L'armée du salut

Afrikamera 2016: In seinem Regiedebüt verwebt Abdellah Taïa, basierend auf seinem eigenen Roman, postkoloniale Lebenswelten mit der sexuellen Identitätssuche seines Protagonisten. Das gesprochene Wort ersetzt er dabei durch eine intensive Choreographie der Blicke.

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Dass der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taïa sich ebenso stilsicher im Medium des Films wie in dem der Literatur bewegen kann, das merkt man seinem Debütfilm L’armée du salut direkt an. Bildgewaltig und wortkarg setzt Taïa in zwei großen Abschnitten seine eigene Lebensgeschichte in Szene. Die Handlung ist in beiden Teilen auf ein Minimum reduziert: Der erste spielt in der Kindheit des Protagonisten Abdellah und nähert sich der lähmenden Leere eines Jungen in den Sommerferien. Taïa lässt den Zuschauer Abdellahs Langweile erleben und gibt sich dessen Träumereien hin, folgt ihm bei alltäglichen Aufgaben wie dem Einkauf auf dem Markt, kleinen Botengänge oder bei flüchtigen sexuellen Begegnungen. Der zweite Teil gliedert sich dann wiederum in zwei Abschnitte und setzt ganze zehn Jahre später ein. Als junger Erwachsener hat Abdellah seinen Heimatort verlassen. Wir sehen ihn zunächst in einer Hafenstadt in Begleitung eines deutlich älteren Mannes aus Genf, der unverkennbar sein Liebhaber ist. Später erleben wir Abdellah nach seiner eigenen Ankunft in Genf, wo er für ein Studium hinzieht und zunächst auf der Straße lebt, ehe er schließlich Zuflucht in der titelgebenden Unterkunft der Heilsarmee findet.

Vexierspiel zwischen Macht und Lust

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Das gesprochene Wort seiner Romanvorlage und die Dialoge ersetzt Taïa in L’armée du salut, der in diesem Jahr das Afrikamera-Festival eröffnet hat, durch eine intensive Choreographie der Blicke, über die sich die Erzählung weitestgehend entfaltet. Diese Blicke wirken so irreführend wie verführerisch, weil sie widersprüchliche Codes transportieren und sich meist mehrdeutig interpretieren lassen: als Ausdruck der elterlichen Macht und deren Verbote, aber auch als Zeichen sexuellen Begehrens. In diesen nach Bestätigung suchenden Blicken Abdellahs äußert sich eine doppelte Isolation des Heranwachsenden. Denn so simpel Abdellahs Lebensrealität zunächst wirken mag, erweist sie sich als ungemein komplex und nahezu undurchschaubar.

Taïa erzählt vorurteilsfrei, verzichtet auf Kommentare, überlässt es gänzlich dem Zuschauer, eine Haltung zum Geschehen zu entwickeln. Das kann vor allem in den Szenen, die um Abdellahs homoerotische Erfahrungen kreisen, bisweilen stark verunsichern. Handelt es sich nicht um Missbrauch, wenn der ältere Mann den 15-jährigen Jungen zum Geschlechtsverkehr auffordert, oder können wir als Zuschauer aufgrund der fehlenden Gegenwehr oder gar Flucht daraus schließen, dass Abdellah die Situation duldet, vielleicht sogar Lust daraus zieht? Die Bilder entziehen sich nicht zuletzt auch dadurch einer eindeutigen Zuordnung und Beurteilung, weil Abdellah mit teilnahmslosem Blick und ohne das geringste Anzeichen einer emotionalen Beteiligung sowohl den Ungerechtigkeiten in der Familie wie möglichen sexuellen Übergriffen begegnet – Point-of-View-Shots fehlen vollkommen. Der Zuschauer kann sich dem Vexierspiel zwischen Macht und Lust ebenso wenig entziehen wie Abdellah selbst. Ähnlich rätselhaft bleibt Abdellahs inzestuöses Begehren nach seinem Bruder. Handelt es sich um ein reales verbotenes Verlangen oder doch um Traumbilder? Fast magisch muten diese mehrdeutigen Szenen an, wird die flüchtige Identität Abdellahs in ihnen doch förmlich greifbar.

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Selbst die Körperlichkeit von Said Mrini, der den jugendlichen Abdellah mimt, ist, ebenso wie die von Karim Ait M’Hand, der den erwachsenen Abdellah verkörpert, auf ihre Blicke reduziert. Auf eine Darstellung expliziter homosexueller Handlungen verzichtet Taïa konsequent. Auch in Bezug auf die Kritik am Verbot und der Ächtung gleichgeschlechtlicher Sexualität erweist sich der Austausch von Dialogen durch ein Netz aus Blicken dabei als überzeugendes Mittel, verleiht L’armée du salut doch so homosexuellen Lebensrealitäten in Marokko filmischen Ausdruck.

Am Ende ein junger Mann

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Mit L'armée du salut hat Taïa ein komplexes Werk geschaffen, in dem subtil die Grenzen zwischen Traum und Realität, zwischen Machtmissbrauch und Liebe zerfließen. In seiner poetischen Bildsprache erinnert das Debüt durchaus an die Filme von Apichatpong Weerasethakul oder von Claire Denis – woran wohl auch Taïas Kamerafrau Agnès Godard erheblichen Anteil haben dürfte. Neben der Inszenierung der Blicke der Protagonisten besticht L'armée du salut auch durch die Darstellung der filmischen Räume. Mit der Ankunft im Norden werden die übersichtlich strukturierten Räumlichkeiten in Marokko, etwa das elterliche Haus oder die leeren Straßen im Dorf, durch komplexe räumliche Strukturen in Genf ersetzt.

Dort führt Taïa dann auch die beiden hauptsächlichen Themenkomplexe seines Films zusammen: den postkolonialen Diskurs und die sexuelle Identität des Protagonisten. Im Universitätsgebäude begegnet der erwachsene Abdellah zufällig seinen ehemaligen Geliebten, erwartungsgemäß kommt es zur Konfrontation. Selbstsicher und selbstkritisch gesteht Abdellah dem Mann, ihn für seine Zwecke und sein Vorankommen missbraucht zu haben. Auch in dieser unangenehmen Situation lässt er stoisch nacheinander den Liebesbeweis, die Schelte und die Ohrfeige des Professors über sich ergehen. Doch im Gegensatz zum ersten Teil des Films sieht der Zuschauer nun einen in sich gefestigten Protagonisten, von dem nichts mehr verlangt werden kann als der zu sein, der er ist, und der er sein will: ein junger, wissbegieriger Mann, der frei sein will und Männer liebt.

Trailer zu „L'armée du salut“


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