L.A. Crash
In seinem Episodenfilm beleuchtet Paul Haggis die zerstörerische Kraft von Vorurteilen und beweist anhand seiner differenziert gezeichneten Charaktere, dass niemand so ist wie es zunächst scheint.

Spätestens seit Michael Moore wissen wir, dass die Hauptursache für Rassismus und Gewalt in Amerika in der Angst der Menschen voreinander begründet liegt. Paul Haggis, der neben seiner Arbeit als Autor und Produzent fürs Fernsehen auch das Drehbuch zu Million Dollar Baby (2004) verfasste, widmet sich in seinem Debütfilm L.A. Crash (Crash) ganz diesem Thema. Nachdem das gemeinsam mit Bobby Moresco verfasste Drehbuch ohne konkreten Auftrag entwickelt wurde, gelang Haggis mit der Hilfe zahlreicher Produzenten so etwas wie ein gehobener Independentfilm mit Starbesetzung. Neben Don Cheadle, Matt Dillon und Brendan Fraser gibt es unter anderem eine gegen den Strich besetzte Sandra Bullock als zickige Politikergattin zu sehen.
In bester Short Cuts-Manier wird von den Ängsten und Vorurteilen unterschiedlichster Bewohner, vom einflussreichen Politiker bis zum Ghettogangster, der Millionenmetropole erzählt, wobei sich das Problemfeld hauptsächlich auf Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe und nationaler Herkunft begrenzt. Dabei wird ziemlich schnell die betont differenzierte Charakterisierung der einzelnen Figuren deutlich. Hier ist niemand nur Opfer oder Täter von Vorurteilen, sondern beides. Dass alle Menschen eine gute und eine böse Seite haben, zeigt sich besonders durch Matt Dillons Rolle: Einerseits ein rassistischer Polizist, der seine Machtposition gerne zur Diskriminierung ausnutzt, pflegt er auch liebevoll seinen kranken Vater und rettet das Leben der Frau, die er tags zuvor noch sexuell belästigt hat. Die Figuren halten selten, was ihr erster Auftritt verspricht und Haggis spielt dabei mit den Vorurteilen des Zuschauers, indem er diese immer wieder in Frage stellt, aber ebenso oft auch bestätigt.

Die größte Stärke des Films ist gleichzeitig auch seine größte Schwäche. Haggis vertraut ganz auf die Emotionalität seiner Geschichte und den immer wieder überraschenden Wendungen, die dem willigen Betrachter eine permanente Achterbahn der Gefühle bescheren. Während zu Beginn des Films die Figuren nur kurz angerissen werden, dringt Haggis im Laufe der Handlung immer weiter in die jeweilige Welt des Betreffenden ein und zeigt letztendlich wie sich die Wege der verschiedenen Personen kreuzen oder sie, wie im Titel angegeben, aufeinanderprallen. Dabei bezieht der Film den Zuschauer geschickt in Konflikte und Fragestellungen rund um Schuld und Moral ein und verunsichert ihn in seinem Urteil über andere, so dass er sich ständig neu positionieren muss. Ausgehend von der Darstellung verzwickter Alltagssituationen wird uns dabei immer wieder indirekt die Frage gestellt: Und, wie würdest du in dieser Situation handeln? Unabhängig von den persönlichen Entscheidungen der Figuren werden die Ereignisse des Films auf geradezu spirituelle Weise zunehmend als vom Schicksal gelenkt ausgegeben und stellen damit ihre beeinflussbare Veränderbarkeit in Frage.
Einer derart subjektiven Perspektive kann man sich natürlich weitaus schwerer entziehen, als einer distanzierten und kritischen Sichtweise. Diese Emotionalisierung des Zuschauers erschöpft sich jedoch im überstrapazierten Konzept der endlosen 180°-Wendungen, die nach der Hälfte des Films zur Masche verkommen. Noch schlimmer wird es allerdings, als Haggis den von den Schicksalsschlägen der Figuren gebeutelten Zuschauer durch die Auflösung fast aller behandelten Konflikte befreien möchte. Das hoffnungslose Szenario des Films, das zwar nicht realistisch gezeichnet ist, sich aber durchaus der Realität bedient, weicht plötzlich einer vor Pathos triefenden Versöhnungsorgie, die abrupt und unverhofft in den Film hereinbricht und nahezu allen Figuren einen optimistischen Blick nach vorne gewährt. Auch wenn in diesem Gewirr aus übersteigerten Emotionen nicht alles harmonisch endet, wird die Aussichtslosigkeit der zuvor gezeigten und noch bestehenden Probleme von der Wucht der Rührseeligkeit erdrückt.

Genau in dem Moment, an dem alle Figuren durch persönliche Schicksalsschläge an ihre Grenzen getrieben wurden und alles in Scherben liegt, wird die harte Realität von kitschiger World Music zugekleistert und löst sich in Windeseile in Wohlgefallen auf. Das Ärgerliche dabei ist, dass L.A. Crash trotz einiger Plattitüden über weite Strecken wirklich fesselnd und unterhaltsam ist, seinen ganzen Bonus aber am Schluss wieder durch eine allzu schnelle Lösung der behandelten Konflikte verspielt. Daran können dann auch ein paar auflockernde Witzchen nichts mehr ändern. Am Ende des Films haben wir schließlich die etwas enttäuschende Botschaft verstanden: Nobody’s Perfect.
Kritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 21.07.2005
Kommentare zu L.A. Crash
Joker 13.12.2005 00:57
Der normale Wahnsinn; so nah am Leben, dass man es spüren kann
Stefan 25.03.2006 19:18
Ich stimme der Kritik des Films absolut nicht zu, ich halte den Film fuer grossartig. In amerikanischen Filmen werden Charaktaere meistens eindimensional gezeichnet, nicht in L.A. Crash. Jeder Charakter hat Tiefen, Ueberraschungen, Helle und daemonische Seiten, wirkt unberechenbar. Die ersten 50 Minuten sind gezeichnet von negativer Energie aller Akteure, durchdrungen von Hoffnungslosigkeit. Wahr, einige Geschichten loesen sich ueberzogen ins Positive auf, so ist es aber auch im echten Leben: selbst wenn es alles aussichtslos erscheint und duester, gibt es manchmal neue Perspektiven und Liebe, wo Du es nicht erwartest. Nicht alles Geschichten loesen sich ins Rosarote auf: die Mutter des Detectives verleugnet ihren eigenen Sohn, und der junge Polizist, der sich moralisch als ueberlegen sieht, bringt einen Farbigen um, nur weil er glaubt, dass dieser ihn mit einer Waffe bedroht. Er toetet ihn auf Grund der Annahme, dass Farbige eben Waffen tragen, und unterliegt so seinen eigenen Vorurteilen. Diese Charaktaere leben weiter mit Verzweiflung und Schuld. Das Drehbuch bringt geschickt alle Faeden zusammen und schont den Betrachter nicht mit Realismus, aber auch nicht mit tiefen Emotionen. Kino ist der Ort von Emotionen, das scheint der Kritiker wohl nicht zu vertragen.
Zipper 31.05.2006 20:24
Dieser Film ist die grösste Scheisse, die ich jeh gesehen hab! Keine richige Handlung, einfach ein paar (irre) Leute gefilmt die abwechslungsweise ausrasten oder Dreck am Stecken haben. Abfall, ist bei mir auf der Blacklist!
Seppzilla 01.06.2006 22:49
Hey Zipper, sei nicht so hart mit dem Urteil. Immerhin hab ich gut geschlafen...Eins frag ich mich: L.A. ist eine Millionenstadt, und ausgerechnet immer dieselben Figuren treffen aufeinander. Voll unrealistisch, net?
aleka´s attik 13.08.2006 20:28
Kino ist NICHT der ort für Emotionen, der Film ist NICHT die grösste Scheiße, es geht hier nicht um realismus und die Kritik ist völlig in Ordnung so wie sie ist.
Es spricht doch für den Film, dass er gut ist trotz pathetischer Gesten und pseudo-melancholischer Musik eines R´n´B Sängers mit Cowboyhut. Wenn sonst nichts anderes dann beweist er zumindest, dass die Schnitt-Oscars nicht willkürlich vergeben werden, wovon ich persönlich positiv überrascht bin.
viewer 05.05.2007 13:06
der film ist auch meiner meinung nach sehr gelungen.
dennoch ist es klar, dass nicht jeder diese art von filmen gewachsen ist.
nicht jeder beschäftigt sich gerne mit diesen themen, indenen jeder von uns seine eigene schuld erkennen wird, denn jeder hat vorurteile.
schon alleine das drehbuch finde ich genial,
wo die anfangsszene, auch die schlussszene ist und man schon vorher weiß, dass der schwarze umgebracht wird, der zuschauer, jedoch trotzdem hofft, das schicksal könnte sich wenden.
ein typischer verlauf von dramen, der auch bei shakespeare oft vorkommt.
die geschichte ist sehr gut aufgebaut und ich muss widersprechen, dass dies nur eine collage von kleinen emotonalen geschichten ist!
Martin Z. 06.09.2009 18:26
Der Film beleuchtet das Phänomen Rassismus von mehreren Seiten. Ein packender Bilderbogen zeigt uns einen kleinen Lebensabschnitt von einem Dutzend Figuren, die alle irgendetwas mit einander zu tun haben. Und um das zu bemerken müssen sie ihren eigenen Dunstkreis verlassen und in irgendeiner Weise mit anderen kollidieren, sagt einer. Drum der Titel! Obwohl es mit einem Unfall anfängt und auch so endet. Neben Zynikern und Frustrierten, neben Illegalität und Aggression, Morddrohungen und Prügeleien sieht man aber auch wie sich Kinder hingebungsvoll um ihre alten Eltern kümmern. Und man beginnt zu verstehen, warum der eine so handelt und nicht anders. Die Story um Matt Dillon ist besonders gelungen, nicht nur weil er vom Saulus zum Paulus wird, sondern wegen der Beziehung zu seinem Vater. Intelligent und ergreifend gemachter Film, bei dem nur auf die Dauer die immer wiederkehrenden Klangwellen und Chorgesänge nerven.
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Film-Angaben
Titel: L.A. Crash
Originaltitel: Crash
USA 2005
Laufzeit: 112 Minuten
Regie: Paul Haggis
Drehbuch: Paul Haggis, Bobby Moresco
Produktion: Paul Haggis, Don Cheadle, Marc R. Harris, Robert Moresco, Cathy Schulman, Bob Yari
Darsteller: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, Brendan Fraser, William Fichtner, Terrence Dashon Howard, Chris ‚Ludacris’ Bridges, Thandie Newton, Ryan Phillippe
Kinostart: 04.08.2005
DVD-Angaben
Titel: L.A. Crash
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 108
Extras: Audiokommentar; Hinter den Kulissen; Musikvideo; Kinotrailer
Verleih ab: 06.12.2005
Verkauf ab: 09.01.2006
Copyright L.A. Crash
Fotos: © Universum
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