Lady Macbeth

Ein Sturm über der Heide fegt die Bühnentragödie hinweg: In William Oldroyds Lady Macbeth geht es nicht um menschliche Konflikte und bewusste Entscheidungen, sondern um Naturkräfte und stumme Gesetze.  

Lady Macbeth  2

Immer wieder zieht es Katherine hinaus in die Kälte. Allen Ermahnungen ihres Ehemanns, ihres Schwiegervaters, selbst ihrer Dienstmagd, zum Trotz verlässt sie so oft wie möglich die beheizten Räume des steinernen Gutshofs und streift alleine über die karge, schutzlos offene Heide. Mit diesen einsamen Wanderungen versucht Katherine in William Oldroyds Lady Macbeth nicht nur, sich räumlich den Zwängen ihrer Ehe zu entziehen – einer Ehe, die ohne ihre Mitsprache als ein reines Tauschgeschäft geschlossen wurde und in der ihr als einzige Aufgabe die Fortpflanzung und somit die Sicherung des Familienerbes zufällt. Katherines Wanderungen erscheinen vielmehr als Versuch, den ihr durch den Filmtitel auferlegten Namen abzuschütteln und aus dem ästhetischen Register auszubrechen, in das sie durch diesen Namen eingebettet wird.

Lady Macbeth  6

Mit den Innenräumen des Landhauses verlässt Katherine nicht nur die ihr durch die Gesellschaft zugewiesene Rolle, sondern ganz allgemein den Ort menschlichen Aufeinandertreffens und sprachlicher Konflikte – sie verlässt mithin die Kulisse und den angestammten Schauplatz der Shakespeare’schen Tragödie. In der ungeordneten Weite der Heidelandschaft stehen nicht mehr moralische Fragen des menschlichen Miteinanders oder das Ringen mit dem eigenen Gewissen im Vordergrund, sondern die plötzliche Kontaktaufnahme mit ganz und gar unpersönlichen Natur- und Schicksalskräften. Lady Macbeth lässt hier weniger Figuren oder Gesellschaftsvisionen aufeinanderprallen als die gegensätzlichen Ordnungen von Renaissance und Romantik.

Blinder Überlebenswillen

Lady Macbeth  4

Denn innerhalb der Regeln und Konventionen von Shakespeares Dramen besteht für Katherine keinerlei Hoffnung auf einen erfolgreichen, dauerhaften Ausbruch aus der Langeweile und der entwürdigenden Passivität, in die sie durch die gesellschaftlichen Machtstrukturen gedrängt wird. Ganz egal, ob die Auflehnung gegen eine bestehende Herrschaft aus vordergründig hehren Motiven geschieht, wie in Julius Cäsar, aus genüsslicher Bösartigkeit, wie in Richard III. oder aus persönlichem Ehrgeiz, wie eben in Macbeth – bei Shakespeare ist sie stets ein unverantwortlicher Eingriff in das Getriebe der Welt, ein Eingriff, der immer nur ein blutiges Chaos nach sich ziehen kann. Aufständische mögen im elisabethanischen Drama würdevoll, schmählich oder erfüllt von grimmigem Stolz zugrunde gehen, zugrunde aber gehen sie in jedem Fall.

Lady Macbeth  1

Wenn Katherine also eine Affäre mit einem Stallburschen beginnt, wenn sie in Abwesenheit ihres Mannes eine eigenständige Machtposition innerhalb des Gutshofs etabliert, wenn sie schließlich auch versucht, diese Machtposition mit Gewalt zu festigen, dann können all diese Handlungen nur dann zu einer dauerhaften Befreiung führen, wenn sie sich nicht zu dem dramaturgischen Bogen einer Bühnentragödie zusammenfügen. Mit anderen Worten: wenn sie nicht als bewusste Handlungen erscheinen, sondern als Äußerungen einer Dynamik, die jedes menschliche Maß und jederlei menschliche Kontrolle übersteigt. Die Bestimmungsgewalt über das eigene Leben kann in Lady Macbeth nicht durch bewusste Planung oder durch einen moralisch unterfütterten Veränderungswillen erreicht werden, sondern nur durch die Aktivierung eines blinden Überlebensinstinkts, der alle Hindernisse kraftvoll niedermäht – wie ein Sturm, der über die Heide fegt.

Moralische Selbstauslöschung

Lady Macbeth  3

Aus diesem Grund sind Katherines Streifzüge durch die wilde Landschaft auch stets ein Eintauchen in dramatische Naturtableaus: Der menschliche Körper verschwindet dann förmlich in den bildfüllenden Erscheinungen eines dunklen Waldes, einer kargen Wiese oder eines reißenden Sturzbachs. In diesen Einstellungen wird die moralische Vieldeutigkeit des Bühnendramas vollkommen verdrängt von der Wucht des Erhabenen – von der Erfahrung einer Überwältigung des Menschen durch unermessliche Kräfte. Wenn man sich, wie Katherine, diesen unmenschlichen Kräften überantworten will, dann geht das somit nur um den Preis der Selbstauslöschung, und diese Selbstauslöschung hat in Lady Macbeth in erster Linie moralischen Charakter: Sie äußert sich in der Fähigkeit, nun selbst ganz unschuldigen Menschen großes Leid anzutun. Weil für Katherine aufgrund der fortgesetzten sozialen Demütigung kein gesellschaftliches Gegenüber mehr vorstellbar ist, weil damit auch die Grundlage allen moralischen Bedenkens verschwunden ist, kann ihr Ziel nur noch sein, andere dem eigenen Willen zu unterwerfen.

Mahlwerk gegenseitiger Unterdrückung

Lady Macbeth  5

So setzt Lady Macbeth ein Mahlwerk der gegenseitigen Unterdrückung in Gang, dessen Unerbittlichkeit zusätzlich gesteigert wird durch den strengen, verknappten Rhythmus des Films. Übergangslos und protokollartig werden die Szenen aneinandergereiht, so dass keine überschaubare Entwicklung des Geschehens stattfindet, sondern die einzelnen Ereignisse stets ganz unvermittelt einsetzen, ohne Auftakt oder Vorankündigung. Dass die Figuren durch bewusste Handlungen auf ein derart sprunghaftes Geschehen Einfluss nehmen könnten, scheint von vornherein ganz ausgeschlossen, und so wird auch das innere Erleben dieser Figuren vollkommen ausgeblendet. Oldroyd unternimmt gar nicht erst den Versuch, etwaige innere Konflikte der Figuren nach außen zu kehren und sichtbar zu machen, verwendet auch kaum Energie darauf, Gefühle, Wünsche und Begehrlichkeiten nachvollziehbar zu machen. Das individuelle Erleben der einzelnen Figuren spielt in dieser Welt schlicht keine Rolle, und alles, was auf die Darstellung dieses Erlebens abzielt, muss als unnützes und ablenkendes Beiwerk vom Skelett der Szenen abgeschabt werden, um die brutalen und unzweideutigen Strukturen des Machtgewinns und der Machtausübung freizulegen. So triumphiert am Ende des Films nicht etwa eine bestimmte Figur oder ein bestimmter gesellschaftlicher Entwurf, sondern nur ein blindes, für alle menschlichen Spitzfindigkeiten taubes Gesetz: Dauerhafte Macht erlangt in Lady Macbeth nur, wer mit dem Töten nicht vor der Zeit aufhört.

Trailer zu „Lady Macbeth“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.