La casa dell'orco

Eine Kreatur aus dem Keller macht Jagd auf drei Amerikaner in einem italienischen Schloss, und Lamberto Bava zeigt Dynamiken im Kleinst-Kosmos Familie.

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Die Villa und die Gruft, das sind auch in Le Casa dell’orco (1988) Lamberto Bavas zentrale Motive. Es ist ein vermutlich im besten Sinne freudianischer Film – auch wenn man das Psychologie-Handbuch lieber im Regal lässt: Eine mit sich selbst ringende Schreiberin – sie verfasst passenderweise Horrorgeschichten – begibt sich mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn auf Urlaub in ein abgelegenes italienisches castello, in dessen Gemäuern sich nicht nur ein riesiges Kellergewölbe (das zumindest gruftartig anmutet) befindet, sondern auch ihre eigenen frühkindlichen Erinnerungen wieder hervorkriechen, wie die kleinen Fliegen aus einem morschen Billardtisch, der in einem der unzähligen Räume dieses Gebäudes steht.

Ein Kindheitsalbtraum

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Dabei begeht Bava gleich zu Beginn einen „Kardinalfehler“ – indem er seine Zuschauer ein bisschen für dumm verkaufen will: Eine Einblendung suggeriert noch vor den Credits, wir würden uns in Portland, Oregon befinden. Eine Angabe, die überhaupt nichts zur Sache tut, eine Behauptung, die fast schon schelmisch an den Anfang des Films gestellt ist, ein Augenzwinkern vielleicht, das uns sagen will: Hier ist nichts, wie es scheint, und ihr müsst auch nichts glauben, was man euch hier sagt. In „Portland, Oregon“ liegt ein kleines Mädchen albtraumgeplagt im Bett, bis es aufsteht und mit seinem weißen Teddybären das Kinderzimmer verlässt. Ab dann herrscht Grund, stutzig zu sein – und zu staunen: Denn der Raum außerhalb des Zimmers entpuppt sich als weitläufiges Gefüge von Räumen und Gängen, labyrinthartig fast, verstaubt, voller Spinnweben, Ritterrüstungen und Plunder, den man nicht mal in den schrulligsten amerikanischen Haushalten finden würde. Der nächtliche Spaziergang endet im Keller, wo die Kleine an der Decke hängend (oder eher: aus ihr erwachsend) ein riesiges, embyroartiges Gebilde entdeckt, das sie in Angst und Schrecken versetzt – vor allem, als daraus der namensgebende Oger schlüpft und sie attackiert … Der Traum ist zu Ende, und die Mutter beschwichtigt das hysterische Mädchen am Bett mit der alten Weisheit, dass die Monster nur in unseren Träumen existieren. Doch der Lieblingsteddy bleibt trotzdem verschwunden …

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In diesen ersten Minuten macht uns Bava zugleich mit dem „Layout“ des Films und der Location vertraut. Man muss kein Genie sein, um zu erkennen, dass unsere inzwischen erwachsene Protagonistin Cheryl (Virginia Bryant) dereinst als Kind diesen Albtraum hatte und sie in den Sommerferien, ohne es zu wissen, an diesen Ort des Schreckens zurückkehrt – ungeachtet der obligatorischen Warnungen, die die Bewohner des nächstgelegenen Dorfes aussprechen. Die kleine Familie ist zunächst einmal erschreckend „normal“ – Mutter Cheryl, Vater Tom (Paolo Malco), Sohn Bob (Patrizio Vinci) – Amerikaner, die seit einigen Jahren in Italien leben und ein paar Monate außerhalb der Stadt verbringen möchten, vor allem, weil Cheryl in ungestört-anregender Atmosphäre an ihrem nächsten Bestseller arbeiten will. Dass diese Arbeiten in einem wunderschön-weitläufigen Schloss (das „casa“ im Filmtitel ist eine dieses Gemäuer beleidigende Untertreibung) vonstatten gehen sollen, erstaunt einen schon eher. Wunderbar anzusehen ist vor allem in der ersten Hälfte des Films, wie sich die drei die Räume und das Drumherum nach und nach „er-leben“: Alles ist verstaubt, beinahe verwahrlost, und so zieht die Familie ihre Spuren durch diese toten Korridore und Zimmer, was für absolut stimmungsvolle Bilder sorgt.

Die Welten hinter den Wänden

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Auch das Exterieur kann sich sehen lassen und lädt mit seiner riesigen Gartenanlage zum Verweilen und Erforschen ein. Wie immer drängt sich da die Frage auf, wer sich um die perfekte Instandhaltung kümmert, wo doch die Gegend um das Gemäuer von den Dorfbewohnern gemieden wird wie das Weihwasser vom Teufel (man darf es an dieser Stelle ruhig erwähnen: Ausstatter Massimo Antonello Geleng – an zig Meisterwerken des italienischen Exploitationkinos beteiligt – leistet auch hier ganze Arbeit und lenkt mit sehr viel Liebe zum Detail die Augen der Zuschauer auf sein Werk). Bob und Tom ziehen bevorzugt draußen ihre Kreise, während Cheryl im Haus nach Inspiration unter den üppig bemalten Wänden sucht, die von fabelhaften Welten dahinter träumen lassen und in gewissem Sinne an Dario Argentos Großtat Suspiria (1977) erinnern. Noch expliziter bezieht sich Bava auf einen anderen Argento-Film, Inferno (1980), wenn Cheryl gegen Ende durch eine vergleichsweise winzige Öffnung in ein riesiges Wasserbecken im Keller steigt und dort herumtaucht.

Ab etwa der Hälfte des Films tauchen mit dem Schwesternpaar Anna (Sabrina Ferilli) und Maria (Stefania Montorsi) noch zwei weitere Figuren im Film auf. Anna freundet sich mit Cheryl an und vermittelt Maria als Babysitterin für Bob – schließlich wollen die Eltern ja auch mal einen Abend auswärts verbringen. Während Annas „Funktion“ etwas undurchsichtig bleibt – man hat zumindest den Eindruck, ihr Aufeinandertreffen würde Cheryl neue Schreibkraft geben –, endet Marias Nachmittag mit dem Jungen in den Klauen des Ogers.

Märchenhafte Unschuld

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Wer oder was aber ist nun diese Monsterfigur, die da Nacht für Nacht aus der Kellerdecke schlüpft, mit grausiger Fratze und adelig anmutender Kleidung? Die Antwort darauf mögen Bava und sein Co-Autor, Dardano Sacchetti, einer der Säulenheiligen des italienischen Horrorfilms, uns nicht so recht geben: Aus der „urban legend“, die zumindest zu Beginn angedeutet wird, wird am Schluss (ohne zu spoilern) Metaphysisches, was zum mäßigen Ruf des Films unter den Freunden der handfesten Horrorkost made in Italy beigetragen hat. Sacchetti war unter anderem auch verantwortlich für das Script von Lucio Fulcis Schauerstück Das Haus an der Friedhofsmauer (Quelle villa accanto al cimitero, 1981), und ein wenig fühlt sich auch dieser Film danach an, was wohl auch daran liegt, dass Hauptdarsteller Paolo Malco seine Rolle von damals wiederholt.

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Und zumindest an der Oberfläche (dreiköpfige Familie zieht in ein Haus mit Bedrohung im Keller) sind die Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Definitiv haben beide Filme mehr über Dynamiken im Kleinst-Kosmos Familie zu sagen, als ihnen wohl gemeinhin zugestanden wird (geradezu exemplarisch hierfür steht die Auflösung der Szene nach Cheryls Tauchgang). Doch wo bei Fulci am Schluss nur mehr die Rettung in eine andere Dimension bleibt, endet Bava hoffnungsvoller, friedlicher. Diese märchenhafte Unschuld nimmt nicht nur in gewisser Weise Bavas Fantasy-Filme aus den 90ern vorweg, sondern macht La casa dell’orco zum Horrorfilm für Alt und Jung.

Trailer zu „La casa dell'orco“


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