La Lisière – Am Waldrand

Eine schicke Neubausiedlung am Waldrand, ein Ort sozialer Kontrolle und Sorglosigkeit, ist der Schauplatz von geheimnisvollen Ritualen und Mutproben einer Gruppe Jugendlicher.

La Lisiere Am Waldrand  02

So mancher aufgeschlossene Arthouse-Kinogänger wird möglicherweise mit einem verständnislosen, aber auch lustvollen „Hä?“ auf den Lippen aus diesem Film kommen. Das ist der geheimnisvollen, verunsichernden Atmosphäre von La Lisière geschuldet, den vielen Aufnahmen in Dunkelheit, der oft schemenhaften Wahrnehmung und ganz allgemein der Erzählhaltung von Regisseurin und Drehbuchautorin Géraldine Bajard, die lieber andeutet als erklärt. Und es hat wohl auch zu tun mit einem starken Willen zur dramatischen Askese, der jeden leisesten Verdacht von Sentimentalität im Keim erstickt. Da läuft dann eine schockierende Szene, in der ein Mädchen von einem rasenden Auto überfahren wird, so ruhig und kontrolliert ab wie eine Naturbeobachtung. Nicht einmal ein kleiner Schrei des Erschreckens seitens der dabeistehenden Zeugen, jugendlichen Freunden des Mädchens, ist zu hören.

In den genannten Eigenheiten ähnelt La Lisière der Ästhetik der Berliner Schule, und tatsächlich sieht man schon an der Stabliste ein ganzes Geflecht an Verbindungen zum jüngeren deutschen Kino, das während der Zeit Bajards an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin entstanden sein dürfte. Bei den Danksagungen sind Valeska Grisebach (Sehnsucht, 2006), Pia Marais (Die Unerzogenen, 2006) und Jessica Hausner (Lourdes, 2009) aufgeführt, an den Filmen aller drei Regisseurinnen hat Bajard in verschiedenen Funktionen mitgearbeitet, bevor sie nun ihr eigenes Debüt gedreht hat, ebenso an Angela Schanelecs Marseille (2004). Daran war auch die Cutterin Bettina Böhler beteiligt, die wiederum eine häufige Mitarbeiterin von Christian Petzold ist (Yella, 2007, Jerichow, 2008). Unter den Produzenten von La Lisière schließlich taucht der Name Hans-Christian Schmid auf (Requiem, 2005).

La Lisiere Am Waldrand  03

Das Name-Dropping kann man noch ausweiten. Zu erkennen sind Spurenelemente von David Lynch, etwa wenn eine geheimnisvolle Blonde im Dunkeln an der Straße steht, und Hitchcocks Vertigo (1958) winkt aus der Ferne, wenn die Kamera kurz, nach einer Kopfbewegung, auf dem Haarknoten einer jungen Schülerin verweilt. Und dann ist da noch ein James-Dean-artiger Rebell ohne Grund namens Cédric, gespielt von Phénix Brossard, einer wirklichen Entdeckung. Dieser Cédric ist der Anführer einer Gruppe Jugendlicher in einer am Rand eines dunklen Waldes neu gebauten Wohlfühl-Siedlung, deren aseptisches Glücksversprechen das verstörende Zentrum des Films ist. Mit einer unförmigen Lockenpracht auf dem Kopf, einer vollkommen vorortuntauglichen Frisur von fast comichafter Übertreibung, schlendert er durch den Film, jeder Blick eine Provokation.

Die Jugendlichen veranstalten seltsame Mutproben voller undefinierbarer sexueller Energie; sie bilden eine exklusive Bruder- und Schwesternschaft (wobei die Befehlsgewalt eindeutig bei den Brüdern liegt) und treten ihren saturierten Eltern gegenüber nonchchalant unverschämt auf. Der Arzt François (Melvil Poupaud) zieht an diesen Ort, engagiert vom allmächtigen Investor und inoffiziellen Bürgermeister (Hippolyte Girardot). Bald gerät der gut aussehende François zwischen die Fronten. Die Mädchen der Clique täuschen in frühpubertärer Schwärmerei Krankheiten vor, um ihn in ihr Kinderzimmer zu locken, die Jungs beobachten ihn misstrauisch, eifersüchtig, aggressiv.

La Lisiere Am Waldrand  04

Atmosphärisch, und von Atmosphäre versteht dieser Film sehr viel, bewegt sich La Lisière am Rande des Mystery-Thrillers. Anders als das Genre verweigert er aber die Auflösung. Woher das seltsame Verhalten ihrer Figuren kommt, erklärt Bajard nicht. Es hat sicher nichts mit Geistern, Sünden der Vergangenheit oder einem Dorf der Verdammten zu tun oder irgendeiner realistischen oder fantastischen, sonst ja immer gerne genommenen so genannten Nachvollziehbarkeit.

La Lisiere Am Waldrand  05

Der symbolisch sehr stark aufgeladene Ort des Waldrandes ist hier wohl eine vielleicht zu straff gezogene Grenze, eine Art tiefenpsychologischer Limes zwischen Bürgertum und Wildheit, einer Wildheit freilich, die sich in tastenden Ritualen ausprobiert, bevor sie ungehemmt hervorbricht. („In einer vermeintlichen Friedlichkeit kann die Vernunft leicht in den Wahnsinn entgleiten“, sagt die Regisseurin selbst über ihren Film.)

La Lisière transportiert eine tief sitzende Verunsicherung über den Zustand des eigenen angeblichen Glücks, ohne auch nur eine einzige These auszusprechen. Insofern gibt es nichts, – „Hä?“ hin oder her – was man „verstehen“ muss, um diesen Film zu genießen.

Trailer zu „La Lisière – Am Waldrand “


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Martin Zopick

Von Anfang bis Ende ein düsterer, wortkarger Film, der allein von der Atmosphäre und der Konsequenz lebt: das ist Misstrauen und Distanz. Alles wird durch eine düstere Optik verstärkt, die nach dem Motto verfährt ‘Schwarzafrikaner bei Nacht im Tunnel‘. Hier lässt sich in einer Neubausiedlung ein junger Landarzt Francois (Melvil Poupaud) nieder. Er erregt das Interesse einer Jugendgang. Da nicht viel geredet wird und man auch nicht viel erkennen kann, bleibt es ein konfuser Brei mit inhaltlichen Schwächen, die viele Fragen aufwerfen: Warum manövriert sich Francois in diese zweifelhafte Situation? Was treiben die Kids da eigentlich genau am Waldrand? Warum klappt es bei Francois mit seiner Freundin nicht? Wer hat denn nun die Fahrerflucht begangen? Die Erwachsenen bewegen sich etwas sonderbar und distanziert. Hier verliert sich Hippolyte Girardot in seiner kleinen Rolle.
Der Wald kann als Fluchtpunkt der Jugendlichen gesehen werden, wo sie in einer Anti-Welt nach ihren eigenen Gesetzen verfahren. Coming-Off-Age-Rituale. Gruppenzwänge. Mutproben bei Petting und Sex eventuell. Teeny Schwärmereien der Mädels. Nichts Genaues weiß man nicht. Die deutsche Synchronisation tut ein Übriges, um das Verständnis zu erschweren.
So bleibt am Ende eine Idee und eine Interpretationsvielfalt, die allein auf der Schwäche des Films beruht. Ein unbefriedigendes Kopfschütteln bleibt. K.V.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.