Land of Plenty
Der in kürzester Zeit entstandene Film Land of Plenty ist der bisher politischste von Wim Wenders. Er zeigt die Armut im Land des Überflusses und paraphrasiert das paranoide Verhalten Amerikas zur Welt und den blinden Patriotismus einiger Amerikaner. Dabei bleibt der Regisseur seiner Bildsprache treu und verfällt nie in den demagogischen Gestus eines Michael Moores. Dennoch ist der Film oft zu konstruiert und zeigt damit auch seinen hektischen Produktionsgang an.

Land of Plenty entstand aus einer Verlegenheit heraus. Da sich der Drehbeginn zu Don’t come knocking, dem inzwischen abgedrehten neuen Filmprojekt von Wim Wenders, Anfang 2003 verzögerte, schob er Land of Plenty sozusagen dazwischen: Der Film entstand in nur einem halben Jahr – inklusive dem Verfassen des Drehbuchs, der Vor- und Nachproduktion. Die gesamte Drehzeit betrug nur 16 Tage: eine „Wirbelwind-Produktion“ (Wenders). Dies schlägt sich auch inhaltlich nieder, insofern die entscheidenden Handlungsmomente nicht wie sonst bei Wenders poetisch-allgemeiner oder philosophisch-politischer Natur, sondern ganz konkret an das Amerika unserer Tage gebunden sind. Sie sind zugleich Ausdruck eines politischen Gestus, der in dieser Form ganz neu ist für Wenders’ Filme.
Auf den ersten Blick sieht man Land of Plenty seine Produktionsbedingungen aber nicht an. Auch teurere und aufwändigere Produktionen werden heute mit Digital-Video gedreht und später auf 35-mm-Film gezogen und die Inszenierung hat nichts Improvisiertes oder gar Zufälliges. Oft amüsiert der Film, der – im besten Sinne – unterhaltsam inszeniert ist. Wenders selbst aber wies darauf hin, dass „in dieser Low-Budget-Produktion der Inhalt das Hauptkriterium war.“ Der zweite, genauere Blick sollte also dem Inhalt gelten, dem Drehbuch, dessen erster Entwurf in nur 20 Tagen von Michael Meredith verfasst wurde und an dem Wenders noch arbeitete, als die Dreharbeiten längst begonnen hatten. Gerade hier werden aber leider auch die Schwächen dieser typischen „Guerilla-Produktion“ von Wenders deutlich.

Land of Plenty ist in drei größere Teile gegliedert. Der erste Akt stellt uns vor allem die Protagonisten vor: Paul (John Diehl), ein Vietnam-Veteran, hat seinen alten, schrottreifen Kleinbus zu einer Art Abhörzentrale umgebaut. Er ist seit den Anschlägen des 11. September 2001 davon überzeugt, dass praktisch jeder verdächtig und insbesondere jeder arabisch aussehende Mensch zugleich ein potentieller Angreifer ist. Auf seinen täglichen Touren durch Los Angeles beobachtet er die Lage und bespricht Tonbänder für imaginäre Archive; er schützt sein Land. Lana (Michelle Williams) ist die Tochter eines Missionars und lebte zuletzt im Nahen Osten. Sie kommt eigentlich nach Los Angeles, um hier Journalistin zu werden. Etwas naiv stellt sie auf der Fahrt vom Flughafen fest, dass Amerika offenbar ganz anders ist, als es sich selbst in der Welt darstellt: im Land des Überflusses leben Tausende im Elend, liegen auf der Straße, müssen hungern. Henry (Wendell Pierce), ein Freund ihres Vaters, ist Leiter eines Obdachlosenheimes in Downtown L.A.; er bietet ihr ein Zimmer an und Lana arbeitet nun mit in diesem Heim. Sie will den Menschen, die hier leben, helfen. Die etwas simple Metaphorik dieser Charaktere wird schon jetzt deutlich: Lana verkörpert die Rettung, das Positive, das Gute – während Paul der traumatisierte „Durchschnittsamerikaner“ ist, der mit grenzenlosem, unreflektiertem Patriotismus seinem Land dienen will und in paranoiden Wahnvorstellungen überall Gefahr wittert.
Der Hauptteil des Films führt diese beiden Charaktere dann zusammen. Paul und Lana sind verwandt, auch wenn der Onkel nichts von seiner Nichte wissen will. Die beiden könnten gegensätzlicher auch nicht sein: Die erste Szene mit Lana zeigt diese engelsgleich schlafend, hoch über den Wolken in einem Flugzeug; ihre ersten Worte sind ein Gebet. Für Paul spielt Gott keine Rolle; er ist hinter Hassan (Shaun Toub) her, der sich – nur mit einem Karton unter dem Arm – verdächtig gemacht hat. Als Hassan schließlich direkt vor dem Obdachlosenasyl aus einem fahrenden Auto heraus erschossen wird, treffen Paul und Lana aufeinander. Während sich Lana bemüht, die Verwandten des zunächst namenlosen Toten ausfindig zu machen, ist sich Paul sicher, dass Hassan zu einem Verschwörerring gehörte, der einen Anschlag plant und von anderen Terroristen ermordet wurde, denen Hassans Organisation in die Quere gekommen ist. Beider Sicht auf die Welt ist einseitig: für Lana besteht sie aus Opfern – für Paul aus Tätern.

Was an der Umsetzung dieser Personenkonstellation verwirrt, ist, dass es zu keiner ernsthaften Auseinandersetzung zwischen Paul und Lana kommt. Ihre Verbindung bleibt oberflächlich. Darüber hinaus bewegt sich die religiöse Emphase Lanas oft am Rande der Lächerlichkeit (was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass Michelle Williams, zumindest in einigen Szenen, mit ihrer Rolle überfordert scheint); Gleiches gilt für die mehrmals ausführlich inszenierten Predigten von Henry während der Gottesdienste im Obdachlosenasyl. Natürlich ist diese Religiosität zugleich der Gegenentwurf zu dem öffentlich ausgestellten Glauben eines George W. Bush, der auch in Land of Plenty mittels eines Fernsehausschnittes zitiert wird – als Kritik greift dies aber zu kurz.
Der dritte Teil des Films schließlich, der im Gegensatz zu den ersten Akten, die als Stadt-Film angelegt sind, als typischer Wenders-Road-Movie daherkommt, ist denn auch sehr schnell vorhersehbar. Im unausweichlichen Gespräch – stilsicher auf einem Friedhof inszeniert – brechen beider Wunden auf: Lana berichtet davon, wie im Nahen Osten Freudentänze aufgeführt wurden, als die Türme des World Trade Centers einstürzten und Paul bekennt seine Ratlosigkeit angesichts des Ereignisses. Die sehr ernsten Themen und Probleme werden dabei mit einer gewissen Naivität dargestellt (Lana: „Die Opfer wollen bestimmt nicht, dass in ihrem Namen noch mehr Menschen sterben.“), die eines sehr deutlich macht: Das politische und moralische Potential, welches in der Geschichte durchaus angelegt ist, konnte angesichts der raschen Produktion nicht hinreichend ausformuliert werden.
Filmkritik von Roberto Dzugan
Veröffentlicht am 02.10.2004
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Film-Angaben
Titel: Land of Plenty
Deutschland, USA 2004
Laufzeit: 123 Minuten
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Michael Meredith, Wim Wenders, Scott Derrickson
Produktion: In-Ah Lee, Samson Mücke, Gary Winick, Jake Abraham
Darsteller: John Diehl, Michelle Williams, Richard Edson, Wendell Pierce, Burt Young
Kinostart: 07.10.2004
DVD-Angaben
Titel: Land of Plenty
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Audiokommentar; Interviews; B-Roll; Geschnittene Szenen mit Kommentar von Wim Wenders; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 04.10.2005
Copyright Land of Plenty
Fotos: © 2003 Reverse Angle International / IFC
All Rights Reserved
All photos by Donata Wenders
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