen Debatten. Auf eine Leiche als Einstieg kann man sich da noch schnell einigen, aber je tiefer die angehenden Autoren zum Whodunit vordringen, desto vertrackter, desto politischer wird’s. Könnte der Mord rassistisch motiviert sein, wie Malika (Warda Rammach) vorschlägt, oder könnte, ja sollte man nicht eher die Geschichte einer islamistischen Radikalisierung erzählen? Und wenn die Leiche in der Hafengegend gefunden wird, was dann anstellen mit der industriellen Vergangenheit ihrer Heimat, dem großen Werftarbeiterstreik von 1989, muss man das nicht alles mit reinbringen?

Aktuelle Debatten und ihre Affekte

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Naturgemäß haben angesichts dieser fiktionalen Herausforderungen die Jugendlichen mit arabischem Background eine andere Meinung als der immer wieder eifrig die Gruppe provozierende French-Army-Fan Antoine (Matthieu Lucci), und es ist das große Verdienst von Laurent Cantet (gemeinsam mit Co-Autor Robin Campillo) und seinen jungen Darstellern, dass dieser eigentlich viel zu deutlich angelegte Clash, diese Streuung aktueller Diskurse in den Mikrokosmos einer säuberlich diversifizierten Schreibwerkstatt sich niemals platt oder kalkuliert einfühlt.

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Dass The Workshop aber nicht nur ein zu jeder Zeit packender Film ist, bei dem man nur zu gern bis in die Facebook-Profile der Figuren mitgeht, sondern sich auch als politischer Kommentar dringlicher anfühlt als andere das Relevanzlabel stolz vor sich hertragende Filme, das liegt vor allem an Cantets schlauem Umweg über die Fiktion innerhalb der Fiktion. Weil er eben nicht einfach virulente Debatten in Plots und Figurenensembles übersetzt, sondern, indem er seine Jugendlichen über Plots und Figuren diskutieren lässt, die Bedingungen dieser Debatten in den Blick nimmt. Nicht worüber gesprochen wird, ist wichtig, sondern wer mit welcher Stimme spricht, welche Hierarchien im Sprechen selbst offenbar werden und wie diejenigen, die sich nicht gemeint fühlen, sich durch das Sprechen zur Wehr setzen. Nicht politischen Statements, sondern politischen Affekten geht The Workshop in erster Linie auf den Grund. In Zeiten, in denen die Idee einer geteilten sozialen Realität an Wirkmacht verliert, politische Überzeugungen immer weniger von der Analyse sogenannter Fakten abzuhängen scheinen, sondern die Fakten und Analysen vielmehr von politischen Überzeugungen, und wo jedes scheinbar gewonnene Argument eine affektpolitische Niederlage nach sich ziehen kann – in solchen Zeiten ist dieser Umweg über die Fiktion ein schlauer Move.

Bedingungen des Sprechens

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Auch Olivia will über die Fiktion politisieren, aber anders. Sie ist nicht nur als Schriftstellerin angesehen, sondern zugleich pädagogisch versiert, versteht es zuzuhören, die Jugendlichen „abzuholen“, wie man so sagt, sie zum Denken zu bringen, aber auch mal dazwischenzuhauen, wenn sich eifrige Diskussionen in Aggressionen wandeln, oder einem Problemfall einen wohlmeinenden Hausbesuch abzustatten. Und doch produziert diese versierte Pädagogik gerade niemals herrschaftsfreien Raum, bestimmt vielmehr von vornherein die Bedingungen des Sprechens anstatt über Bedingungen zu sprechen, eine Dynamik, gegen die sich die Kids immer wieder wehren, und niemand so heftig wie Antoine, der noch nach jeder reaktionären oder rassistischen Äußerung beteuert, mit Politik nichts am Hut zu haben.

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Die Gruppendiskussionen allerdings geraten in The Workshop zunehmend in den Hintergrund, die Beziehung zwischen der linken Schriftstellerin und dem (Nazi? Rebellen? Problemkind? Verrückten? Wutbürger? Abgehängten?) drängelt sich nach vorne, wird auch erotisch aufgeladen: Wie sich diese beiden gegenseitig beobachten, aus der Ferne, wie sie sich unvermittelt beim Baden an den Klippen treffen, wie sie sich gegenseitig im Internet stalken (Olivia entdeckt das Profil von Antoines Cousin, der die Treffen eines rechten Predigers besucht, Antoine sieht sich ein Fernsehinterview mit Olivia an). Und schließlich wird Olivia Antoine fragen, ob sie ihn für ihren nächsten Roman interviewen kann, um ihren Figuren mehr Fleisch auf die Rippen zu bringen. Die liberale Fiktion zieht ihre Hierarchien ein, teilt die soziale Welt in Autoren und Figuren und sucht verzweifelt zu integrieren, dabei sind diese Figuren längst Autoren, die ihre Gegenfiktionen spinnen. Deshalb spielt Olivia hier mit dem Feuer, deshalb kommen irgendwann sogar Waffen ins Spiel. Verzweifelt wird sie Antoine dann anstammeln: „Wie kann ich dir helfen?“, aber dieser Antoine, und das ist der Unterschied zwischen dem Ansatz des Films und dem seiner Protagonistin, verweigert sich jedem Zugriff auf ihn als Problem, kann diese Frage gar nicht verstehen.

Lust am Töten

So wird aus dem Film über einen Thriller-Workshop allmählich ein Thriller, aber das ist kein billig-smarter Erzähltrick, sondern der Kern des Ganzen: Der Thrill folgt nicht den Vorgaben der Politik, wie Olivia das mit ihren Schützlingen so artig versucht, sondern die Politik den Vorgaben des Thrills, wie Antoine das vermutet. Im Workshop stellt er die These auf, dass die Attentäter von ISIS bis Breivik nicht aufgrund ihrer Ideologie töten, sondern mit dieser Ideologie nur ihre Lust aufs Töten legitimieren. Nicht dass The Workshop seinem Antagonisten und seinen derart schlicht naturalisierenden Erklärungen auf den Leim gehen würde. Aber der Film ahnt, dass die Frage der Lust eine zentrale ist, und dass die Zukunft nicht nur auf der Ebene von demokratischer Repräsentation und politischen Institutionen sich entscheidet, sondern auch vom weiteren Verlauf der Meinungs- und Begehrensströme in den Molekülen unserer Welt abhängt, die sich gegenseitig bremsen wie beschleunigen, aber nicht einfach integriert werden können. In keine Gesellschaft, und wohl noch nicht einmal mehr in eine gemeinsame Fiktion.

Trailer zu „The Workshop“


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