Das blaue Zimmer

Die Grenzen der Interpretation: Mathieu Amalrics irreführender Kriminalfilm im 4:3-Format entwickelt eine verstörende Kraft.

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„Die Fotografie ist die Wahrheit. Und das Kino ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde“, heißt es bei Jean-Luc Godard. Um die Wahrheitsfindung geht es in Mathieu Amalrics neuer Regiearbeit Das blaue Zimmer (La chambre bleue), einer Adaption des gleichnamigen Romans von Georges Simenon. Amalric selbst spielt Julien, einen erfolgreichen Geschäftsmann mit hübscher Frau (Léa Drucker), süßer Tochter und protzigem Neubau vor den Toren einer französischen Kleinstadt. Was will Mann mehr? Als ihm seine Jugendbekannschaft Esther (Stéphanie Cléau) über den Weg läuft, stürzt er sich in eine Amour fou mit fatalem Ende. Als erotischer Thriller ist der Film angekündigt, doch geht es mehr noch um die Frage, ob sich Emotionen in Wort und Bild ausdrücken lassen und ob Bilder lügen können. Julien sitzt in einem stickigen Büro vor dem Staatsanwalt, genial gespielt von Laurent Poitrenaux, und versucht zu rekonstruieren, was da eigentlich passiert ist. Und auch der Film lässt seine Zuschauer fast eine Stunde lang im Unklaren darüber, was eigentlich verbrochen wurde.

Montage als Kaleidoskop

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„Das Leben ist ein anderes, wenn man es lebt, als wenn man es hinterher auseinandernimmt,“ gesteht der Befragte entmutigt. Der Film springt permanent zwischen den Erzählebenen und konfrontiert das Erleben mit dem Erzählen, das Bild mit dem Wort, die Kälte der Ermittlungen mit der Hitze der Emotionen. Effektbewusst und präzise arbeitet Amalric mit dem Schnitt und lässt die Handlungsstränge über die Ton- und Bildspur ineinandergreifen. Die Kamera blickt in ein Hotelzimmer. Schnitt. Die Tür geht auf, aber jetzt sind wir im Büro des Staatsanwalts. Die Montage funktioniert hier wie ein sich drehendes Kaleidoskop: ein Cut, und der Blick ist ein völlig anderer.

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Aus dieser genialen Konstruktion zieht der Film seine verstörende trügerische Kraft. Permanent wird der Zuschauer auf eine Fährte geschickt, die ein kleiner Dreh zunichtemacht. Oder vielleicht doch nicht? Selten liegen Bedeutung und Bedeutungslosigkeit so nah und gleichberechtigt nebeneinander wie in diesem Film. Trotz der Kürze von Das blaue Zimmer (76 Minuten!) gibt Amalric seiner Inszenierung Zeit für Bilder, die offensichtlich nichts bedeuten: der Flur eines Hotels; ein rosafarbener Betriebsraum am Meer, dem die Farbe abblättert; eine Biene, die im Hotelzimmer, auf einem Eis, auf einer Tapete mehrfach wieder auftaucht. Daneben insistiert die Kamera immer wieder auf vermeintlich verräterischen Details, die in langen Großaufnahmen gezeigt werden. Eine Lippe wird blutig gebissen, ein roter Marmeladenfleck tropft auf eine Computertastatur, ein rotes Handtuch hängt über einer Balkonbrüstung. Warmes Rot im Kontrast mit kühlem Blau, die unkontrollierten Emotionen gegenüber dem sachlichen Verstand – eine Diskrepanz, die sich auch in der Doppelbedeutung des französischen Wortes „chambre“ als Schlafzimmer oder eben auch Gerichtskammer widerspiegelt.

Ein Film voller Rätsel

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Jede einzelne Einstellung wird dem Zuschauer zu einem Rätsel, das es zu lösen gilt. Hat Julien nicht ein gewisses Aggressionspotential? Schließlich hat er seine Frau im Spaß einmal fast ertränkt und von der Leiter gestoßen. Was ist mit den geheimnisvollen Briefen, die er bestreitet erhalten zu haben und die er doch selbst vernichtet hat? Ist es ein Zufall, dass Esther bei der ersten und der letzten Begegnung dasselbe Kleid trägt? Und was lässt sich in seinem verängstigten, übermüdeten, fragenden Gesicht lesen, in das der Zuschauer zusammen mit dem Staatsanwalt blickt? Nebenbei bemerkt ist Amalrics Präsenz auf der Leinwand ebenso intensiv und präzise wie seine Regiearbeit.

Alfred Hitchcock hat in Die rote Lola (Stage Fright, 1949) dem Kino das Lügen gelehrt. In einer Rückblende erzählt dieser Film die Lügengeschichte einer der Figuren, und der Zuschauer hält diese aufgrund der vermeintlichen Objektivität der Bilder für bare Münze. Im fulminanten Ende wird die Frage von Schuld und Unschuld, von Wahrheit und Lüge, eindeutig geklärt. In La chambre bleue geht es in letzter Instanz gar nicht mehr darum. Am Ende lässt uns dieser Film an seiner hermetischen Oberfläche abblitzen und zeigt uns, wo sie sind, die Grenzen der Interpretation.

Trailer zu „Das blaue Zimmer“


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