Lover for a Day

Philippe Garrel beendet seine jüngste Trilogie mit einem Film um zwei Frauen im gleichen Alter, einen Philosophieprofessor und ein paar hommes fatals. Und aus der Mitte entspringt ein Tanz.  

Amant d un jour 1

Ob sie das komisch findet, fragt Ariane Jeanne. Dass sie beide im gleichen Alter sind. Wo doch Jeanne (Esther Garrel) die Tochter von Philosophiedozent Gilles (Éric Caravaca) ist und Ariane (Louise Chevillotte) seine Studentin und Geliebte. Jeanne verneint die Frage. 23 = 23, was heißt das auch schon? Ariane hat nicht nur zwei Silben mehr in ihrem Namen, sondern auch unzählige Sommersprossen im Gesicht. Jeanne dagegen ist ganz einsilbig und unbefleckt.

Später trifft Jeanne einen alten Freund von der Uni auf der Straße, der sie ziemlich körperlich begrüßt. Sie hat sich nie getraut, mit ihm zu schlafen, erzählt uns die Erzählerin im Voice-over (wie meist bei Philippe Garrel eine sehr zuverlässige Erzählerin, nicht im Sinne einer lückenlosen Aufklärung, sondern einer präzisen Ergänzung der figureigenen Denk- und Begehrensströme). Jeanne ist gerade eigentlich mit Ariane verabredet, aus dem ungleich-gleichen Verhältnis ist längst eine Freundschaft entstanden, und so geht man halt zu dritt was essen, und dann zeigt der Kerl in einem tollen Moment Garrel’scher Alltagsidiosynkrasie den beiden Frauen Urlaubsfotos aus Südtirol. Dann opfert sich Jeanne dem nächsten Schnitt, und wir landen bei einem Bild, das uns bereits aus der Anfangssequenz bekannt ist: Ariane wird, in inniger Umarmung, an die Wand gevögelt. Nur dass Gilles, der in jener Anfangsszene noch der Beglücker war, hier nur kurz um die Ecke guckt, just in dem Moment, als seine Geliebte gerade einen beglückten Schrei der Erregung ausstößt. Erwischt. War hier ein Plan am Werk? Zum Glück ist auch Lover for a Day (L’amant d’un jour), der nach La jalousie (2013) und Im Schatten der Frauen (L’ombre des femmes, 2015) eine Trilogie beschließt, flüchtig und offen genug, um nach Kalkül von Figuren oder gar Regisseur gar nicht erst fischen zu wollen.

Die Linien des Dritten

Amant d un jour 2

Ariane begehrt also, immer wieder aufs Neue und nicht nur Gilles, auch die mysteriösen Raucher und charmanten Wuschelköpfe ihrer eigenen Generation. Jeanne begehrt vor allem die große Liebe, auch wenn sie einmal darüber nachdenkt, ob diese Liebe nicht das Gegenteil von radikal ist, so oder so ähnlich sagt sie das. Betreten hat sie diesen Film schluchzend und mit einem Rollkoffer. Stapfte tapfer die Straße hoch, klingelte bei ihrem Vater, erzählte vom Ende der großen Liebe, erfuhr von seiner neuen Beziehung, zog trotzdem erstmal bei ihm ein. Ein Dreieck, mal wieder. Garrel braucht die Geometrie für sein Kino. Wenn sich seine Figuren in bester Post-Nouvelle-Vague-Tradition immer wieder aufs Neue verlieben und verlieren, wenn sie sich betrügen und wieder zueinander oder zu etwas anderem finden, dann nicht, weil dieses Kino eine fatalistische Zeitlosigkeit von Eifersucht und Trieben behaupten und ein „Hachja, so sind wir Menschen“ seufzen würde. Sondern weil man dem Leben nicht aufs Maul und schon gar nicht auf die Finger schauen kann, wenn im Hintergrund nur binäre Codes ablaufen: Mann und Frau, Schuss und Gegenschuss, Glück oder Unglück, Konflikt und Versöhnung. Vier Augen und ein Kuss, damit kommt man nicht weit, da muss etwas Drittes seine Linien einziehen, um das Kino in Bewegung zu bringen, um den Figuren Beine zu machen, mit denen sie dann ihre Spaziergänge antreten können, die niemand so toll inszenieren kann wie Garrel (dieses Mal: Vater und Tochter im Gespräch über Treue). Kommt Gilles nach Hause, drückt seiner Tochter einen Kuss auf die Wange, und Ariane hält ihm nicht die andere hin. „Naja, zuerst die Tochter, oder?“, sagt Gilles scherzhaft entschuldigend, aber Ariane verlässt den Raum. Trianguläre Tragik.

Amant d un jour 3

Auch das intime Geheimnis, das Garrels Filme als Topos immer wieder aufrufen, kommt erst in einer mehreckigen Konstellation zu seinem Recht. Aus der binären Entscheidung, ob man gestehen soll oder nicht, werden unzählige Möglichkeiten der Streuung von Geheimnissen auf potenzielle Mitwisser. Dann entstehen Pakte. Ariane hat Jeanne zu Hause überrascht, als diese gerade auf dem Fenstersims hockte, offenbar gewillt, dem Liebeskummer und sich selbst ein Ende zu bereiten (überhaupt ein wenig mehr Fallhöhe hier als im Schatten der Frauen). Ariane wird es Gilles nicht sagen, so wie Jeanne ihrem Vater nicht sagen wird, dass sie Ariane auf dem Cover eines Pornomagazins gesehen hat. (Gilles will ohnehin nichts wissen. Als Ariane einmal spät nach Hause kommt, kommt er jedem Geständnis zuvor: Ich will nicht nur nicht wissen, ich will völlig ahnungslos sein.)

Tanz-im-Film

Amant d un jour 4

Aber das ist falsch erzählt, derart passgenau war das ja gar nicht, ist es ja nie, den Suizid-Porno-Pakt gab es so nicht. Nach dem abgesagten Sprung aus dem Fenster nimmt nämlich Ariane der verzweifelten Jeanne ein ganz anderes Versprechen ab: sich wieder aufs Leben einzulassen, Freunde, vielleicht sogar Jungs zu treffen, mit ihr auszugehen. Und wie das so ist bei Garrel, verliert der Film keine Zeit, verheißenden Worten Taten folgen zu lassen: eine Tanzszene in völlig unklarem, unerklärlichem Setting, unterlegt mit einem Chanson, der wiederum von ganz woanders herkommt. Junge Pärchen, die vor der Kamera von links nach rechts und zurück wirbeln, mittendrin mal Arianes Sommersprossen ganz nah; mittendrin, weiter weg, auch mal Jeanne, die mit einem Jungen ihrer Wahl durch den Raum wirbelt, flott flirtend, eng kichernd – einander berührend, nur nicht küssend, denn dann müsste die Bewegung aufhören. Und das Kino kann Glücksmomente ja nur in dem Maße schenken, wie es sie vergehen lässt und vor sich hertreibt, wie es nicht versucht, das Glück als solches festzuhalten, wie es davon absieht, Vollzug zu melden. Deshalb ist der Tanz ein Tanzen, kein geschlossenes Bild, das ebenso gut stillstehen und eine Aussage treffen könnte, sondern nach allen Seiten offene Bewegung. Und doch steht diese so offene Sequenz dem Rest des Films verschlossen gegenüber, entspringt aus seiner Mitte, als schwarz ein- und wieder ausgeblendete Parenthese (als Tanz mit den Geliebten für einen Tag), bevor der Film weitergeht, der selbst natürlich irgendwann dann doch stillgestellt werden muss und zwar, wie könnte es anders sein, mit einem Kuss, aber einem halb getanzten.

Trailer zu „Lover for a Day“


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