Haus der Sünde

Raus aus dem Korsett. Bertrand Bonellos Kammerspiel lässt das Jahrhundert der Emanzipation an einem frauenverachtenden Ort beginnen.

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„Meine einzigen zwei Bücher sind de Sades Tagebuch und die Bibel. Aber die Bibel habe ich nicht gelesen.“ Kein Wunder – spricht diesen Satz doch eine Frau, die im „L’Apollonide“, einem Pariser Edelbordell, wohnt und arbeitet. Dieses Etablissement ist der Protagonist von Bertrand Bonellos Haus der Sünde (L’Apollonide (Souvenirs de la maison close), 2011). Die Prostituierten gehören eher zur Ausstattung, von ihnen rückt keine über längere Zeit ins Zentrum. Vielmehr geht es Bonello um den Kulturwandel, ja vielleicht gar den Kulturverlust am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Diese nostalgische, wenn auch nie idealisierende Elegie auf das fin de siècle ist eine Ode an die Eleganz einer Epoche und zugleich eine Todeshymne für diese Ära.

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Die Schlüsselszene des Films erstreckt sich über die gesamte Spielzeit, sie wird stets nur in Fragmenten gezeigt, immer wieder aufgenommen und so erst langsam in ihrer Gänze enthüllt. Es handelt sich dabei um Erinnerungen der Prostituierten Madeleine (Alice Barnole) an eine Nacht mit ihrem Lieblingsfreier. Eine Nacht, in der sie erst gefesselt und mit einem Messer erregt, dann jedoch grauenhaft verunstaltet wurde. Diese Szene balanciert geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Lust und Schmerz, Macht und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus. Damit ist nicht nur das psychoerotische Terrain des de Sade’schen Denkens abgesteckt, sonden auch die prekäre soziale Lage der Prostituierten umschrieben. So wie Madeleine ihrer Freiheit beraubt wird, wenn der Freier sie fesselt, so sind all die Frauen des „L’Apollonide“ gefangen: in ihrem sozialen Status und im Bordell. Folgerichtig ist Bonellos Film ein Kammerspiel, bei dem die Kamera nur zweimal das Haus verlässt. „Die Freiheit gibt es draußen“, sagt die Chefin – doch finanzielle Schulden halten die Frauen drinnen fest, in der Abhängigkeit, die sie zwingt, sich von Männern (und einem Messer) penetrieren zu lassen.

Der erste Akt führt in den Alltag des „L’Apollonide“ ein. Die Frauen trinken mit den Gästen, betreiben mit Kügelchen und Luftpumpen ein kurioses Gesellschaftsspiel und streicheln einen zahmen Panther. Dann folgt die euphemistische Frage „Sollen wir Kommerz machen?“ – und wenn das Haus in den Morgenstunden schließt, vergleichen die Frauen, wer mit wie vielen Kunden „Kommerz“ gemacht hat. Mitten in diesem Umfeld wächst die junge Pauline (Iliana Zabeth) auf, die sich mit 16 Jahren förmlich um eine Stelle im Bordell bewirbt. Sie wird „Die Kleine“ genannt, andere heißen „Zarter Schenkel“ oder „Kletternde Rose“. Eine erregt ihren Freier mit den Bewegungen einer mechanischen Puppe, eine andere verfällt aus Angst vor dem Älter- und damit Wertlos-Werden dem Opium. Die brutal zugerichtete Madeleine – „Die Frau, die lacht“ – wird wegen ihrer hässlichen Narben zur Hausdienerin degradiert und als Kuriosität ausgestellt. Regelmäßig müssen die Frauen eine demütigende medizinische Untersuchung über sich ergehen lassen – und als die erste von ihnen qualvoll an Syphilis verendet, beginnt auch der Untergang des Hauses „L’Apollonide“.

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In diesem misogynen Milieu erschafft Bonello einen Film, der voller feministischer Momente ist. Ob es eine Racheszene ist, in der sich die Prostituierten solidarisieren, oder ein Satz wie „Ich würde gerne mal ein Bordell für Frauen sehen“ – immer wieder werden die Sexobjekte zu Subjekten, die der Männerwelt souverän mit Totalverweigerung drohen: „Wenn ich hier jemals rauskomme, werde ich nie wieder Liebe machen.“ Auch ein paar Seitenhiebe auf heutige Schönheitsideale verkneift sich das Drehbuch nicht – die Prostituierten tragen zeitgemäß Achselhaare, und der fülligen Pauline wird jegliches Abnehmen verboten.

Und doch besteht die einzige Hoffnung der Frauen letztlich in dem Wunschtraum, ein Freier möge sie irgendwann freikaufen, erlösen. „Wenn einer ein Schicksal hat, dann ist es ein Mann. Wenn einer ein Schicksal bekommt, ist es eine Frau“, heißt es passend dazu bei Elfriede Jelinek.

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Bertrand Bonellos bisherigen Filmen wohnte stets eine große visuelle Kraft inne. De la Guerre (2008) entwickelte aus einem existenzialistischen Plot enorm sinnliche Tanz-Bilder, die eher einer experimentellen Video-Arbeit als einem narrativen Film zu entstammen schienen. Und die erhabene Eingangssequenz des Transsexuellen-Dramas Tiresia (2003) gehört in jede Kollektion der großartigsten Prologe. In Haus der Sünde gelingen Bonello und seiner Kamera- und Ehefrau Josée Deshaies nur selten ähnlich beeindruckende Einstellungen – einmal, wenn der Opiumrauch langsam aus dem leicht geöffneten Mund einer Prostituierten entweicht, ein andermal, als Madeleine weiße Tränen vergießt. Andere Szenen – wie ein symbolistischer Fall eines Rosenblatts – wirken überdeterminiert oder müssen scheitern, weil ihre Motive durch klassisch gewordene Werke besetzt sind: so zum Beispiel ein Maskenball, der im Vergleich zu Kubricks Eyes Wide Shut (1999) blass bleibt. Auch diverse ironische Stilbrüche (Split Screens, weder in die heutige noch in die profilmische Epoche passende Musik, Schauspielerinnen mit Tattoos) funktionieren nicht richtig, da sie wie bloßer Selbstzweck wirken. Die größte Stärke dieses für Bonellos Verhältnisse eher durchschnittlichen Films bleibt daher die Subversion des männlichen Blicks durch weibliche, ja feministische Perspektiven.

Trailer zu „Haus der Sünde“


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Kommentare


Martin Zopick

Es ist eine Dokumentation eines Edelbordells um 1900. Inhaltlich ist es der Tagesablauf in diesem Etablissement. Es gibt ein Einstellungsgespräch mit Pauline (Iliana Zabeth), eine Anleitung zur Hygiene, eine Untersuchung durch den Amtsarzt, ausführliche Gespräche der Nutten untereinander, manch abartige Praxis (s-m), gemeinsames Essen und einen Ausflug ins Grüne. Und ständig laufen halbnackte Mädels durchs Bild. Es entsteht eine Anti-Welt: hier drinnen und dort draußen. Aber Voyeure kommen nicht auf ihre Kosten, denn der Schnitt lässt keine anteilige Lust aufkommen. Stattdessen ein Schocker: ein blutüberströmtes Gesicht, die Mundwinkel aufgeschlitzt. Damit versucht uns Regisseur Bonello bei der Stange zu halten. Wiederholungen und Details dazu sollen wohl wachrütteln, bilden quasi einen ‘Roten Faden‘. Auch der Split-Screen kann die vierfache Lust am Zuschauen nicht erhöhen. Es gibt Andenken (‘Souvenirs‘), die kann man vergessen. Gegen Ende sieht man die Mädels als tanzende Nymphen auf einer Totenfeier, nachdem eine an der Syphilis gestorben ist. Gruppenstreicheln wird ausgiebig praktiziert. Pauline verlässt das Haus. Gerne würden wir ihr folgen. Dann der zweite Schocker: Musik von Procol Harum ‘Nights in White Satin‘. Das passt zum Anlass wie der Emir zum Eisberg. Jetzt dreht Bonello erst richtig auf mit ganz harten Schnitten: Tränen aus Sperma, die Rote Laterne erlischt, Straßenstrich heute, dazu singt Janis Joplin. Das ist der soziale Abstieg!? Whow! Ein gesellschaftliches Sittenbild, das wir schon kannten. Schön wie der sterbende Schwan. K.V.






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