The Summit

Präsident zwischen den Stühlen: Santiago Mitre inszeniert ein Gipfeltreffen und schickt dem argentinischen Präsidenten seine Tochter hinterher. Die bringt nicht nur ihre Nerven mit, sondern auch den Einbruch des Fantastischen in die Welt der großen Politik.

The Summit 6

Zugegeben, Hypnose klingt etwas altmodisch, so oder so ähnlich sagt das der anerkannte Psychiater zum argentinischen Präsidenten, bevor er dessen labile Tochter in Trance versetzt. Aber Präsident Hernán Blanco (Ricardo Darín) vertraut dem Experten, der ihm von seiner chilenischen Amtskollegin empfohlen wurde, und wir haben zu dem Zeitpunkt längst gelernt, Santiago Mitre zu vertrauen. Weil The Summit bislang so ein großer Spaß war, uns so flott und unprätentiös in die Welt lateinamerikanischer Großpolitik eingeführt und mit seinen House-of-Cards-mäßigen Hinterzimmertreffen genügend Spannung aufgebaut hat, gehen wir auch noch mit, wenn sich sein bis dahin straight erzählter Film ins Unbewusste vorwagt. Dort berichtet Tochter Marina (Dolores Fonzi) bald von einem Pferd, das sie einst besaß, als sie noch auf dem Land wohnte, berichtet von einem Nachbarn, von einem großen Feuer. Und wenn Präsident Blanco in einem an die Hypnose anschließenden vertraulichen Gespräch dem Psychiater erklärt, dass es das Grundstück und den Nachbarn gegeben habe, aber lange vor der Geburt seiner Tochter, dann kippt die Atmosphäre des Films. Und bei der gemeinsamen Gondelfahrt von Vater und Tochter steht bald nicht nur der Erpressungsversuch des enttäuschten Schwiegersohns des Präsidenten auf dem Spiel, sondern zwei einander ausschließende Erinnerungen. „Du hast deinen Mann doch erst später kennengelernt, als du in La Plata studiert hast“, sagt der Vater. „Ich habe niemals in La Plata studiert“, sagt die Tochter.

Common Man auf Weltbühne

The Summit 3

Der Einbruch des Fantastischen ist ein beliebter Topos in der argentinischen Literatur, und Santiago Mitre nutzt ihn sehr schlau, um dem ewigen Thema der Vergangenheitsbewältigung einen unheimlichen Twist zu geben. Das Fantastische stört dabei einen Gipfel der lateinamerikanischen Regierungschefs, der ohnehin schon unter Spannung steht. The Summit spielt nämlich auf 3000 Meter Höhe, in einem chilenischen Skigebiet, wo sich die Präsidenten Lateinamerikas treffen, um über die Gründung der Southern Oil Alliance, einer Art Latino-OPEC zu verhandeln. Präsident Blanco ist als Einziger noch relativ frisch im Amt, und niemand kann ihn so recht einschätzen. Seinen Wahlkampf hat er mit „Common Man“-Slogans bestritten, doch schon jetzt wird er von den heimischen Medien als unsichtbar und wankelmütig verspottet. Die Chance steht also bevor, staatsmännisch zu handeln, aber das ist – zwischen der gebotenen Treue zu Brasilien, dem angehenden Anführer des neuen Bündnisses, und mexikanischen Überredungsversuchen, sich lieber an die USA zu halten – gar nicht so einfach.

The Summit 1

Mitre nutzt den Gipfel nicht, um Dinge zuzuspitzen, sondern in erster Linie, um Dinge miteinander zu verschalten: private und öffentliche Persona, lokale Skandälchen und große Geopolitik, Vergangenheit und Zukunft. Und auch wenn der argentinische Regisseur die Hinterzimmerpolitik mitunter sehr schlicht imaginiert (vor allem bei einem Auftritt von Christian Slater als fiesem US-Unterhändler), funktioniert diese Verdichtungsarbeit im Großen und Ganzen doch hervorragend: Damit das lokale Skandälchen nicht die große Politik in den Hintergrund drängt, lässt der Präsident vorsichtshalber seine Tochter nach Chile nachfliegen, die dann eben nicht nur Privates in Öffentliches injiziert, sondern Blancos Zukunftsmanagement der Nation stört, indem sie von vergangenen Dingen spricht, die sie nicht wissen kann oder nicht wissen darf. Wir sehen von dieser Tochter zunächst nur den Finger am Smartphone, den Pelzmantel, den Hinterkopf. Und klar, Marina ist eine Nicht-Figur, die im Setting von The Summit eigentlich nicht existieren darf, die das Öffentliche, Globale, Zukünftige mit dem Privaten, Lokalen, Vergangenen auflädt. „Mörder!“, wird sie am Ende des Films schreien, aber natürlich nur, wir sind schließlich auf einem wichtigen Gipfel, als Verrückte, die der Behandlung bedarf. Und dieses Mal besser nicht mit Hypnose.

Trailer zu „The Summit“


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