Landstück

Landschaftsbild ist Weltbild: Wie ein Gastgeber führt Regisseur Volker Koepp den Zuschauer durch das Agrarland zwischen Berlin und Stettin und zeigt, was bald passé sein könnte.

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Was der Titel klein macht, macht der Film groß: Das Landstück, um das es hier geht, ist keine Parzelle, nichts, was zu vermessen und einzuzäunen wäre. Es ist etwas, das über Grund und Boden hinausgeht und das bildet, was man gemeinhin als Kulturlandschaft bezeichnet: das gemeinsame Werk von Mensch und Natur, das Spiel ihrer Kräfte in einem begrenzten Raum, das gegenseitige Bändigen und Formen. Denn auch wenn Volker Koepp das landwirtschaftliche Idyll nicht entschieden zerschlägt, deutet sich dieses gemeinsame Spiel auch in seiner Härte an. Die Kulturlandschaft, die Landstück zeigt, zeugt vom Ringen um eine friedliche Koexistenz. Nach zwanzig Jahren ökologischer Landwirtschaft verweigere ihm sich die Natur immer noch, sagt ein Landwirt, der Öko-Landbau sei ungleich schwerer zu verstehen. Wie ein unergründbares Kunststück offeriert der Film das titelgebende Landstück, ein Schmuckstück, das großzügig den Menschen gereicht wird und demütig entgegengenommen werden soll, voller Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Goliath gegen den Schafmichel

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Und das tun sie auch, die Menschen, die Volker Koepp befragt und die ihm Einlass gewähren in ein Leben, das sich von der Umgebung nicht lösen lässt. Da ist die junge Frau, die immer wieder aus dem Plattenbaufenster guckt und sich an der Permanenz der Landschaft erfreut – wie sie sagt, ohne genau zu wissen, worauf sie gerade geschaut oder woran sie gerade gedacht hat. Da ist der Umweltschützer, der die Rückkehr der Luzerne feiert und erklärt, unter welchen Bedingungen der Schreiadler heimisch wird. Da ist auch die Familie, die vier Generationen unter einem Dach vereint und sich hartnäckig weigert, das Grundstück zu veräußern und die Landwirtschaft aufzugeben. Denn das Landstück ist umkämpft. Zweifelsohne wird es verteidigt, aber es ist ein ungleicher Kampf, gewissermaßen Goliath gegen den Schafmichel, wie sich der Umweltschützer Michael Succow, der in seiner Jugend Schafe gehütet hat, im Film selbst bezeichnet. Der Feind, das sind die ortsfremden Großinvestoren, die die Bodenpreise in die Höhe treiben und das Landstück wie ein Industriegelände verwalten. Landstück bietet ihnen keine Bühne, enthält dem Zuschauer ihr Gesicht, ihre Rechtfertigungen vor. Der Film sucht nicht die unmittelbare Konfrontation und schlägt sich dezidiert auf die Seite der Luzernefreunde.

Und täglich grüßt das Discounthähnchen

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Der Gegner ist dennoch omnipräsent. In den Ausführungen der Menschen, denen Volker Koepp begegnet, aber vor allem in den großanlegten Veränderungen, denen das Agrarland unterworfen ist. In einem sehr schlüssigen Beleg des Bonmots, nach dem das Landschaftsbild immer auch das Weltbild ist, zeigt Landstück, wie Monokulturen, Biogasanlagen, Windräder und Massentierhaltungsbetriebe das vertraute Gesicht der Kulturlandschaft zu verunstalten drohen. Der Kontrast ist umso schärfer, als die anfänglichen Aufnahmen – die so gut wie nie die tatsächliche landwirtschaftliche Arbeit zeigen – einer unberührt scheinenden Natur mühelos Caspar-David-Friedrich-Erhabenheit erlangen; der Nordosten Deutschlands habe ihn immer an seine Gemälde erinnert, erklärt der Regisseur. Fast wortlos arbeitet der Film die Unterschiede zwischen der ökologischen Landwirtschaft und der Agrarindustrie heraus; der umzäunte Hähnchenmastbetrieb erschreckt durch seine Intransparenz: kein Fenster, kein Schild, kein Mensch. Nach der romantischen Landschaftsgemäldeschau prangt jeder Traktor, der Pestizide sprüht, jedes Windrad wie ein Fremdkörper, gewaltsam dem harmonischen Kleinod aufgepfropft.

Man hätte meinen können, dass Landstück den Zuschauer zunächst in den Bann der brandenburgischen Landschaften zieht, um ihm das Discounthähnchen vorzuhalten. Tatsächlich aber ist der Film sehr gemäßigt in der Anklage; globale Zusammenhänge – etwa die Überschwemmung von afrikanischen Märkten mit subventionierten deutschen Hähnchenresten – werden nur angerissen. Die Bestrebungen scheinen sich vor allem auf die Schönheit der nur behutsam berührten Natur zu richten. Die Landschaft als „kultureller Wert“, so drückt es im Film einer von vielen aus, die einen Narren gefressen haben an diesem Landstrich, bedroht von sozialer und ökologischer Verödung. Zweifelsohne ist der Film ein Plädoyer für den Erhalt dieses Wertes. Landstück zeigt aber eher, wie der Wert zugrunde geht und nicht, warum.

Die kleine Bank in der Uckermark

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Andrerseits geht es dem Film auch nicht darum, ein goldenes Zeitalter der Landwirtschaft im Nordosten Deutschlands heraufzubeschwören, genauso wenig übrigens, sie vor dem Eingriff der Technik zu wahren, denn: Auch der Biobauer schätzt sein GPS. Volker Koepp zeichnet die historischen Umwälzungen nach, denen die Region ausgesetzt war. Leinwandfüllend zitiert er zwei eigene Werke – Das weite Feld (1976) und Uckermark (2002) – und gibt Landstück damit eine eigene Zeitlichkeit. Enthoben von der reinen Bestandsaufnahme wird der Film – gewollt oder ungewollt – in so etwas wie eine langfristig angelegte Studie eingebettet, werden Brüche und Kontinuitäten freigelegt. Zwei alte Männer auf einer Bank erinnern sich an die Gründung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und wie sie das halbe Dorf ins kanadische Exil zwangen; Jahre später erklärt auf derselben Bank der Enkel, warum er den Familienhof bewirtschaftet. Deutlicher konnte Volker Koepp kaum zeigen, wie das große Geschehen auf die kleine Bank in der Uckermark einprasselt.

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