La vie nouvelle

Die Poesie des Brutalen.

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Das Unheimliche hängt nicht selten mit dem Unbekannten zusammen. Der Psychologe Ernst Jentsch hielt vor einem Jahrhundert fest, dass ein Gefühl des Unheimlichen aus einer intellektuellen Unsicherheit resultierte. Es ist somit häufig das, was wir nicht verstehen, nicht einordnen oder einschätzen können, was uns Angst macht. Der französische Regisseur Philippe Grandrieux spielt ganz gezielt mit dem Unheimlichen. Er verbindet europäisches Kunstkino mit Stilmitteln aus dem Horrorgenre und lässt dabei stets Leerstellen, die seinen Filmen eine Aura des Geheimnisvollen verleihen.

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Der Anfang seines zweiten Spielfilms La vie nouvelle besteht aus einer Aneinanderreihung verstörender Bilder, in denen sich der Zuschauer erst einmal orientieren muss. Immer wieder verweigert Grandrieux einen direkten Zugang zu den Geschehnissen auf der Leinwand und lässt teilweise das Verhältnis zwischen den Figuren oder ihre jeweiligen Absichten im Unklaren. So werden Männer in Lederjacken mit wackeliger Kamera beobachtet, wie sie irgendetwas im Schilde führen, der Dialog wird dabei aber ausgeblendet. Und dann gibt es auch Szenarien, die eher der bedrohlichen Stimmung als einer dramaturgischen Funktion dienen, so wie die versteinert ins Leere blickende Gruppe alter Frauen aus der Eröffnungsszene.

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Die Eigenheiten von Grandrieux’ Inszenierung zeichnen sich am besten ab, wenn man sich die grobe Ausgangshandlung ansieht. Die liest sich nämlich wie ein recht konventionelles Liebesdrama: Ein junger Amerikaner, der auf nicht näher erklärte Weise mit osteuropäischen Menschenhändlern verbandelt ist, verliebt sich in eine Prostituierte und möchte mit ihr in eine bessere Zukunft fliehen. Und auch wenn La vie nouvelle in der Tat durch diese fast unschuldige romantische Zuneigung ein wenig wärmer wirkt als Grandrieux’ Erstling Sombre (1998), ist das alles eingebettet in eine Welt, wie sie hoffnungsloser und gewalttätiger nicht sein könnte. Dementsprechend ist auch das Glücksversprechen, auf das der Filmtitel anspielt, erst gar nicht möglich, und die Utopie eines neuen Lebens muss scheitern, bevor sie überhaupt richtig geträumt wurde.

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Doch die Handlung steht ohnehin nicht im Zentrum, ebenso wenig wie ein konkreter sozialer Kontext. Grandrieux hat zwar in Bulgarien gedreht, die ruinengleiche Plattenbausiedlung inmitten einer Industriewüste inszeniert er aber eher als einen abstrakten und apokalyptischen Ort, an dem nur vereinzelt Sätze auf Englisch und Französisch gewechselt werden und jede Figur ein Mysterium bleibt. Wofür sich der Film dafür umso mehr interessiert, ist sexuelle Macht, der er sich in einigen längeren körperlichen Auseinandersetzungen widmet. Sex ist hier von Gewalt nicht zu lösen, und mit der zur Hure genötigten Protagonistin zeigt der Film einen Menschen, der wirklich nur als Objekt wahrgenommen wird. Ständig wird sie weitergereicht, von einem sadistischen Freier zum nächsten, wird geschunden und erniedrigt. Es ist ein sehr einfaches System: Während Frauen wie der letzte Dreck behandelt werden, pflegen die Männer untereinander einen geradezu zärtlichen, oft auch erotischen Umgang miteinander.

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Ähnlich wie Gaspar Noé (Irréversible, 2002) verbindet Grandrieux in seinen Filmen gezielte Provokation mit starker Ästhetisierung. Beide Regisseure lassen sich damit in eine lange künstlerische Tradition einordnen. Es ist kein Zufall, dass der bedrohliche Klangteppich in La vie nouvelle vom alteingesessenen Industrial-Duo Étant Donnés stammt. Ab Ende der 1970er Jahre konfrontierten Bands wie Throbbing Gristle oder SPK ihr Publikum mit der Schockwirkung realer Gräuel, ohne sie einer moralischen Bewertung zu unterziehen. Aber obwohl sich die jüngeren Filmemacher ebenso gern in den Abgründen von Sex und Gewalt suhlen, gibt es doch einen markanten Unterschied zu ihren musikalischen Vorreitern: Der Wille zu Kunst und Schönheit ist zu groß, um sich ganz dem Rohen und Hässlichen hinzugeben. Provokation entspringt hier keiner gesellschaftlichen Notwendigkeit, sondern ist eine modische Geste. Da passt es dann auch, dass die Kleider, die der attraktiven Hauptdarstellerin in regelmäßigen Abständen vom Leib gerissen werden, von Chanel stammen.

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Das muss man deswegen nicht verwerflich finden, genauso wie es falsch wäre, Grandrieux als reinen Poser abzustempeln – dafür sind seine filmischen Albträume letztlich auch zu eindringlich. Denn wenn er etwas beherrscht, dann ist es ein beeindruckendes Gespür für Atmosphäre. Immer wieder löst sich La vie nouvelle von der Sicherheit einer linearen Handlung, um sich in düster impressionistischen Landschaftsaufnahmen, Metaphern von Kannibalismus oder der Abstraktion der Dunkelheit zu verlieren. Oft fällt der Blick auch nur auf die Körperlichkeit seiner Figuren, bei physischen Auseinandersetzungen oder im Zeitraffer über die Leinwand zuckend, als Ornament der Verzweiflung. Gerade diese Manipulation von außen, die Degradierung des menschlichen Körpers zur Marionette einer äußeren Gewalt, zieht sich durch den gesamten Film. Und hier, wo es allein um die Illustration seelischer Zustände geht, ist Grandrieux dann auch ganz in seinem Element, als Poet des Brutalen.

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