Last Days
Nach Gerry (2002) und Elephant (2003) vollendet Gus Van Sant mit Last Days seine Trilogie über das Sterben. Angelehnt an die letzten Tage von Kurt Cobain, taumelt der Musiker Blake in langen und stillen Einstellungen dem Tod entgegen.

„It’s better to burn out than to fade away“, es ist besser zu verglühen als langsam zu verblassen. Mit diesem Satz, von Neil Young entlehnt, beendete der Nirvana-Sänger Kurt Cobain seinen Abschiedsbrief, bevor er sich am 8. April 1994 im Zenit seiner Karriere erschoss. Ein Satz wie aus dem Bilderbuch, um sich in die Galerie der frühzeitig verstorbenen Rockstars einzuschreiben und ewig Ikone zu bleiben. Ein Satz, der sich wunderbar als Schlusswort für den Lebensroman Cobains eignet, wie er schon oft in zahlreichen Publikationen erzählt wurde: schwere Kindheit, genialer Musiker, kometenhafter Aufstieg, Leiden am eigenen Ruhm, Drogenabhängigkeit, Selbstmord, noch größere Verehrung durch die Fans, Verschwörungstheorien. Kurzum, die perfekte Storyline für ein rock‘n’roll-romantisches Biopic, wie es zum Beispiel Oliver Stone für Jim Morrison entworfen hat (The Doors, 1991). Aber es ist ein schiefer Satz, denn das plötzliche Verglühen des Stars verdeckt das schleichende Verblassen der tatsächlichen Person, die sich hinter der öffentlichen Figur verbirgt.
Gus Van Sant legt in Last Days, dem ersten Spielfilm über Kurt Cobain, dieses langsame Schwinden offen, indem er, anders als die dokumentarischen Pendants Kurt & Courtney (1998) und Kurt Cobain: About a Son (2006), von den Fakten Abstand nimmt. Er liefert keine biografische Nacherzählung, kein Porträt und keine Erklärungen, sondern imaginiert frei die letzten Lebenstage eines fiktiven Musikers, die an Kurt Cobains Ableben erinnern. Die Ähnlichkeiten sind zunächst vor allem optisch: Blake (Michael Pitt) gleicht Kurt Cobain auf den ersten Blick wie ein Zwilling: Die schulterlangen blonden Haare hängen ihm wirr ins Gesicht, sein Kleidungsstil liegt irgendwo zwischen lässig und nachlässig. Seine Villa und insbesondere das Gartenhaus, der Ort des Selbstmordes, sehen aus wie Cobains Anwesen in Seattle. Aber erst nach und nach begreift man, dass Blake der Frontmann einer bekannten Band ist und dieser Position zu entrinnen versucht.

In langen Einstellungen und mit langsamen Fahrten folgt die Kamera dem vor sich hin summenden Mann auf seinen Streifzügen durch den nahe gelegenen Wald oder beobachtet ihn, wie er durch sein Haus schleicht, immer darauf bedacht, keiner der anderen anwesenden Personen zu begegnen. Betritt sein Manager das Haus, flieht er gar zurück in den Wald, um nicht entdeckt zu werden. Ansonsten ist eine Flucht nicht nötig, denn seine bei ihm wohnenden Freunde und Bandkollegen beachten ihn kaum. Obwohl Blake derjenige ist, von dem alle abhängen, ist er für sie wie ein Unsichtbarer und wird, wenn überhaupt, ausschließlich in seiner Funktion als gewinnbringender kreativer Kopf der Band wahrgenommen, der zur nächsten Tournee überredet werden muss. Es scheint, als sei er nur noch Hülle, als sei ihm seine Persönlichkeit aberkannt worden. So wird auch der einzige freundschaftliche Moment des Films, als sein Bandkollege Luke (Lukas Haas) einen Rat bei Blake einholen will, jäh unterbrochen. Blake bleibt stumm und durchscheinend wie ein Gespenst.
Allein der Kamera entgeht Blake nicht. Sie registriert seine Bewegungen meist aus der Distanz, verfolgt seine Ausflüge in die Natur, beobachtet ihn bei alltäglichen Verrichtungen, zum Beispiel bei der Zubereitung einer Schüssel Rice Crispies, und zeigt wie er durch seine Villa huscht, die innen genauso verfällt wie Blake selbst. Die Erzähltechnik von Gus Van Sants letzten beiden Filmen Gerry (2002) und Elephant (2003) aufgreifend, wechselt die Kamera teilweise sogar die Perspektive und durchbricht die Chronologie der aneinander gereihten Ellipsen der Geschichte, um das Geschehen zunächst aus dem einen Blickwinkel, dann aus dem anderen aufzunehmen. Doch so sehr sie Blakes Handlungen minutiös einfängt, nie nimmt sie Blickkontakt mit ihm auf. Entweder sie zeigt Blakes Herumirren in Totalen, sein torkelnder Körper klein und verloren unterwegs im Wald, oder aber sein Blick wird von Haaren und den Nebeln seines permanenten Dämmerzustandes verstellt. Trotzdem gewinnt Blake mit jeder Einstellung mehr an Kontur: Durch die Häufung der desolaten Szenen entsteht das Bild eines lautlos schreienden Menschen, der nur mit einem Musikinstrument in der Hand seine Stimme zu erheben vermag. Der Tod ist bereits da, bevor er eintritt.

Wie schon in Gerry und Elephant verwendet Gus Van Sant in Last Days die Mittel der Fiktion, um einen medial ausgeschlachteten Todesfall zu interpretieren. Dabei geht es ihm nicht um das Ereignis selbst, sondern darum, ein poetisches Psychogramm des jeweiligen Ereignisses zu skizzieren. Zwar kulminieren die Handlungen mit dem Tod in der Wüste in Gerry, dem Massaker an der High School in Elephant und Blakes Selbstmord in Last Days, das eigentliche Spektakel jedoch offenbart sich in der präzisen Seismografie der Stimmungen, die den Weg bis zur tatsächlichen Tat säumen. So ist auch Last Days weniger ein Film über das wilde Leben eines Rockstars als ein beeindruckender Film von Gus Van Sant - und eine Hommage an den langsam verblassenden Kurt Cobain.
Filmkritik von Marguerite Seidel
Veröffentlicht am 21.12.2006
Kommentare zu Last Days
Donald 19.01.2008 15:42
Der film ist einfach genial er zeigt nicht die aufreibenden stunts auf der bühne sondern den allein gelassenen Grungerocker Kurt Cobain in seinen letzten tagen wer allerdings diese seite an kurt nicht zusehen bekommen will sollte sich diesen film erst garnicht angucken
chloé toulouse 30.11.2008 15:50
Zu diesem Film passt einfach nur eins..
gewollt aber nicht erreicht.
Zugegeben..die Kameraführung ist beizeiten ganz nett..auch die Schauspielerei in diesem Film ist nicht schlecht..aber dramaturgisch ist der Film ein Skandal und will einfach mehr als er kann.
Mit gänzlich zu langen Einstellungen wird nicht das erreicht was vermutlich erreicht werden soll..Langeweile stellt sich ein.
Weiss man gar nichts über Kurt Cobain ist man vermutlich nach den ersten 5 Minuten eingeschlafen..ist man informiert hält man aber auch nicht mehr als 30 Minuten aus.
Es ist mir wirklich ein Rätsel wie dieser Film überhaupt an positive Kritiken gelangen kann.
Dies wahrscheinlich nur von Menschen die das vermeintlich künstlerische darin zu sehen glauben und sich nicht trauen auszusprechen wie es nunmal ist.
Der Film ist schlech und gewollt, aber nicht gekonntt.Punkt.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Last Days
USA 2005
Laufzeit: 97 Minuten
Regie: Gus Van Sant
Produktion: Dany Wolf
Darsteller: Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento, Scott Patrick Green
Kinostart: 11.01.2007
DVD-Angaben
Titel: Last Days
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 1,33:1
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/DS), Englisch (DD 2.0/DS)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 93 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 11.05.2007
Copyright Last Days
Fotos: © Alamode
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