La Bohème

Die Geschichte vom armen Künstler und der schönen, aber todkranken Frau findet einmal mehr den Weg von der Bühne ins Kino. Die Diva-Qualitäten des Opernstars Anna Netrebko überstrahlen dabei eine hausbackene Inszenierung.

La Bohème

Die Oper gilt gemeinhin als die höchste Kunstform, weil sie Schauspiel, Musik, Malerei und Tanz verbindet. Freilich stammt diese Einschätzung aus der Zeit, bevor der Film erfunden wurde, der selbiges ebenfalls zu leisten im Stande ist, wenn auch gewissermaßen aus der Konserve, sprich auf Zelluloid, und nicht auf der Bühne.

Man sollte meinen, dass der Versuch, diese zwei zu vereinen, das Beste aus beiden Welten hervorbringen sollte. Robert Dornhelm, der in den vergangenen Jahren vor allem Historienverfilmungen fürs Fernsehen gedreht hat, nutzt für seine Kinoversion von Puccinis La Bohème aber leider nur die grundlegendsten und teilweise arg verstaubten Mittel sowohl der einen wie der anderen Form. Die Produktion fügt weder den Bühnenversionen etwas hinzu noch Wilhelm Semmelroths Verfilmung von 1965, die seinerzeit nichts anderes war als eine Übertragung der berühmten Mailänder La-Bohème-Inszenierung von Franco Zeffirelli. So hat der neue Film weder dem Cineasten noch dem Opernfreund etwas mitzuteilen.

La Bohème

Auch wenn in der Filmgeschichte immer mal wieder gerne Versatzstücke aus Opern aufgegriffen wurden, um von deren glamouröser Reichhaltigkeit zu profitieren (Diva, 1981, Das fünfte Element, The Fifth Element, 1997), ist die 400 Jahre alte Kunst der 100 Jahre jungen doch fremd geblieben. In Filmen wie Philadelphia (1993), in dem Tom Hanks sich als aidskranker Anwalt von Umberto Giordanos Arie „La Mamma Morta“ rühren lässt (gesungen natürlich von niemand geringerem als Maria Callas), wird die melodramatische Energie der Oper aufgesogen. Julia Roberts’ Pretty Woman (1990) weint beim ersten Opernbesuch ihres Lebens hemmungslos und beschwört damit eine Überwindung der Grenze zwischen Hochkultur und dem einfachen Volk herauf, quasi eine Demokratisierung der vermeintlich elitären Kunstform. Die Leute in Schlips und Kragen mögen sich besser auskennen, aber die Nutte von der Straße versteht instinktiv, was auf der Bühne geschieht.

Neben solcher Selbstbedienungs-Attitüde gegenüber der Oper gibt es nur wenige berühmt gewordene ernsthafte Auseinandersetzungen. Zwar haben sich viele Filmregisseure im Opernfach versucht, jedoch vorwiegend nicht im Film, sondern, ihrem angestammten Metier auf Zeit entfliehend, auf der Bühne. Peter Greenaway etwa, oder Doris Dörrie, Volker Schlöndorff und Christoph Schlingensief. Demgegenüber gibt es die Opernfilme von Zeffirelli (La Traviata, 1983) oder Versuchsanordnungen wie Aria (1987), einen Episodenfilm, in dem zehn Regisseure (darunter Robert Altman und Jean-Luc Godard) jeweils eine Arie bebildern.

La Bohème

Von der Risikofreude, die letzteren Film auszeichnet, ist La Bohème weit entfernt. Robert Dornhelms Inszenierung will um jeden Preis den Eindruck vermeiden, so avantgardistisch zu sein wie viele moderne Operninszenierungen es heutzutage sind. Brav wird die Geschichte um die tuberkulöse Mimi nacherzählt, eingebettet in ein herkömmliches Bühnenbild. Es handelt sich wohlgemerkt nicht um eine abgefilmte Theaterinszenierung. Aufwändig wurden eigens für den Film Kulissen gebaut, die einen hübschen, aber belanglosen Eindruck von Paris im 19. Jahrhundert geben. Aber wozu die Mühe? Bei jedem Bild hört man im Geiste die knarzenden Dielen eines mittelprächtigen Stadttheaters in den 50er Jahren.

Lässt man solche Einwände beiseite und stellt sich als Zuschauer jemanden vor, der noch nie in der Oper war, der sich aber freut, einmal die Netrebko zu sehen – nun, dieser Zuschauer dürfte sich nicht betrogen fühlen. Der Film fordert wenig und taugt sicher, um die Oper kennenzulernen. Anna Netrebko verfügt über mindestens so viel Leinwand- wie Bühnenpräsenz, was Dornhelm mit zahlreichen Großaufnahmen ihres Gesichts auszunutzen versteht. Die Kamera fungiert sozusagen als Opernglas. Um der Eintönigkeit zu entfliehen, setzt er auch jede Menge konventionelle filmische Zaubertricks ein; Überblendungen etwa oder Tiefenschärfe, auch einige sinnfreie Spielereien mit Farbe und Schwarzweiß. Netrebkos Dauerpartner Rolando Villazón als Rodolfo fällt es schwer, die übertriebene Mimik eines Opernstars abzulegen, die hier etwas deplatziert wirkt. Ganz wunderbar frivol und ungehemmt eitel wiederum gibt die amerikanische Sängerin Nicole Cabell den Part der Verführerin Musetta.

La Bohème

Wobei zwei Dinge noch erwähnt werden müssen: Von den elf Gesangsrollen werden sechs nicht von den Schauspielern selbst gesungen. Und die musikalische Einspielung einschließlich der Stimmen stammt aus einer konzertanten Aufführung.

Was aus einem Opernfilm werden kann, sollte man sich bei Baz Luhrmanns viel freierer Bearbeitung desselben Stoffs ansehen. Moulin Rouge (2001), wenn auch mit moderner Popmusik statt mit Puccini, ist eine Explosion an filmischen Möglichkeiten und zugleich eine Hommage an die oft mit dem dicken Pinsel gemalte Dramatik der Opernkunst. La Bohème dagegen hat nur einen einzigen Vorteil gegenüber dem Besuch im richtigen Opernhaus: Die Eintrittskarten sind billiger.

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