La folie Almayer

Chantal Akerman trifft auf Joseph Conrad für ein artifizielles Familiendrama mitten im Herz der Finsternis.

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La folie Almayer saugt den Zuschauer mit einer grandiosen Eröffnungsszene in eine ganz eigene Welt. Die Kamera schwebt hinter einem Mann, der eine Bar betritt. Langsam schreitet er durch das Lokal bis zur Bühne, auf der ein junger Schönling Dean Martins Hit „Sway“ singt. Hinter ihm tanzen währenddessen mehrere Frauen eine Art Hula. Plötzlich steht der Mann auf der Bühne und rammt dem Sänger ein Messer in die Brust. Die Tänzerinnen nehmen kreischend Reißaus, nur eine führt ihre Bewegungen unbeirrt weiter aus. Erst als aus dem Off jemand sagt: „Dain ist tot“, geht die junge Frau auf uns zu, blickt direkt in die Kamera und singt Mozarts „Ave Verum“.

Chantal Akerman beginnt ihren neuen Film mit dem Schluss und springt anschließend in der Zeit zurück. Den anfangs eingeschlagenen Kurs behält sie auch im weiteren Verlauf von La folie Almayer bei. Sie verwendet starke Stilisierungen und Musik aus sehr unterschiedlichen Quellen, und sie nimmt sich viel Zeit, um ihre Geschichte auszubreiten.

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Seit den späten 1960er Jahren dreht Akerman nun schon Filme. Experimentelle Arbeiten (Je, tu, il, elle, 1976) ebenso wie romantische Komödien (Eine Couch in New York, Un divan à New York, 1996) und formal strenge Dokumentationen (De l’autre côté, 2002). Konzentriert man sich lediglich auf die Handlung, ist La folie Almayer ein konventioneller Spielfilm, eine freie Bearbeitung von Joseph Conrads erstem Roman Almayers Wahn und nach Die Gefangene (La captive, 2000) Akermans zweite Literaturadaption. Bei Conrad geht es um einen holländischen Handelsmann, der sich nach Malaysia abgesetzt hat, um das große Geld zu machen. Mit einer Einheimischen zeugt er schließlich eine Tochter namens Nina. Aus ihr will er eine Weiße machen, ihr alles Malaysische austreiben. Doch während sie mit einem Einheimischen anbandelt, verfällt Almayer allmählich dem Wahnsinn.

Akerman verändert mehrere Details, macht in ihrer Adaption aus dem Holländer einen Franzosen und verlegt die Handlung in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts – in eine Zeit, in der Malaysia noch britische Kolonie war. Neben dem leicht inzestuösen Vater-Tochter-Verhältnis ist es dann auch vor allem der Konflikt zwischen einheimischer und kolonialer Kultur, die den Film bestimmt. Almayer lebt zurückgezogen in seiner Hütte und hasst das Land, in dem er lebt. Wenn die Bediensteten bei einer Bootsfahrt ein Volkslied anstimmen, übertönt er sie mit schlecht nachgesungenem Chopin.

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Zwar wurde der Film eigentlich in Kambodscha gedreht und die Malaysier reden hier Khmer, um Authentizität und Realismus geht es Akerman aber ohnehin nicht. Sie verwendet die für sie typischen Stilmittel: lange statische Einstellungen und gemächliche Kamerafahrten. Die Bilder dominiert eine alles verschlingende Dunkelheit. Angelehnt an Conrads berühmtesten Roman könnte man La folie Almayer als eine Reise in die Finsternis beschreiben. Nur an ausgewählten Stellen dringt Licht in die Bilder, reflektiert auf der schwarzen Wasseroberfläche oder definiert die verschiedenen Bildebenen in den komplexen Kompositionen von Akermans Stamm-Kameramann Raymond Fromont.

La folie Almayer erzählt seine Geschichte mit wenigen Worten und ist dramatisch auch nicht besonders verdichtet. Nachdem Nina aus einem Internat für Europäer geworfen wird, folgen mehrere wortlose Plansequenzen. Sehr lange läuft sie eine Straße entlang, klaut einen Apfel, uriniert in eine Gasse und landet schließlich völlig desolat an einem Pier. Man muss sich ein wenig gewöhnen an diese Art der Erzählung, an Akermans langsames Vortasten zu Figuren und Schauplätzen.

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Nicht nur durch seine stilisierte Formsprache wirkt der Film ausgesprochen künstlich. Auch das verfremdende Spiel der Darsteller tötet jeglichen Anflug von Realismus ab. Auf der einen Seite gibt es das theatralische Spiel von einem Profi wie Stanislas Merhar als Almayer. Die letzte Einstellung ist eine Großaufnahme seines Gesichts, die über mehrere Minuten seine Regungen einfängt. Als Kontrast dazu setzt Akerman Laiendarsteller wie Aurora Marion als Nina ein, die den gesamten Film ausgesprochen steif wirkt. Vielleicht steckt dahinter auch ein Konzept. Immerhin erklärt Nina in einem Monolog, dass ihr Herz durch die ewigen Diskriminierungen aus der Internatszeit abgetötet wurde.

So oder so, La folie Almayer hat seinen Kunstwillen und eine gewisse Verweigerungshaltung gegenüber einem konventionellen Kino in jedes Bild eingeschrieben. Lässt man sich aber erst einmal darauf ein, offenbart sich eine erfreulich ungewöhnliche Conrad-Adaption.

Trailer zu „La folie Almayer“


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