The Third Side of the River

Warten aufs Fest: In Nicolás brodelt es, in Celina Murgas Film leider nicht so richtig.

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Am Anfang ist von einer Party die Rede, und man freut sich den ganzen Film ein bisschen darauf. Andrea (Irina Wetzel) wird 15, das ist in den meisten Ländern Lateinamerikas nicht irgendein Geburtstag, sondern bedarf eines großen Fests. Erwachsenwerden. Zusammen mit ihrem großen Bruder Nicolás (Alian Devetac) geht sie in einer der ersten Szenen nochmal die Gästeliste durch, der noch deutlich jüngere Esteban liegt den beiden zu Füßen. Ein Bild, das an Celina Murgas letzten Spielfilm Una semana solos (2008) erinnert, in der eine Geschwisterhorde für eine Woche ganz allein über das Elternhaus wachte und die herrschenden Regeln des privaten Kindseins langsam außer Kraft setzte. In ihrem neuen Film The Third Side of the River ist Murgas Blick auf Jugend erwachsener, auch wenn über die Bildsprache die Perspektivierung durch den hübschen Nicolás behauptet wird, der hier im Zentrum steht.

Patriarchale Fußstapfen

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Und Zentrum meint hier schwarzes Loch. Nicolás spricht wenig in diesem Film, meistens beobachtet er, behält fast alles für sich, sein intensiver und zugleich ängstlicher Blick verrät stets, dass er lieber nicht möchte. Seine Rückzugsstrategie ist die einzig ihm mögliche Reaktion auf die Zurichtungen seines Vaters Jorge (Daniel Veronese), der ein mysteriöses Doppelleben führt. Nicht streng im herkömmlichen Sinne ist dieser Vater, seine weiche Autorität aber unnachgiebig, lässt dem Sohn keinen Raum zum selbstbestimmten Sprechen. Vater will nicht nur die klassische Männer-Performance aus dem Sohnemann herauskitzeln (Mädchen, Jagen), es geht ums Ganze: Nico soll in alle möglichen Fußstapfen treten, in die beruflichen – er macht ein Praktikum in der väterlichen Arztpraxis – wie in die privaten:  Er soll irgendwann die väterliche Ranch übernehmen, und dazu gehört auch, die Arbeiter auf Drill zu bringen, nicht zu viel mit ihnen zu sprechen.

Schweigen als Nicht-Sprechen

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Auch The Third Side of the River hat was von einem Praktikum. Man ist überall dabei, manchmal passiert auch was, aber so richtig wird man nicht einbezogen. Die Filmerfahrung erinnert an die großen Schweiger früherer argentinischer Berlinale-Filme, die ihre Arbeitgeber beschützten (El Custudio – Der Leibwächter, 2007), falsche Identitäten annahmen (Der Andere, El Otro, 2007) oder vor Überwachungsmonitoren saßen (Gigante, 2009). Die formal freudlose Strenge manch dieser Filme übernimmt Murga zum Glück nicht, ihr zurückgenommener Ton geht stärker aus dem Stoff selbst hervor, spiegelt das Seelenleben des Protagonisten. Die stille Anarchie von Una semana solos ist verschwunden, als wollte sie die jugendliche Utopie des früheren Films nachträglich nochmals verstärken. Die Freude über die Absenz des Vaters und seines Gesetzes ist dem Hass über seine Präsenz gewichen. Es geht um die Nicht-Sprache zwischen Generationen, den Nicht-Ort der Pubertät (die dritte Seite des Flusses), das Nicht-Leben, auf das die als Erziehung getarnte Provokation zur Männlichkeit hinausläuft.

Schüchterne Schreie

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Nicolás sublimiert seine aufgestaute Wut in die eigene Zurichtung seines Halbbruders, der auf dem Schulhof doch bitte zurückschlagen soll. Murga sublimiert gar nicht, beschränkt sich auf das langsame Beobachten eines Beobachtenden, der immer mehr zum Zombie der Adoleszenz wird, irgendwann nicht mehr schlucken will und aufbegehrt. Dieses Begehren nach Befreiung jedoch, es steckt schon früh fest in der erwachsenen Perspektive des Films, in den Dialogen, die das Problem mit dem Vater wieder und wieder erklären, im zum Versinken tiefen Blick von Nicolás. So faszinierend die mimische Präsenz des Laiendarstellers ist, The Third Side of the River tendiert dazu, aus seinem Protagonisten eine Projektionsfläche für sein Thema zu machen, zu selten wird der Schmerz des Aufwachsens im väterlichen Korsett wirklich erfahrbar. Nur einmal, nachdem Papa gerade vergeblich versucht hat, dem Jungen ein Mädchen klarzumachen, geht Nico in einen Karaoke-Club und singt ein Duett mit seiner Schwester. Und ausgerechnet in diesem seltenen Ausbruch wird die Gehemmtheit des Jungen mal konkret: das zögerliche Einwilligen ins gemeinsame Singen (aus Liebe zur Schwester, vielleicht), die zaghaften ersten Worte, die irgendwann lauter werden, schließlich der Versuch, aus sich herauszugehen, die Wut produktiv zu machen. Aber noch beim Schreien ist Nicolás schüchtern. Das ist schön.

Als die Party kommt, ist einem zum Feiern nicht mehr richtig zumute, und das ist dann durchaus mal ein Kompliment. Denn der Frustrationsgrad nimmt mit zunehmender Spieldauer des Films eher ab, weil The Third Side of the River seine kontinuierliche Bewegung nach innen wenigstens durchzieht. Nicolás ist irgendwann so souverän in seiner Passivität, dass er uns hineinsaugt in sein schwarzes Loch, von dem wir nicht wissen, wie es darin aussieht, ob oder wie man wieder hinauskommt. In Murgas dokumentarischem Modus sind das leider vor allem Fragen ans Drehbuch, und so ist einziger echter Fluchtpunkt des Films schließlich das schwarze Loch des Abspanns.

Trailer zu „The Third Side of the River“


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