La Isla Mínima – Mörderland

Kurz nach dem Zusammenbruch des Franco-Regimes verschwinden in der andalusischen Provinz mehrere Mädchen. Alberto Rodríguez’ Thriller betrachtet seinen Mikrokosmos erst von oben – und wagt sich dann tief ins Innere.

Wissen und Sehen

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Synapsen! Das ist die erste Assoziation zur Credit-Sequenz von La Isla Mínima – lange Bahnen eines flüssigen Etwas, das durch ineinander verschlungene Zellen mäandert. Bis man erkennt: Keine Synapsen, sondern Landschaften sind es, die zu sehen sind – von ganz oben, von wo aus sich die Ornamente ihrer farbenfrohen Natürlichkeit entfalten können. Diese beeindruckenden Topshots erscheinen dem Zuschauer auch über die restliche Dauer des Films verteilt immer wieder – als ob der Film das Bedürfnis verspüren würde, zu all dem, was er in La Isla Mínima sehen könnte, eine Distanz zu wahren und zuerst von oben zu schauen, bevor er sich schließlich doch ins Innere wagt. Dass filmisches Sehen auch Mut und Wagnis bedeutet – Mut, in die versteckten Abgründe von Geschichten einzudringen –, davon zeugt La Isla Mínima.

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Eine lärmende und doch merkwürdig körperlose Masse umgibt die beiden Männer  – vor allem auf der auditiven Ebene –, die in den ersten Minuten des Films in eine andalusische Kleinstadt in der Nähe von Sevilla eindringen. Und ebenso eindringlich wirken jene ersten Bilder, durch die der Zuschauer die Atmosphäre der Provinz mehr erhascht als sie wirklich zu sehen bekommt. La Isla Mínima vom spanischen Regisseur Alberto Rodríguez ist ein klassischer Kriminalfilm: Die zwei Madrider Ermittler Juan (Javier Gutiérrez) und Pedro (Raúl Arévalo) werden aufs Land gerufen, um dort das Verschwinden zweier junger Mädchen zu untersuchen. Die Leichen der beiden sind nach 20 Minuten des Films gefunden. Wie immer geht es noch um das Finden des Schuldigen – und außerdem geht es um die Ermittler selbst.

Isolation und Mikrokosmos

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Die Kraft von La Isla Mínima entfaltet sich aus dem Dualismus eines Außen, das gewaltsam in ein Innen eindringt: die Großstadt-Polizisten, die gewaltsam in den Mikrokosmos der Provinz eindringen; der Zuschauer, der nach dem Überdauern der Topshots ebenso gewaltsam in die Handlung gedrängt wird. Die marode Provinz ist die eigentliche Protagonistin von La Isla Mínima – weil in ihrer subversiven Anmut sich das aggressive Potenzial der Handlung erst entfalten kann. Der Film spielt im Jahr 1980, und die Kleinstadt ist noch innerlich durchdrungen vom erst kürzlich zerfallenen Franco-Regime: Die Wände werden durch Hitler- und Franco-Porträts geschmückt, die verschreckten Bürger leben in Angst, geraten in cholerischen Auseinandersetzungen aneinander, sie trinken, überspielen ihre dunkelsten Geheimnisse, aber vor allem schweigen sie. Auch wenn zwei Mädchen vergewaltigt, gefoltert und brutal hingerichtet wurden – darüber wird hier nicht gesprochen. Vor der Lösung des Falls steht eine felsenfeste Mauer, die noch massiver wird, wenn der Blick von Ermittlern wie Zuschauer ständig durch Wände, Glasbausteine oder Äste verstellt und gestört wird. Die geheimnisvollen Räume des Dorfes, deren Durchdringung für die Aufklärung der Morde obligatorisch ist, taucht Rodríguez in gleißendes, zwielichtiges Seiten- und Gegenlicht. Körnig wirkt das Bild dadurch, und die Figuren die sich in ihm bewegen, werden zu Schattenwandlern – sie  haben stets zwei Gesichter: ein dunkles und ein helles, ein sichtbares und verschwundenes.

Erkenntnis

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Das Whodunit jedoch wird im Verlauf des Films sekundär: Viel eher meint die angespannte Situation in La Isla Mínima jeden Moment und allerorts zu eskalieren – und auch die Ermittler werden in gnadenlosen Großaufnahmen zum erbitterten Kampf gegen sich selbst gedrängt. Die brutale Enge des Dorfes lässt Juans Vergangenheit als franquistischer Regime-Handlanger hervorbrechen, als sein anfänglich überhebliches Desinteresse in fragwürdige und brutale Verhörmethoden umschlägt. Die gewaltvoll penetrierende Kamera mobilisiert den Topos des mysteriösen Charmes der Provinz mit seinen befremdlich wirkenden Bewohnern. Und wenn schließlich in einer der letzten Einstellungen des Films der Regen in langen Fäden auf die wieder aus dem panoramatischen Topshot erfasste Landschaft hinabfällt und die grausamen Morde, ihren Vollstrecker und ihre Aufklärer in Wasser hüllt, so wird deutlich, wovor die Kamera anfänglich die Augen verschließen wollte: vor jenem Wissen um die Abgründe menschlichen Daseins.

Trailer zu „La Isla Mínima – Mörderland“


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