La La Land

Das wird man ja wohl noch träumen dürfen! Damien Chazelles Hommage ans gute alte Musical ist eine ziemlich autoritäre Feier künstlerischer Freiheit und Romantik geworden.

Der Jazzpianist am Bar-Piano. Ein kreativer Kopf, verdammt zum Background-Gedudel. Sein Kompromiss, den er dem Chef des Etablissements vorschlägt: „One for you, one for me?“ Und als der so unnachgiebig mit dem Kopf schüttelt, wie vielleicht nur J.K. Simmons unnachgiebig mit dem Kopf schütteln kann: „Well, two for you, one for me?“ Schließlich sieht er es trotzig ein: „All for you, none for me.“ Rumdudeln he must. Die künstlerische Freiheit wird dem Free Jazzer verwehrt. Keine Magie der Improvisation, sondern Fahrstuhlmusik.

Zwang der Freiheit 

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Diese Szene aus Damien Chazelles La La Land etabliert nicht nur den creative struggle seines männlichen Protagonisten Sebastian (Ryan Gosling), ein bisschen relaxter als noch im Schlagzeug-Bootcamp von Chazelles Durchbruch Whiplash (2014). Sie sagt auch einiges darüber aus, wie dieser Film sich selbst sieht. La La Land will ganz eindeutig der „real jazz“ sein, will den Zauber und die Improvisation, will die pure künstlerische Freiheit. Deshalb muss er auch ständig Platzhalter für jenes Reich der Zwänge produzieren, aus dem er sich dann heroisch befreien kann. Zum Beispiel die tristen Production Credits, die Chazelle hier in die Ästhetik des Glorious Technicolor eintaucht, bevor er mit seiner Eröffnungssequenz einen Massenstau auf einem Highway nahe L.A. in eine aufwändige Tanzchoreografie übergehen lässt. Die so „originell“ ist, dass sie nicht mehr überrascht; die uns mit ganz schön strenger Miene erklärt, dass sie Fan vom Exzess ist; die sich jetzt mal so richtig locker macht, koste es, was es wolle! Es klingt schon früh schief, was vielleicht nur schief klingen kann: eine indie-smarte Variation auf die Überwältigungsstrategien des guten alten Musicals.

Wie der Jazz, so das Kino

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Ökonomisch ist das ziemlich aufgegangen. Die Zuschauerzahlen lassen sich sehen, und vom Filmplakat funkeln die erwarteten Pressestimmen in Richtung Oscarverleihung: „Soaring and gorgeous!“, „Magical!“, „Has the potential to make lovers of us all!“ Apropos Lovers: Natürlich dreht sich La La Land nicht nur um einen einsamen Jazzer, sondern auch um Mia (Emma Stone), die auf ihren Durchbruch als Schauspielerin wartet und dabei ebenso niedlich an den eigenen Ambitionen scheitert wie Sebastian, vom Diva-Dasein träumend einen TV-Spot nach dem anderen dreht. Ihre ähnliche Lebenssituation bestimmt die Protagonisten nicht nur füreinander, sondern stellt auch sicher: Wenn Sebastian dem wahren Jazz huldigt und dessen Tod beweint, dann ist damit auch das Kino gemeint. (Das Explizieren wäre kaum nötig, kommt aber trotzdem: Eine analoge Kopie schmilzt im Projektor, ein Lichtspielhaus im Hintergrund kündet von seiner baldigen Schließung.) Und wenn ein Film die Kraft des Kinos beschwört und zugleich dessen aktuellen Zustand beklagt, dann kann er nun einmal fast nicht anders, als sich selbst als Rettung anzubieten. 

Übergriffe auf die Filmgeschichte

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Wie stellt sich La La Land nun dieses zu rettende Kino vor? Sebastian und Mia besuchen das Observatorium aus Denn sie wissen nicht, was sie tun (Rebel Without a Cause, 1954) und besiegen dort in einem „magischen Moment“ die Schwerkraft. Und am Ende wird Mia, längst mit einem anderen verheiratet, of all the jazz joints in the world ausgerechnet den von Sebastian betreten. Was liebevolle Hommage sein will, fühlt sich vor allem deshalb als akute Übergriffigkeit gegenüber der Filmgeschichte an, weil La La Land nicht flirtet, nicht verführt, sondern einen platten Anmachspruch nach dem nächsten raushaut. Korsett der Wiedergeburt des Musicals als Projekt: Chazelle hat gar keine Zeit, den Affekten jenes vergangenen Kinos nachzuspüren, das er beschwört, weil er so sehr damit beschäftigt ist, die Rückkehr in die Vergangenheit als den neuesten Scheiß zu verkaufen. Und nicht einmal als lustvoll beliebige Pastiche funktioniert der Film, dafür weiß er dann eben doch viel zu sehr, was Sache ist, und sucht nach zeitlosen Brücken in die Vergangenheit. „Warum benutzt du das Wort ‚romantisch’, als sei das etwas Schlechtes?“, hält Sebastian zu Beginn seiner Noch-Freundin vor, sie barsch ins Reich der Fahrstuhlmusik verweisend.

Happy Failure! 

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Mia dagegen verkündet bei ihrem ersten Vorsprech-Erfolg: „A bit of madness is key, to give us new colors to see“. In seiner Künstlerkritik am Konformismus, in seiner Feier trotziger Querköpfigkeit und gesunder craziness, in seinem unbedingten Willen zur stetigen Originalität ist La La Land eben ganz und gar nicht zeitlos, kommt mitunter wie eine zu Tode gebrainstormte Durchhalteparole fürs zufrieden scheiternde Kreativprekariat daher. Wenn Chazelle in seiner Schlusssequenz Wunsch und Wirklichkeit ineinanderfließen lässt, dann wechselt sich das Wiedersehen zwischen Sebastian und Mia – aus mittlerweile getrennten Leben heraus – mit Super-8-Aufnahmen von den beiden als glückliches Träumerpärchen mit Nachwuchs ab. Den Status des romantischen Happy Ends als eine bloße Projektion betrauert der Film, um ihn nur umso nachhaltiger zum Fluchtpunkt seines Man-wird-ja-wohl-noch-träumen-dürfen zu machen. 

Träumen Sie gefälligst, und zwar am besten hiervon! Weil dieses autoritäre Credo La La Land vom ersten Moment an begleitet, lässt sich Chazelles Film nicht mal so richtig als eigenwilliges „Love it or hate it“ genießen. Aus jeder Konfrontation zwischen den sympathisch verrückten, im Kern aber ultrabraven Liebenden und ihrer feindlich gesinnten Umwelt, aus jedem Streit zwischen dem Jazzer und dem Barbesitzer spricht eine Erpressung des Publikums: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. „Fuck ’em!“, wie Sebastian über seine Kritiker zu sagen pflegt. Sollen sie doch Fahrstuhlmusik hören. Was gar nicht mehr so unattraktiv erscheint, wenn’s im Reich der Freiheit so zugeht wie in La La Land.

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Kommentare


Johannes Diehl

Haiaiai! Was ein Verriss. Jetzt hab' ich Angst.


Frédéric

Vor dem Film? Den eigenen Gefühlen, die einen so schnell betrügen?


flitzfitz

Ein derartiger Verriss wird diesem Film nicht gerecht. Es gibt gelungene Seiten, die einfach ignoriert werden. Es bleibt das Problem des Kritikers: ein Film-Nerd schreibt eine Kritik für seine Kollegen über die Fußnoten des Films...


Frédéric

Die Kritik ist eine Sicht, ein Angebot. Warum gleich die einfallsloseste Unterstellung, der Kritiker habe die falschen Absichten beim Schreiben? Vor allem angesichts dessen, dass es hier um alles andere als Fußnoten geht: Es geht um Freiheit, Lebensentwürfe und Hollywood!


flitzfitz

Die Kritik der Kritik ist auch eine Sichtweise. Falsche Absichten möchte ich nicht unterstellen, aber unausgewogen ist das Ergebnis meiner Meinung nach. Es geht auch einfach um Romantik, Liebe, Selbstverwirklichung. Nicht tiefgründig, kein Wagnis im Thema, aber rührend gespielt. Davon ist kaum die Rede. Aber von "Übergriffigkeit gegenüber der Filmgeschichte"", "Erpressung" "autoritär" "die Vergangenheit als neuesten Scheiß verkaufen"...als hätte Herr Karditzke einen anderen Film gesehen.

Danke für critic.de !


Frédéric

Unausgewogen: vielleicht, aber wenn, wäre das das Schlechteste? Ich find ja ausgewogene Texte oft unerträglich, weil sie so wenig dem ehrlichen subjektiven Blick entsprechen, sondern so tun, als wäre etwas auf einer Waage zu wiegen, ein Werk messbar. Das Wesen der Kritik ist für mich eine Positionierung, die den Raum dafür eröffnet, dass man sich dazu verhalten kann, dass man angeregt wird zu weiteren Gedanken. (Langsam muss ich mir den Film wirklich ansehen.)


Sean

Der Kritiker beschränkt sich auf wenige Punkte, die er meint an dem Film ausgemacht haben zu können. Viele positive Dinge wie die guten Schauplätze, sehr guten Schauspielerleistungen und die hervorragende Kameraarbeit bleiben dabei unerwähnt. Viele Kritiken relativieren sich sobald man weiß von wem sie geschrieben wurden und welche Perspektive derjenige dabei eingenommen hat. "Critic" darf dabei gerne etwas lockerer werden.


Sion

Gute Kritiken beschränken sich doch immer irgendwie auf wenige Punkte. Erst dadurch sind sie doch überhaupt in der Lage einen thematischen Bogen zu spannen und zu argumentieren. Der Text von Till Kadritzke hat einen klaren Fokus, ist wunderbar geschrieben und ich kann der Argumentation folgen. Für alles andere kann man weitere Kritiken zu Rate ziehen. Hier beispielsweise: http://www.filmgazette.de/?s=filmkritiken&id=1727


uschi ganssmann

endlich mal jemand, der den gleichen film wie ich gesehen hat.


Quichote

Danke, Till, Danke, Uschi! Hab' schon an mir gezweifelt, weil ich nicht fassen kann, dass so viele Leute den Film nicht ähnlich unsäglich finden wie ich. Gerade weil ich gerne träume, mich begeistere, anrühren lasse, bereit war, mich mitreißen zu lassen von diesem so gefeierten Film, war ich maßlos enttäuscht von der nur platt kleckklotzend behaupteten, aber mir gänzlich fehlenden angeblichen Magie des Films, ganz ähnlich der absurden Abwesenheit von Poesie damals in "Amelie", die dort ebenfalls penetrant behauptet wurde. Und dann diese Bemühtheit, gepaart mit dem spürbaren Zwang, dies großartig finden zu müssen. Eine ähnlich denkend und fühlende hab' ich noch gefunden im Netz, bei den Kommentaren zur Filmkritik auf der bigFM-Homepage ("Anna Bloom"). Wir sind nicht (ganz) allein ;).


Mirko

Eine merkwürdige Kritik.. schon allein das bei diesem "Musical" kein Wort über die Filmmusik zu lesen ist. Ich bin vlt kein feingeistiger Cineast, aber das dieser Film so schlecht sein soll kann ich nicht nachvollziehen.


Frédéric

Und ich dachte, der Film fordert ein, merkwürdig zu sein. Tja.






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