Das kleine Zimmer

Von Vernachlässigung und Zuwendung. Das Spielfilmdebüt von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond besticht als zurückhaltendes Porträt zweier scheinbar ungleicher Menschen.

Das kleine Zimmer 01

Die junge Rose (Florence Loiret-Caille) bekommt den alten Edmond (Michel Bouquet) als Pflegefall zugewiesen. Dieser will sich in keiner Situation bevormunden lassen und leidet unter seiner Einsamkeit, die durch seinen vielbeschäftigten Sohn (Joël Delsaut) nur noch verstärkt wird.

Das kleine Zimmer (La petite chambre) handelt von der Vergänglichkeit des Lebens, der täglichen Misere und dem Überwinden von emotionalen Barrieren. Dabei setzt der Film eine Gleichung ein, die den inneren Konflikt von Rose darstellen und dann lösen soll: Früh suggeriert er, Edmond nehme für Rose den Platz ihres verlorenen Babys ein. Er ist der Pflegefall, der sie braucht und durch seine große Lebenserfahrung gleichzeitig ein geduldiger Zuhörer. Die gegenseitige Zuwendung hilft beiden, die Lebensfreude in ihren Alltag wieder hereinzulassen. Nebenbei – im Plot um das Verhältnis von Edmond zu seinem Sohn – interessiert sich Das kleine Zimmer für die Gratwanderung zwischen Rechtmäßigkeit und moralischer Verpflichtung. Dialoge spielen dabei eine wichtige Rolle, übertünchen aber nicht die oft eingesetzte, zurückhaltende Stille, welche die eher unscheinbare Gesamtstimmung prägt.

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Stéphanie Chuat und Véronique Reymond haben ihr Spielfilmdebüt Das kleine Zimmer wie auch schon ihren Kurzfilm Berlin Backstage (2004) als Team inszeniert. Die künstlerische Ausdruckskraft der beiden Filmemacherinnen lässt einen souveränen Umgang mit Schauspieltalent und Bildsprache erkennen. Das Schöne ist, dass hier nichts aus Selbstzweck inszeniert wird. Alles ist handlungszentriert und bringt diese nach vorne.

Die junge Florence Loiret-Caille schafft es, die tief sitzende Verzweiflung, die in ihrer Rolle steckt, genauso intensiv an den Zuschauer heranzutragen, wie die zurückhaltende Freude, die ihr manchmal über die Lippen huscht. Ihr Gegenüber steht der 85jährige Veteran Michel Bouquet, der bereits mit Chabrol und Truffaut gedreht hat. Sein Antlitz ist von den Narben des Alters und des Schmerzes geziert, seine weisen Augen strahlen aber auch immer wieder die Neugier eines kleinen Jungen aus. Zusammen bilden sie ein virtuoses Duett, das sich in seiner subtilen mimischen Performanz perfekt ergänzt.

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Die Verortung der Handlung ist stilsicher in Szene gesetzt. Dient das Altersheim noch als Gefängnis für Edmond, wird sein im Geiste bereits vollzogener Ausbruch immer deutlicher. Das leer gebliebene Kinderzimmer in Roses Wohnung wird sein Ruheplatz, Vergänglichkeit und Neuanfang sind in einem Raum kumuliert. Die Berge schließlich, der ewige Traum von Edmond, dienen in ihrer majestätischen Erscheinung als erlösendes Refugium.

Der Film schafft es in seiner äußerst gefühlvollen, wenngleich nie sentimentalen Darlegung menschlicher Zuwendung zu überzeugen. Sowohl Edmond als auch die junge Rose blicken immer tiefer in die bewegte Vergangenheit des jeweils anderen und teilen dadurch das gemeinsame Schicksal des Verlusts. Bezeichnend gestaltet sich Edmonds Blick in das unvollständige Baby-Album, das nach ein paar Seiten leer bleibt. Die Kamera lugt vorsichtig über seine Schultern und wird so ganz diskret zum Beobachter der intimen Geheimnisse.

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Erinnerungsbilder und Fotos sind das narrative Verbindungselement der zurückhaltend inszenierten Geschichte und dienen als moralischer Kompass. Im Schlussbild vereinigen sich dann noch einmal Vergänglichkeit und Wiederauferstehung, und spätestens in diesem Augenblick ist man Zeuge eines kleinen Wunders. 

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