Das unbekannte Mädchen

Konzentriert das Stethoskop im Ohr: Die Dardenne-Brüder hören in die Welt hinein, wie ihre Protagonistin in die Körper.

La fille inconnue 02

Die persönlichen Zwangslagen und die moralischen Konflikte allererster Ordnung – damit schließen Jean-Pierre und Luc Dardenne an ihr ganz frühes Schaffen an, an jene Filme, deren Titel jeweils nur ein Wort heraushoben: Das Versprechen (1996), Der Sohn (2002), Das Kind (2005); Filme, die sich also konzentrierten, auf eine Rolle, eine Position, einen Begriff, und die all das mit dieser Konzentration aufsprengten, problematisierten, dramatisierten –, diese Zwangslagen und Konflikte also finden statt in einer Umgebung der Ausfallstraßen. Hinter Bauzäunen wächst hoch das Unkraut, dahinter und daneben brache Flächen, Tankstellen, Industrieruinen. Man muss sich irgendwo zwischen Autobahn und Stadt befinden, irgendwo in einer Transitzone zwischen einer strukturierten Welt und der Möglichkeit, sie zu verlassen. In den Wohnräumen dieser Zwischenwelt, die freilich nur mit dem Nötigsten ausgestattet sind, wird der Instantkaffee im Topf erhitzt und das Essen auf einer Camping-Kochplatte gekocht. Jenny Davin lebt in dieser Welt. Sie ist Ärztin, und die Praxis, die sie betreibt, ist direkt unter ihrer Wohnung – ohnehin, und darauf legt die Inszenierung auch Wert, wird zwischen Praxis und Wohnraum keine klare Grenze ausgewiesen. Jenny arbeitet immer. Nur einmal sehen wir sie schlafen, da wird sie aber prompt auch aus dem Bett geklingelt.

Merci Jenny!

Mit einem Fuß steht die junge Frau außerhalb dieser Zubringerstraßen-Umgebung. In einer renommierten Klinik wird sie bald eingestellt werden. Man empfängt sie mit einem Glas Sekt, überrascht sie mit dem nagelneuen Türschild an ihrem baldigen Sprechzimmer. Aber Jenny ist so durch und durch Ärztin, dass der private Erfolg für sie kaum etwas zählt. Beim Empfang klingelt das Handy – jenes Handy, das ununterbrochen klingelt –, die Mutter eines Patienten ruft an, und Jenny muss wieder weiter. Ein krebskranker Junge überrascht sie bei ihrem Hausbesuch, singt ihr ein Lied zum Abschied: „Merci, Jenny!“ Der junge Mann ist stolz, sie freut sich kurz, dann beginnt sie auch schon mit der Untersuchung: „Jetzt, wo ich schon mal da bin“, sagt sie. Die Rolle der Ärztin – Adèle Haenels präzises Spiel ist von geradezu abnormer Konstanz – ist eine glasklar definierte: Gleich zu Beginn schnauzt sie ihren Praktikanten an, weil dieser bei einem epileptischen Anfall eines Kindes aus der Rolle fiel, den Schock zuließ, der in dieser Rolle keinen Platz hat.

Der Platz der Schuld

La fille inconnue 01

Das Ausloten dieser Rolle – ein Ausloten, das weitgehend im Gesicht Jennys stattfindet, die sich einen nüchternen Blick antrainiert hat, die Contenance wahrt und ebenso selten lächelt, wie sie weint; beides gilt es zu vermeiden, und wenn es geschieht, bricht es durch, macht sich dort breit, wo es nichts zu suchen hat – bestimmt die Bewegung von La fille inconnue. Diese Rolle steht auf dem Spiel in diesem Film. Es ist weniger die Persönlichkeit als die Rolle, die vor dem Ereignis, das in Jennys Leben tritt, Bestand haben muss. Die Praxis ist schon geschlossen, es klingelt an der Tür – Jenny öffnet sie nicht. Die Sprechzeiten sind vorbei, nun stehen Patiententelefonate an. Später wird sie erfahren, dass das junge Mädchen vor ihrer Türe Schutz suchte, dass sie kurz, nachdem sie dort klingelte, ums Leben kam, dass sie wahrscheinlich ermordet wurde. Sie war noch keine achtzehn Jahre alt. Die Rolle der Ärztin wird an ihre Grenze getrieben, an jene Grenze, an der das ärztliche Schuldgefühl in ein persönliches Drama kippt, in der die Rolle zu bröckeln beginnt. Was nach dem Tod des jungen Mädchens geschieht, ist eben jene Prekarisierung der Rolle, in der sich Jenny eingerichtet hat, so vollumfänglich, dass sich beinahe jede Alltagshandlung dieser Rolle unterwirft: Während der Autofahrt telefoniert sie mit Patienten, während des Kochens klingelt es an der Tür. Nur zweimal sehen wir sie eine Zigarette aus dem Fenster rauchen – kurze Momente einer stummen Privatheit.

Ein Realismus wie dieser

Das Dilemma der eigenen Schuld, des eigenen Fehlverhaltens, wird bei den Dardenne-Brüdern auf genau dieser Ebene ausgetragen und von dieser perspektiviert. Eben das macht ihren konzentrierten Realismus aus. Die Figuren schleudert es nicht aus dem Leben, nicht hinein in vom Pathos gezeichnete Abstiegsszenarien, in denen das eigene Leben auf dem Spiel stünde, nicht mehr lebenswert erschiene, in denen die Schuld den psychischen Apparat auffräße. Es schleudert sie aus der Rolle. Die einen mehr, die anderen weniger. Der junge Praktikant hängt die Profession gleich an den Nagel. Das mit dem Arzt ist wohl doch nicht das Richtige. Jenny beginnt stattdessen dem Kriminalfall nachzugehen, zeigt überall das Foto der Ermordeten herum, hofft ihren Namen zu erfahren. Einmal wird sie auf der Polizeistation dafür gerügt: Detektivin – das sei nicht ihre Rolle! Nein, Jenny ist Ärztin. In ihrer Welt geht es darum, auch jene Körper zu verarzten, die sie bedrohen, Schweigepflichten einzuhalten, Vertrauen zu schaffen, den Kuchen der Patienten zu essen. Um diese Parameter dreht sich La fille inconnue, zwischen ihnen spannt das Drama dieses Films, werden die Wunden geschürft. Viele Dardenne-Skeptiker sehen das anders, aber in einem Realismus wie diesem ist auch die Heilung realistisch.

Trailer zu „Das unbekannte Mädchen“


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