L'amant double

Das Auge und die Vagina: François Ozon glaubt an die Kunst der Penetration und die Wahrheit der visuellen Wahrnehmung. Seine Lust aber richtet sich auf etwas Drittes.

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Früher hätte man das vielleicht Erotikthriller genannt, was Ozon mit L’amant double veranstaltet. Ein Genre, das schon länger nicht mehr en vogue zu sein scheint. Selten sind die Filme geworden, die Menschen gleichzeitig als Gefahr und Objekt der Begierde entwerfen. Das mag mit Sicherheitsbedürfnissen oder einem gesteigerten Bewusstsein für sexuelle Gewalt zusammenhängen. Offenbar ist es aber auch nicht mehr so einfach, Erotik als filmischen Eigenwert zu inszenieren. Zu vertrackt ist womöglich das Verhältnis zu Sex und Nacktheit in unserer Gesellschaft. Zu stark überlagert von Bildangeboten der Werbung, von Massenpornhaltung im Internet und einer neuen Logik der Verführung mittels nicht zuletzt digitaler Interfaces.

Ozon, der Romantiker

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Versteckspiele, nichts anderes ist Erotik in den allermeisten Fällen, sind also immer schwerer einzufangen – was einen Film wie Personal Shopper von Olivier Assayas im vergangenen Jahr unter anderem so besonders machte. Das Zeigen und Entziehen, das Annähern und das Fliehen, die Intimität, die immer in Gefahr ist, die erkämpft werden muss oder flüchtig ist, die Erotik allgemein muss neu entfacht werden, in neuen Codes. Ozon macht das Gegenteil. Er inszeniert L’amant double ganz so, als könne man das körperliche und das seelische Penetrieren so übereinander lagern, dass sie eins werden. Dass Verstehen, Glauben und Fühlen eine Symbiose ergeben. Kurzum: Ozon ist ein Romantiker. Und das ist keine schlechte Grundlage für einen Thriller über Liebe, Lust und Verrat.

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Adaptiert von Joyce Carol Oates’ Der Andere (Lives of the Twins, 1987), veröffentlicht unter dem Pseudonym Rosamond Smith, ist L’amant double die Geschichte einer Therapie. Marine Vacth spielt Chloé, wie schon in Jung & schön (Jeune & jolie, 2013) immer wieder nackt, nur burschikoser, als Patientin, Geliebte und Motor einer heftigen Intrige. Nach einer geschmeidigen Montage, die Chloé beim Friseur zeigt, sie kriegt einen zeitgenössischen Unisex-Schnitt, wird sie zum Objekt einer Untersuchung, erst Scheide, dann Auge, und diese Bilder sind programmatisch, psychologisch und formal. Denn obgleich die filmischen Spielereien sich etwas beruhigen, sie stellen doch die größte Offenheit dar, die sich Ozon im Verhältnis zu den erzählerischen Genreversprechen erlaubt.

Ein Bild mit vielen Spiegeln

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Von Frisur zu Scheide zu Auge zu Gesprächstherapie. Chloé sitzt Paul gegenüber und spricht. Erzählt von ihren Bauchschmerzen und von ihrer letzten Hoffnung auf Linderung. Und Paul (Jérémie Renier) sitzt ihr im properen Pulli gegenüber, bis die Distanz zwischen ihnen durch Überblendung aufgehoben wird und einen unwahrscheinlichen Splitscreen entstehen lässt. Ein paar Sitzungen später trennen sich Therapeut und Patient, um ein Paar zu werden. Es muss schnell gehen, denn der Thriller nimmt erst dann seinen Lauf, wenn das traute Heim bezogen ist und die Bauchschmerzen von Neuem beginnen, eine etwas aufdringliche Nachbarin ins Bild tritt und Chloé entdeckt, dass Paul Geheimnisse hat – und einen Zwillingsbruder. Eine der schönsten Aufnahmen, ein, vielleicht etwas abgedroschen, Bild mit vielen Spiegeln, findet Ozon im Hauseingang des Bruders: Chloé läuft zu auf die Spiegel und ist in allen gleichzeitig zu sehen, geteilt in viele Körper, die in der Bewegung eins werden. Das erhofft sie sich von Louis, dem Bruder mit dem anderen Nachnamen: dass er ihre Welt wieder zu einer kohärenten macht.

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Weil L’amant double dann doch einige seiner Reize aus dem Fortgang der Geschichte zieht, sei die Entwicklung um düstere Vergangenheit, Krankheit und Verbrechen ausgespart. Spannender ist ohnehin, wie Ozon trotz der erzählerischen Zuspitzung auf Sex als Therapie und einiger eher gymnastischer als erotischer Szenen zu einer anderen Erkenntnis von Lust vordringt. Zwar interessiert er sich angesichts seines Geflechts an Täuschungen und Leidenschaften vielleicht etwas zu viel dafür, was wirklich wahr ist (statt dafür, was medial wie wirkt). Doch findet er dann eben auch zu den schönsten Szenen, wenn es um etwas anderes geht: In einer nächtlichen Angstsequenz etwa gestaltet er puren Affekt, wie es nur ein am Kino interessiertes Kino kann.

Penetration durch die Frau

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Plötzlich blitzen Gestalten à la De Palma, dem frühen Almodóvar und einem Bodyhorror im Sinne Cronenbergs auf. Vom Körper zum Verlangen zum Bild: Immer wieder erreicht die Montage Momente großer Abstraktion, landet irgendwo zwischen den jüngeren Filmen von Nicolas Winding Refn und Under the Skin (2013), nur um dann wieder pflichtschuldig nach der Penetration der Wirklichkeit zu suchen, in Spiegeln und beim Arzt. So wird L’amant double nach und nach, die Therapie hat schon die Fährte gelegt, nicht nur unerotisch, sondern klinisch. Einen Trost aber gibt es: Die (Wahrheits-)Penetration, seit Jahrtausenden ein Bild männlicher Dominanz, sie geht, dem Dildo sei Dank, auch von der Frau aus.

Trailer zu „L'amant double“


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