Lantouri

Von Wut und Wucht: Der Iraner Reza Dormishian bringt mit seinem extrem intensiven, moralisch komplexen Schuld-und-Sühne-Thriller das Publikum zum Schweigen.

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Anders als im Theater, wo das Publikum den Saal normalerweise erst nach der Würdigung der Beteiligten verlässt, ist es im Kino durchaus üblich, mit Einsetzen der Credits sofort aufzustehen und zu gehen. Bei der besuchten Vorführung von Lantouri gelang dies allerdings nur etwa 10 von rund 300 Zuschauern. Der Großteil des Publikums verharrte schweigend in den Sesseln, in die der Film sie gepresst hatte. Gerade in der zweiten Hälfte entwickelt Lantouri eine solche Wucht, dass kaum ein Flüstern, Rascheln oder Hüsteln zu vernehmen war.

Ausgangspunkt dieser Wucht ist Wut: die Wut junger Iraner über soziale Ungerechtigkeit und politische Unterdrückung. In Dormishians vorherigem Film I’m not angry (Asabani Nistam!, 2014) mündete diese Wut in psychischen Störungen, verzweifelter Gewalt und einer moralphilosophischen Auseinandersetzung mit der (im Iran häufig vollstreckten) Todesstrafe. Lantouri porträtiert nun vier junge Erwachsene, die aus Frustration über die wirtschaftlichen Gegensätze im Iran eine Gang bilden und reiche Menschen auf offener Straße berauben. Was mit dem Diebesgut geschieht – ob die vier es Robin-Hood-artig an die Armen verteilen, es behalten, eigennützig verscherbeln oder ob es ihnen lediglich um das Stehlen an sich geht –, das lässt der Film offen. Die Wut der Lantouri-Gang stellt er aber nicht nur erzählerisch dar, sondern auch stilistisch: Die Unruhe der iranischen Gesellschaft findet sich im hektischen Schnitt und in lauten extradiegetischen Begleitgeräuschen wieder.

Politische und private Wut

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Neben der gesellschaftlichen gibt es in Lantouri noch eine zweite, private Art von Wut: Die Kränkung eines Verliebten durch Zurückweisung. Das Gang-Mitglied Pasha (Navid Mohammadzadeh), ein sympathischer, attraktiver, gebildeter Mann mit starkem Gerechtigkeitsdrang, verliebt sich in die Menschenrechtsaktivistin Maryam (Maryam Palizban), die täglich Familien besucht, deren Angehörige Opfer von Mördern geworden sind. Sie bittet sie, den Tätern zu vergeben und sie von der Todesstrafe zu verschonen. Schließlich bringe eine Exekution den verlorenen Menschen nicht wieder.

Plötzlich steht Maryam aber selbst vor der Entscheidung: Rache oder Vergebung? Aus Trauer und Rage über die nicht erwiderten Gefühle schüttet Pasha ihr Salzsäure ins Gesicht. Maryam erblindet, wird von Schmerzen gepeinigt und ist für den Rest ihres Lebens entstellt. Kann sie ihren eigenen Worten Taten folgen lassen und Pasha vergeben – oder macht sie von ihrem Recht auf Rache Gebrauch, welches das iranische Justizsystem ihr in Form der archaischen lex talionis (Auge-um-Auge-Prinzip) gewährt?

Recht und Gerechtigkeit

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Die Art und Weise, wie Regisseur Reza Dormishian diese Frage beantwortet, macht Lantouri – neben Nader und Simin – Eine Trennung (Jodaeiye Nader az Simin, 2011) sowie Modest Reception – Die Macht des Geldes (Paziraie sadeh, 2012) – zu einem der besten Filme, die das traditionsreiche iranische Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Erstens wechselt Dormishian selbst beständig die Perspektive: Zeigt er das Leid von Maryam, so ist man geneigt, sich von einem Gerechtigkeitsempfinden leiten zu lassen, das eine äquivalente Rache als moralisch richtig erscheinen lässt. Erzählt er aber davon, wie diese Strafe an Pasha vollstreckt werden soll, dann wirkt die lex talionis plötzlich barbarisch und absurd: Ein Arzt wird damit beauftragt, die prozentuale Beschädigung von Maryams Gesicht zu bestimmen und exakt das gleiche Maß an Schaden operativ bei Pasha zu erzeugen – hippokratischer Eid hin oder her.

Zweitens fügt der Regisseur zwischen die Handlungsszenen immer wieder Interviewschnipsel ein. Diese sorgen durch zuvor unbekannte Hintergrundinformationen und neutralere Perspektiven für eine weitere Veruneindeutigung der Situation. Selbst die vermeintlich klare Verteilung der Rollen in Pasha, den Täter, und Maryam, das Opfer, beginnt zu bröckeln. Die eingeschobenen Interviewsequenzen müssten den Erzählfluss eigentlich stören – doch anders als in A Dragon Arrives! (Ejhdeha Vared Mishavad!, 2016), der die fiktive Ebene gleichfalls mit dokumentarischen Interviews durchbricht, ist das Gegenteil der Fall: Die Hybridität bremst den Plot nicht aus, sondern bereichert ihn durch wichtige Details und Nebenfiguren, bei denen sich erst nach und nach herausstellt, was sie mit der Geschichte zu tun haben. Diese Außenansichten der Befragten führen die Geschichte von Pasha und Maryam auf eine narrative Komplexitätsebene, die an die Filme Asghar Farhadis erinnert.

Film und Philosophie

Hier gibt es keinen klaren Ausweg mehr, keine saubere Lösung. Leid lässt sich weder messen noch kompensieren. Es kann verschoben und vermehrt werden – ob das der Gerechtigkeit dient, ist letztlich eine sehr individuelle philosophische Frage. Lantouri zeigt durch seine realistische Ambivalenz, wie schwer sie zu beantworten ist. Das Moralverständnis bezüglich der Schuld Pashas und der damit zu verbindenden Sühne dürfte nicht nur bei jedem Zuschauer anders ausfallen – es changiert selbst in ein und derselben Person immer wieder, ohne einen Endpunkt zu finden.

Es ist diese Verbindung aus einer packenden Geschichte und äußerst verzwickter Moralphilosophie, die das Publikum in die Sitze drückt und zum Schweigen bringt. Und selbst nachdem das Verlassen des Kinosaals endlich erfolgreich bewältigt wurde, wirkt Lantouri noch lange nach.

Trailer zu „Lantouri“


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