La Grande Bellezza

Paolo Sorrentino schwadroniert filmisch über die Leere der Existenz.

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Wie den Stein in Bewegung versetzen? Paolo Sorrentinos neuer Film La Grande Bellezza beginnt mit diesem großen Problem und versucht es filmisch zu lösen. Mit schwebender Steadycam kreist er um ein antikes Bauwerk in Rom, lässt einen Opernchor zwischen den Säulen auftreten, nimmt Touristen in den Blick, welche die Sehenswürdigkeit mit ihren Kameras dann doch wieder stillstellen. Es ist ein faszinierender Einstieg in diesen Film, aber auch doch nur eine Reflexion über Stillstand und Fluss und keine wirkliche Mobilisierung des Steins. Und damit steht diese Anfangssequenz symptomatisch für einen Film, der zwar stetig in Bewegung bleibt, dabei aber doch als Monument gesehen werden will.

Nach der Eingangssequenz ein radikaler Schnitt, und wir sind mitten auf einer bunten Party von verkleideten Reichen und Schönen über den Dächern der Stadt. Elektropop wummert aus den Boxen, und mittendrin unser Protagonist, Jep Gambardella (Toni Servillo), ein durchaus elegant gealterter Schriftsteller, der nach seinem Jahrzehnte zurückliegenden Debütroman nicht mehr viel zustande gebracht hat, damit aber ganz gut leben kann. Ein wenig später wird er sagen, er wolle im Alter nur noch Dinge tun, die ihm Spaß machen. Paolo Sorrentino begleitet diesen Jep auf seinen Streifzügen durch Rom und bei seinen Begegnungen mit verschrobenen Figuren.

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Während Sorrentino in Il Divo (2008) seine extremen filmischen Mittel, seine farblichen Überhöhungen, Zeitlupen, schrillen Perspektiven und ästhetisierten Absurditäten noch einsetzte, um einem korrupten Politiker sein Anti-Denkmal zu setzen, deutet hier schon der Filmtitel auf höhere Ambitionen hin. Jede Einstellung in diesem Film, die nicht eh schon eine Skurrilität oder ein buntes Kostüm abbildet, will als visuelle Idee auffallen, kaum ein Bild, das nicht von einer schrägen Farbe oder einer farbigen Schräge bestimmt wird, von einer unkonventionellen Perspektive oder einem grimassierenden Gesicht. Diese rauschhafte und eigenwillig durchkomponierte Sicht auf Rom ist visuell immer wieder faszinierend. In Sorrentinos Universum der Farben und Flächen gibt es viel zu entdecken und überraschende Verbindungen zu knüpfen, das übersättigte Orange beispielsweise, das in so unterschiedlichen Formen auftritt wie in einer Baseball-Cap, einer Zitronenpresse und der Glut einer Zigarette.

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Doch wenn ästhetische Radikalität sich nicht mehr am Gewöhnlichen reibt, in nichts mehr einbricht, sondern zum Prinzip erhoben wird und sich nur noch selbst ausstellt, dann kann das, was überwältigen soll, auch schnell ermüden. Und vor allem in Verbindung mit einer Erzählstruktur, die das leere Umherdriften der großen Fellini-Figuren beschwören will und dabei doch so viel beliebiger daherkommt, stellen wir uns doch die Frage, was hinter dieser Ausstellung steckt. Was treibt die stetigen Kamerafahrten an, was verschiebt die unkonventionellen Perspektiven, was motiviert die überraschenden Schnitte? Für eine Antwort müssen wir uns dem Zentrum des Films nähern, diesem unnahbaren Jep, der in einer frühen Szene seine Weltsicht erklärt, als er einer Schriftstellerin die Verlogenheit ihrer behaupteten Ernsthaftigkeit vorwirft. Mehr zu wollen als Freude, das ist für Jep angesichts der Sinnlosigkeit des Daseins die pure Heuchelei.

Es ist wohl dieser Zynismus, der Jep daran hindert, wieder schreiben zu können, ja der jede Figur daran hindert, überhaupt zu handeln. Es ist dies der schmerzlichste Unterschied zu Sorrentinos großem Vorbild Das süße Leben (La Dolce Vita, 1960): Haben wir bei Fellini gerade Teil an den Erfahrungen, die den Helden Marcello zu seiner ähnlich radikalen Diagnose der reichen Künstlerszene Roms gelangen lassen, filtert Jep von Anfang an jegliche Erfahrung durch seinen Nihilismus, die damit nicht End-, sondern Ausgangspunkt von La Grande Bellezza ist. Er sucht nicht und findet schließlich nichts, er weiß von Beginn an, dass da nichts ist. Das Nichts ist nicht niederschmetternde Erkenntnis, sondern Prämisse.

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Sorrentino verdoppelt diese Haltung seiner Protagonisten filmisch, doch La Grande Bellezza wird dadurch nicht unbedingt herausfordernd, sondern zunehmend anstrengend. In seinem unnahbaren Verhältnis zum Material erscheint der Regisseur ähnlich arrogant wie sein Protagonist. Sorrentino sucht nicht nach der großen Leere oder spürt ihren Konsequenzen nach, er erzeugt und reproduziert sie stetig durch die eigene Distanz zum Gezeigten. Ob gesellschaftskritische Analyse von Oberflächlichkeit oder metaphysische Reflexion über die Leere des Daseins, beides setzt nicht den Rückzug voraus, sondern zunächst eine Verortung. Indem er sich selbst in ein Außen imaginiert, zum Künstler stilisiert, der uns sein großes Nichts vorführt, fordert er beim Zuschauer keine Haltung heraus, die über uneingeschränkte Zustimmung oder Totalverweigerung hinausgehen könnte. Mit seinem filmischen Nihilismus macht er sich letztlich unangreifbar, kann jeglicher Kritik mit dem Hinweis auf dieses Nichts, das er erfahrbar machen will, im Voraus begegnen.

Gegen Ende des Films führt Sorrentino seinen Helden über die Erinnerung an eine Jugendliebe doch langsam zurück zum Leben und zeigt, dass er sich Jeps Haltung keineswegs zu eigen machen will. Doch Lebensbejahung über zweieinhalbstündige Leblosigkeit vermitteln zu wollen, das führt doch, wie La Grande Bellezza vorführt, zu einem affektlosem und intellektualistischem Kino. Die überhebliche Distanz zwischen dem filmischen Blick Sorrentinos und allem, was er in diesen Blick nimmt, errichtet im Laufe des Films eine Wand zwischen Leinwand und Zuschauer, durch die wir zwar hindurchsehen können, die uns aber schließlich kein Verhältnis zum Geschehen mehr ermöglicht, das über die Kenntnisnahme hinausgeht. Sorrentinos Kritik an der Teilnahmslosigkeit verdammt uns selbst zu einem teilnahmslosen Publikum.

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So wird die immer mal wieder faszinierende Wildheit der Bilder durch die Berechnung gezähmt, mit der Sorrentino seinen Film als Aktualisierung Fellinis gesehen haben will. Das Einzige, was er ernst nimmt, ist das eigene Werk, das weder berührt noch erschüttert, sondern nur nach stiller Bewunderung strebt. La Grande Bellezza ist deshalb nicht nur ein Film über einen Zyniker, es ist vor allem zynisches Kino.

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