Lars und die Frauen

Liebe per Mausklick? Im Internet stellt sich ein Junggeselle die Frau seiner Träume zusammen. Bianca ist Halb-Brasilianerin, überaus sexy und aus garantiert gefühlsechtem Gummi.

Lars und die Frauen

Dass der Mensch zu allererst ein soziales Wesen ist, das sich nach Gemeinschaft und einem Leben mit Seinesgleichen sehnt, wird vor allem dann deutlich, wenn beides – freiwillig oder unfreiwillig – nur unzureichend vorhanden ist. In Lucky McKees Horror-Drama May (2002) steigerte sich eine junge Frau in eine unerwiderte Liebe hinein mit letztlich fatalen, sprich tödlichen Folgen für das Objekt ihrer Begierde. Der Mangel an zwischenmenschlicher Zuneigung und Nähe bildete in diesem Fall den Nährboden für eine schwere Wahnvorstellung. May, obwohl sie alle Wesenzüge einer unberechenbaren Psychopathin in sich vereinigte, ließ sich jedoch nicht in die Schablone einer irren Killerin pressen. Eher konnte sie einem Leid tun, weil niemand wirkliches Interesse für sie aufbrachte.

Craig Gillespie geht in Lars und die Frauen (Lars and the Real Girl) gleichsam von der Prämisse aus, dass Einsamkeit krank machen kann. Dabei folgen er und Six Feet Under-Autorin Nancy Oliver allerdings nicht den Gesetzmäßigkeiten des Horror-Genres. Ihr Story-Ansatz ist ein vollkommen anderer. Mit den Mitteln der Komödie, mit Humor und absurdem Witz nähern sie sich ihrem im Kern tragischen Sujet.

Lars und die Frauen

Ein kleines Kaff irgendwo im tief verschneiten Mittleren Westen. Dort lebt Lars (Ryan Gosling). Der junge Mann hat den Tod seiner Mutter vor über 20 Jahren bis heute nicht verkraftet. Als schließlich auch noch sein Vater stirbt und er sodann eine weitere wichtige Bezugsperson verliert, fällt er endgültig in ein tiefes emotionales Loch. Außerhalb seiner Arbeit und des wöchentlichen Gottesdienstes versucht er menschlichen Kontakten wenn möglich aus dem Weg zu gehen. Sogar sein älterer Bruder Gus (Paul Schneider) bekommt Lars nur noch selten zu Gesicht, obwohl er gleich nebenan in das elterliche Haus eingezogen ist.

Gerade als er und seine hochschwangere Frau Karin (Emily Mortimer) glaubten, nichts und niemand könne Lars aus seinem emotionalen Schneckenhaus mehr herausholen, hält er eine faustdicke Überraschung für sie bereit. Er habe eine Frau kennen gelernt. Bianca sei Halb-Brasilianerin, sehr religiös und überaus attraktiv. Was Gus und Karin da noch nicht ahnen: Bianca ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine lebensgroße Gummipuppe, die man sich im Internet nach den eigenen Wünschen „zusammenstellen“ kann.

Lars und die Frauen

Lars leidet augenscheinlich an einer Wahnvorstellung. Er redet mit Bianca, versucht ihre imaginären Wünsche zu erfüllen und ihr auch in vermeintlich schwierigen Situationen beizustehen. Gillespie und Oliver spielen gekonnt mit der Absurdität dieser etwas anderen Zweierbeziehung, in der – ganz im Gegenteil zu Biancas eigentlicher Bestimmung – Sexualität keine Rolle spielt. Gerade aus Biancas Begegnungen mit der Dorfgemeinschaft zieht die Geschichte einen Großteil ihrer verschrobenen Pointen. Der absurde, an Fargo (1996) erinnernde lakonische Humor täuscht zuweilen über die Tragik von Lars Schicksal hinweg. Hier haben wir es mit einem Menschen zu tun, der sich unbewusst in eine andere Welt flüchtet, weil er sein eigenes Leben und seine Vergangenheit am liebsten vergessen möchte.

Ryan Goslings zurückhaltendes Spiel nähert sich auf würdevolle Art einem äußerst schwierigen Charakter. Auch meistert er souverän Lars Wandlung vom emotionalen Eremiten zum liebestollen Vorzeigefreund. Ohne sich in der Darstellung auf Klischees über psychisch Kranke einzulassen, gelingt es ihm, Lars als einen liebenswerten Sonderling zu portraitieren, der trotz seiner Wahnvorstellung nicht auf seine bloße Andersartigkeit reduziert wird. Dabei wäre es ein Leichtes, Lars als einen durchgeknallten Freak hinzustellen. Indem Gosling ihm eine zutiefst anrührende Ernsthaftigkeit verleiht, zwingt er den Zuschauer gewissermaßen dazu, sich mit Lars’ Version der Realität auseinanderzusetzen – so abwegig diese auch sein mag.

Lars und die Frauen

Dass der Film Lars mitsamt seiner Krankheit ernst nimmt, ist eine notwendige Voraussetzung, um aus ihm keine banale Witzfigur werden zu lassen. Erst die Konsequenz, mit der Gillespie und Oliver Lars’ eigenwillige Beziehung zu Bianca verfolgen, verleiht der Geschichte ihre zu gleichen Teilen tragische wie komische Tiefe. Trotzdem läuft ihr Film zuweilen Gefahr seine Glaubwürdigkeit für eine Pointe aufs Spiel zu setzen. So ist es nur schwer vorstellbar, dass Lars hinter Biancas „Beruf“ als Schaufensterpuppe im örtlichen Einkaufscenter nicht einen zwar gut gemeinten, letztlich aber ironischen Einfall seiner Mitmenschen erkennt.

In der Rückschau bilden solche recht platt auf einen Lacher getrimmten Augenblicke glücklicherweise die Ausnahme. Am Ende wird Lars in einen neuen Lebensabschnitt entlassen, der – nur vage angedeutet – nicht in die Falle eines klassischen Happy Ends tappt. Weder ist Lars plötzlich wieder gesund, noch ist Bianca vergessen. Die Katharsis ist schmerzhafter und verläuft subtiler, als es uns Hollywood in ähnlich gelagerten Feel-Good-Movies gemeinhin Glauben lässt. Wie schon May zeichnet auch Lars und die Frauen aus, dass er eine Geschichte ohne Rücksicht auf Genregrenzen erzählt. Kam es in May noch zu einer Vermischung von Horror und Drama, ist es hier das komödiantische Element, über das Gillespies Studie in Einsamkeit eine Verbindung zum Zuschauer aufbaut. „Lache, wenn es nicht zum weinen reicht“ sang einst Herbert Grönemeyer. Nach diesem Film kann man sich vorstellen, was er damit gemeint haben könnte.

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Kommentare


TheRudi

Das Zitat vom Herbert am Ende gefällt mir. An sich stimme ich dir auch in allem zu, was du schreibst. Allerdings siehst auch du - wie eigentlich jeder - den Film aus einem bestimmten Blickwinkel. Du urteilst wie die Menschen im Film über Lars - wer sagt jedoch dass er krank ist? Wer von uns bestimmt schon was normal ist und was nicht? Ich habe es in meinem eigenen Beitrag angedeutet, ist es weniger normal an einen toten jüdischen Zimmermann als Gott zu glauben, als eine Sexpuppe wie einen echten Menschen zu behandeln? Grundsätzlich sehe ich da keinen Unterschied, von daher erachte ich Lars auch als sehr viel weniger krank wie andere Filmkritiker, zumindest ist er nicht mehr krank wie jeder Durchschnittsmensch (wenn man mal darüber nachdenkt).

Trotzdem, gelungene Kritik!






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