Last Resort
Die Russin Tanja gerät auf der Reise nach London zu ihrem britischen Verlobten in eine bürokratische Falle. Als unverhoffte Asylsuchende geht es für sie und ihren Sohn Artiom weder vor noch zurück, bis Tanja sich schließlich selbst bewegt.

Die Fahrt ist zu Ende. Ein kleiner Zug katapultiert Tanja (Dina Korzun) und ihren Sohn Artiom (Artiom Strelnikov) aus der Finsternis des Tunnels ins helle Licht, wie aus einer dunklen Geisterbahn. Doch die Durchsage der Zugführerin macht deutlich: Was die beiden draußen erwartet, ist kein Vergnügungspark, sondern die Passkontrolle eines Flughafens. Und auch ihre Reise – eigentlich als Fahrt ins Glück gedacht – gerät mehr und mehr zum sprichwörtlichen Horrortrip. Tanja und Artiom haben Russland verlassen, um mit Tanjas Verlobtem Mark in London zu leben. Aber Mark erscheint nicht am Flughafen. Tanja und Artiom wird ohne Visum die Einreise verwehrt. Um in England bleiben zu können und um Mark zu finden, bittet Tanja die Grenzbeamten kurzerhand um politisches Asyl. Daraufhin wird sie mit Artiom nach Stonehaven geschickt, einem heruntergekommenen Küstenort, wo sie wie viele andere Asylbewerber ausharren muss, bis ihr Antrag bearbeitet ist.
Was Tanja nicht wusste: ein Asylverfahren kann Monate dauern und solange darf sie Stonehaven nicht verlassen. Selbst die Rückreise nach Russland ist unmöglich, weil ihr das Geld für ein Flugticket fehlt. Während ihre Akte langsam im behördlichen Nirgendwo versandet, stecken Tanja und Artiom, beobachtet von zahlreichen Überwachungskameras, zwischen abgewetzten Betonbauten und der bleigrauen See fest. Denn auch von Mark ist keine Rettung zu erwarten. Nach vielen unbeantworteten Anrufen meldet er sich irgendwann zurück, aber nur um die Verlobung mit Tanja aufzulösen.

Genauso verfahren und ausweglos wie die Situation, sind auch die Blicke, die Regisseur Pawel Pawlikowski dem Zuschauer auf das Geschehen gewährt. In ihnen findet das brachliegende Leben von Tanja und Artiom ihre Entsprechung. Sie verlieren sich im grauen Nichts am Horizont oder erkunden andere trostlose Landschaften: die Kühltürme eines Atomkraftwerks, im Wind fliegender Müll vor verrammelten Geschäften und den verfallenen Freizeitpark am Fuß des Hochhauses, in dem Tanja und Artiom leben. Der Schriftzug über dem Eingangsbereich des Parks klingt wie Hohn: „Dreamland welcomes you“. Dahinter die stillgelegte Achterbahn.
Hässlichkeit, Verfall, Stagnation – die metaphorische Dimension der gewählten Motive ist unmissverständlich und schreitet deshalb in etwas plumpen Posen über die Leinwand. Trotz der vielen Bildklischees wird man jedoch nicht müde, die Landschaften von Last Resort zu betrachten. Mit wohlüberlegter Komposition und ungewöhnlichen Perspektiven gibt der Kameramann Ryszard Lenczewski den abgegriffenen Motiven nicht nur ihre Bedeutung zurück, sondern die Schönheit der gefilmten Tristesse setzt in dem sozialrealistisch angelegten Gemälde poetische Akzente. Stonehaven wird zur Allegorie für Tanjas Stillstand: Das Geschehen scheint wie in einer unwirklichen, blutleeren Parallelwelt eingeschlossen, in der außer Tanja und Artiom, nur der hilfsbereite Alfie (Paddy Considine) lebendig wirkt. Sein bunt blinkender Spielsalon ist Tanjas und Artioms Zufluchtsort und Zeitvertreib. Durch Alfies aufkeimende Liebe zu Tanja sowie seine väterliche Freundschaft mit Artiom beginnt sich die Starre aufzulösen, die Möglichkeit eines Neuanfangs tut sich auf.

Doch das wahre Spektakel von Last Resort ist nicht die Geschichte an sich, das Asyldrama und dessen Ausgang, sondern die Figur der Tanja. Sie ist naiv und klug zugleich, oberflächlich und tiefgründig, so wie Lars von Triers Bess in Breaking the Waves (1996), die ihrem Ehemann wie ein kleines Mädchen gehorcht und doch allen anderen einen Schritt voraus ist. Mit derselben klugen Unbedarftheit ringt Tanja mit der Situation: Hinter der verletzten, blauäugigen Frau mit den Schmetterlingshaarspangen tritt eine kämpferische, besonnene Liebhaberin und Mutter hervor. Aufmerksam untersucht die Kamera ihr Gesicht, registriert jede ihrer Regungen und Bewegungen, die Sohn Artiom stets aufgeweckt zu kommentieren weiß. Den Schauspielern Dina Korzun und Artiom Strelnikov ist dabei ein harmonisches und überzeugendes Improvisationsspiel gelungen. Sie verbinden die von Pawlikowski vorgegebenen Eckpunkte der Handlung durch die Schaffung von anrührenden Persönlichkeiten und verleihen so Last Resort seine Gestalt.
Neben fesselnden Bildern und einer stillen Geschichte, die ihren vielschichtigen Figuren mehr Beachtung schenkt als der Kritik an gängigen Asylpraktiken, ist dem TV-Dokumentarfilmer Pawel Pawlikowski vor allem durch seine einzigartigen Schauspieler ein wunderbarer erster Spielfilm gelungen, für den er im Jahr 2000 mit einem BAFTA Award als bester britischer Newcomer geehrt wurde. Aber erst in seinem zweiten Spielfilm My Summer of Love (2004), der bereits im vergangenen Jahr in deutschen Kinos zu sehen war, schafft es Pawlikowski, über beeindruckende Schauspieler hinaus, nicht nur schöne, sondern auch ganz eigene, unverbrauchte Bilder zu entwerfen.
Filmkritik von Marguerite Seidel
Veröffentlicht am 22.11.2006
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Film-Angaben
Titel: Last Resort
Großbritannien 2000
Laufzeit: 73 Minuten
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Rowan Joffe
Produktion: Ruth Caleb, Christopher Collins, Marc Isaacs
Darsteller: Dina Korzun, Paddy Considine, Artiom Strelnikov
Kinostart: 23.11.2006
Copyright Last Resort
Fotos: © Peripher Verleih
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